Sommerbuchclub 2017: Eine Frage der Zeit (von Alex Capus)

Erscheinungsjahr: 2007
Land: Tansania / Deutschland

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Eine Frage der Zeit“ als Ausgangspunkt für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Es ist keine umfassende Rezension, sondern ich greife erstmal nur ein paar Punkte als Diskussionsstart heraus. Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

Alex Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm das Dampfschiff „Götzen“ in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden. Diese Perspektive auf den Krieg macht die ganze Absurdität von Geopolitik viel deutlicher, als es der Fokus auf Europa könnte: Weil weit entfernt der Krieg ausgebrochen ist und Ostafrika strategisch und wirtschaftlich wichtig ist, müssen sich plötzlich zwei Schiffe quer über den Tanganikasee jagen. Dass die Götzen dafür als ziviler Dampfer nicht gemacht und das gegnerische belgische Kriegsschiff altersschwach ist, spielt keine Rolle. Bei aller Absurdität verschweigt Capus aber nicht, dass diese strategischen Spielchen ganz real Menschenleben kosten. Die Panik und Traumatisierung der Werftarbeiter, die sich plötzlich als Soldaten in einer Seeschlacht finden, beschreibt Capus sehr bewegend.

Die drei Werftarbeiter kommen als Außenseiter und Neulinge in die Kolonie und der Leser sieht durch ihre Augen die neue Umgebung. Das ist anschaulich und lebhaft erzählt, aber gleichzeitig liegt in dieser Perspektive mein einziger Kritikpunkt an dem Buch: Die Männer sind so sympathisch, kritisch und analytisch, dass es mir unrealistisch vorkommt. Dass der überzeugte Sozialdemokrat Wendt auf Grundlage seiner marxistischen Schulungen im Arbeiterbildungsverein seiner in der Kolonie plötzlich viel höheren gesellschaftlichen Stellung misstraut, würde ich Capus abnehmen– zumal Wendt seine anfängliche Absicht, keine Dienstboten einzustellen, nicht lange durchhält. Aber in diesem Roman scheinen fast alle Figuren zu begreifen, dass der Kolonialismus Unrecht ist. Und da fragt man sich als Leser doch, ob hier nicht eher der Autor mit der Perspektive des 21. Jahrhunderts spricht. Der Gouverneur Deutsch-Ostafrikas beispielsweise sagt einmal  „Das ist das Einzige, was ich den Schwarzen wirklich übel nehme, dass sie mich zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte, und dass ich als Mensch nicht die Wahl hab zwischen dem Guten und dem Bösen.“ Die Überzeugung, dass die Opfer ja selbst schuld seien, war sicher typisch für die Kolonialpolitik und auch die Kindererziehung des Kaiserreichs. Aber würde der Gouverneur wirklich so eindeutig die Prügel- und Kettenstrafen, die er einsetzt, als böse definieren? Ich bin mir nicht sicher. Die einzige Person im ganzen Buch, die den Kolonialismus uneingeschränkt prima findet und zudem auch auf den Ausbruch eines möglichst großen Krieges hofft, ist Oberleutnant Göring. Und damit der Leser auch ja versteht, dass hier ein Schurke sitzt, weist Capus in einem Nebensatz darauf hin, dass der Oberleutnant mit einem gewissen Hermann verwandt ist…

Die freundliche Ironie, mit der Capus seine Hauptfiguren am liebsten betrachtet, macht also in meinen Augen die deutschen Charaktere etwas unglaubwürdig. Weit besser funktioniert sie bei der vierten Hauptfigur des Buches, dem britischen Marine-Oberleutnant Spicer-Simson, der davon träumt, ein großer Held zu werden, und dabei immer wieder daran scheitert, dass er ein trotteliger Angeber ist. Die Kapitel mit Spicer-Simson sind witzig und bieten in meinen Augen etwas Entspannung von den großen moralischen Fragen der Geschichte um die Werftarbeiter. Gleichzeitig laäft natürlich auch dieser Handlungsstrang auf eine Seeschlacht zu…

Soviel erst einmal von mir. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!

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9 Antworten zu Sommerbuchclub 2017: Eine Frage der Zeit (von Alex Capus)

  1. Daniel schreibt:

    Dann will ich mal den ersten Kommentar schreiben. Mich konnte das Buch nicht wirklich überzeugen. Ich habe vor allem vier Kritikpunkte:
    Zu allererst finde ich das die Charaktere alle sehr klischeehaft und holzstichartig beschrieben werden. Ich finde es im Gegensatz zu dir sehr schwierig irgendeine Beziehung aufzubauen (weder Zuneigung noch Ablehnung). Wahrscheinlich der Hauptgrund das mich das Buch nicht wirklich fesseln konnte.
    Zum zweiten stört mich die vereinzelt genutzte Ironie extrem. Entweder das Buch wird komplett so geschrieben, dann ist es eine Satire. Oder ich lasse die Ironie und Absurdität der Situation deutlich subtiler wirken und muss dass nicht so offensichtlich nach dem Motto „Hier kommt jetzt Ironie“ machen. Für mich ein klarer handwerklicher Mangel von Capus.
    Der dritte Kritikpunkt ist der ständig Wechsel im Buch. Capus wechselt nicht nur die Hauptpersonen (was ich noch gut finde), sondern auch die Erzählform. Mal ist es Ich-Perspektive (die hält er aber nicht durch, sondern würzt sie mit Einwürfen des allwissenden Erzählers), dann schreibt er in Briefform. Dann wieder als Militärbericht. Ab und zu ein solches Stilmittel ist gut und wirkt, ständig benutzt zerreißt es die Geschichte und stört den Erzählstrom.
    Und viertens irritiert mich das erste Kapitel. Es ist kein Einstieg, auch kein roter Faden zum Ende. Es ist einfach ein willkürliches Kapitel ohne Zusammenhang. Sehr komisch.

    Im selben Setting aber deutlich besser umgesetzt hat das thematisch Jan Guillou mit „Die Brückenbauer“.

    Bin gespannt ob ihr das genauso seht.

    • Hallo Daniel,

      ich muss gleich noch einmal nach den unterschiedlichen Erzählstilen im Buch suchen, die dich so gestört haben. Mir sind sie gar nicht aufgefallen.
      Vielleicht hat das Anfangskapitel die Funktion, uns von Anfang an klar zu machen, dass die Träume der Werftarbeiter scheitern werden? Ich denke aber, dass es als Abschlusskapitel wirkungsvoller gewesen wäre. Ich habe übrigens recherchiert, was aus den drei Männern geworden ist: Sie sind alle in britische Kriegsgefangenschaft gekommen, Anfang der 1920er zurück nach Deutschland gelangt und dann in den späten 1930ern bzw frühen 1940ern gestorben. Daran, dass ich ihr weiteres Schicksal recherchiert habe (und enttäuscht bin, nicht mehr Details gefunden zu haben), erkennst du schon, dass mich die Figuren im Gegensatz zu dir schon berührt haben. Ich fand sie auch nicht wirklich holzschnitthaft, nur eben teilweise zu aufgeklärt für ihre Zeit.

      Dass K. und du von den Brückenbauern begeistert seid, habt ihr ja neulich schon erwähnt – muss ich vielleicht auch demnächst mal lesen…

  2. Matthias schreibt:

    Hallo allerseits, hier mein Beitrag zum Sommer-Buchclub 2017.
    Ich hatte beim Lesen dieses Buches einen gewissen Déjà-vu-Effekt in Bezug auf den letzten Buchclub, weil ich bei beiden Büchern vor allem über das Thema Kolonialismus nachgedacht habe. Ich entschuldige mich deshalb vorab gleich bei allen, die deshalb auch beim Lesen meines Beitrags ein Déjà-vu-Gefühl verspüren!
    Mein erster Punkt: ich stimme Sonja zu, die eher kolonialismusskeptische Haltung der deutschen Hauptfiguren scheint mir überhaupt nicht zu dem zu passen, was man über die deutsche Kolonialgeschichte weiß. In Berlin gab es vor einiger Zeit dazu eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, die wir besucht haben. Dort gab es auch eine Tafel über „Kolonialismuskritik“. Der konnte man ganz klar entnehmen, dass alles, was es damals in Deutschland an Kritik gab, sich auf Kritik an der Art und Weise der Kolonialverwaltung beschränkt hat. Die Annahme, dass die Existenz von Kolonien für Kolonisierte wie Kolonisatoren eine gute Sache ist, wurde von so gut wie niemand bezweifelt. Da zeigt sich für mich deutlich, dass das Buch aus heutiger Perspektive geschrieben ist – das ist bei historischen Romanen vielleicht schwer zu vermeiden, aber wenn es so offensichtlich ist, leidet das Buch meiner Meinung nach doch etwas darunter.
    Mein zweiter Punkt wird etwas länger. Was ich am interessantesten fand an dem Buch war das, was wir über das „Rätsel des Kolonialismus“ erfahren (das ist kein Fachbegriff, das nenne ich jetzt einfach mal so). Das Rätsel ist für mich das folgende: Wie ist es gelungen, die Kolonialherrschaften, in denen eine im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung winzige Gruppe Ausländer ein großes Land beherrscht und wirtschaftlich ausbeutet, so lange stabil zu halten? Und das, obwohl die koloniale Infrastruktur häufig geradezu lächerlich dünn war? Oder anders gesagt: es ist einerseits nicht überraschend, dass die Kolonialmächte so viele Gebiete erobern konnten. Mit überlegener Waffen- und Militärtechnik lässt sich eine gegnerische Feldarmee ausschalten und eine militärische Infrastruktur errichten, mit deren Hilfe man versuchen kann, ein größeres Territorium zu kontrollieren. Aber andererseits: Wenn diese neue Herrschaft von der lokalen Bevölkerung rundheraus abgelehnt wird, dann dauert sie meistens nicht lange. Egal ob mit passivem Widerstand oder mit Guerilla-Taktik, dem kleinen Grüppchen Besatzer kann das Leben dann schnell zur Hölle gemacht werden. Zugegeben, diese beiden Techniken wurden erst in den 1930er- und 1940er-Jahren so richtig populär, aber das Bewusstsein dafür, dass man als Kolonisator im Fall der Fälle mit seinem grandiosen Herrschaftsanspruch ziemlich alleine dasteht, war schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausgeprägt (Stichwort Indischer Aufstand von 1857), wenn nicht schon vorher (Stichwort Amerikanische Revolution).
    Also, warum hat das mit dem Kolonialismus nur so lange geklappt?
    Das Buch liefert meiner Meinung nach sehr gutes Anschauungsmaterial für diese koloniale Grundsituation. Die Hinweise darauf, wie das „Rätsel des Kolonialismus“ zu lösen sein könnte, sind nicht ganz so üppig, aber ein interessanter ist mir doch aufgefallen.
    Zunächst zur kolonialen Grundsituation: Die drei deutschen Hauptfiguren finden eine Kolonie vor mit einer Handvoll Deutschen, einer Eisenbahnlinie, ein paar vorwiegend einheimischen Soldaten, und am See findet sich bei Ankunft ein Kahn, die ganze „Flotte“ der deutschen Kolonie auf dem riesigen See. So beeindruckend eine Eisenbahnlinie damals in diesem Teil Afrikas gewesen sein mag und wie viele Opfer ihr Bau auch gekostet haben mag, es ist eine einzelne Eisenbahnlinie, und von ihr hängt im Landesinneren alles ab. Kein Wunder, dass Kapitänleutnant von Zimmer gehörig angst und bange wird, nachdem er den Massai mit der Nilpferdpeitsche hat auspeitschen lassen. Unter diesen Bedingungen führt eine Schreckensherrschaft schnell zum Streik oder zur Revolution, und wenn die Eisenbahn dann ausfällt oder von den Revolutionären sabotiert wird, ist man schnell sehr allein.
    Auf der belgischen Seite sieht es eher noch schlechter aus. Es gibt ja noch nicht einmal eine richtige Straße, um die britischen Boote nach Kalemie zu bringen, und der belgische Kahn ist noch weniger furchteinflößend als der deutsche.
    Die ganze Absurdität der Situation wird dann durch den Kriegsausbruch erst so richtig deutlich. Da haben es zwei Möchtegern-Herrscherkasten gerade so geschafft, so zu tun, als wären sie große Herrscher eines großen Territoriums, während sie sich in Wirklichkeit mehr schlecht als recht in ihrer Position halten können, und dann wollen sie noch gegeneinander in die Schlacht ziehen! Eigentlich sollte man da erwarten, dass die Einheimischen die Möglichkeit nutzen, um diese verrückten Typen in ihre Schranken zu weisen und nach Hause zu schicken.
    In Wirklichkeit war zum Zeitpunkt der Handlung des Buches sowohl für das Territorium westlich des Sees (heute Kongo-Kinshasa) als auch östlich des Sees (heute Tansania) gerade mal ein knappes Drittel der gesamten Zeit als Kolonie abgelaufen. Wie hat es der Kolonialismus also geschafft, sich so lange zu halten?
    Einige der wichtigsten Gründe dafür (vor allem die unglaubliche, durch keinerlei humanitäre Werte geminderte Brutalität der Kolonisatoren in der Reaktion auf Aufstände) kommen im Buch gar nicht vor. Einen Aspekt, der vorkommt, finde ich im Buch aber recht schön dargestellt. Es ist die geschickte Inszenierung der Andersartigkeit und Überlegenheit der kolonialen Herrscher, die ein zentrales Element der kolonialen Herrschaft ausmacht. In dem Kapitel „Spicer nimmt ein Bad“ entscheidet sich Geoffrey Spicer Simson, zweimal die Woche vor seiner Hütte ein Bad einzunehmen und zieht damit schnell großes Interesse der lokalen Bevölkerung auf sich. Das ist ein wunderschönes Beispiel für das Zelebrieren des Empire. Man merkt: hier ist ein Großmaul und Angeber vom Schlage Spicer Simsons genau richtig. Denn das ist wohl, wie die Kolonisierten leider erst nach einigen Jahrzehnten so richtig erkannt haben, der Kern des Kolonialismus: ein großmäuliger Angeber behauptet, dass er aufgrund seiner Großartigkeit und Andersartigkeit zum Herrscher berufen sei, und zu viele Leute glauben ihm. Die Macht des Kolonisators ist ein großer Luftballon: sieht riesig aus, ist aber vor allem Luft drin. Vor diesem Hintergrund finde ich das Ende der kriegerischen Auseinandersetzung auf dem See sehr passend: der Brite lässt sich von dem riesigen deutschen Schiff beeindrucken, auch wenn es gar keine Kanonen hat, und die Deutschen lassen sich von dem furchterregenden Kommandeur beeindrucken, der die „Wissmann“ versenkt hat. Im Endeffekt tun beide trotz der tatsächlichen Erbärmlichkeit ihres jeweiligen Gegners nichts – so wie die Bevölkerungen der meisten Kolonien lange Jahre so gut wie nichts gegen die Kolonisation unternommen haben.

    • Lieber Matthias,
      sehr spannende Ausführungen! Darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken. Allerdings, ganz so zahnlos waren die Kolonialherren dann ja doch wieder nicht (siehe Niederschlagung des Indischen Aufstands).

  3. Annabell schreibt:

    Ich werde meinen Kommentar in der bewährten Form des Fünf-Finger-Feedback wiedergeben.

    Was ich gut fand:
    Das Buch hat mir hat mir sehr gut gefallen. Es behandelt ein ernstes Thema auf eine Art und Weise, dass es dennoch als „leichte“ Sommerlektüre durchgeht. Ausserdem bin ich, ganz anders als Daniel, ein grosser Fan von Capus‘ Stil. Gerade das Einstreuen von ironischen Bemerkungen hat mich beim Lesen immer wieder amüsiert. Generell mag ich auch, dass Capus sich für seine historischen Romane wirklich existierende „Nebendarsteller“ der Weltgeschichte aussucht und diese historischen Fakten als Kulisse für seine abstrusen Geschichten herhalten müssen.

    Was ich mir merken möchte:
    Das passt vielleicht nicht so richtig in diese Kategorie, ich hatte jedoch den Eindruck, dass es Capus‘ weniger um Kolonialismuskritik ging, sondern darum die Absurdität des Krieges (vor allem des 1. Weltkriegs) aufzuzeigen. Die Fragen, die Matthias aufwirft sind natürlich relevant, aber ich frage mich, ob wir da nicht etwas zu viel Tiefe in das Buch hinein interpretieren.

    Was ich doof fand:
    Das erste Kapitel fand ich ebenfalls wie Daniel fehl plaziert. Ich hatte im letzten Kapitel immer wieder darauf gewartet, dass der Bogen zum Anfang geschlagen wird, aber das ist leider nicht passiert. Vielleicht hat Sonja recht und der Leser soll einfach von Anfang an darauf vorbereitet werden, dass die Sache nicht gut ausgeht?

    Was ich mir zu Herzen nehme:
    Ganz im Sinne von Matthias‘ Kommentar, sollte man sich ab und zu nicht scheuen es auch mal mit einem „übergrossen“ Gegner bzw. einem Heissluftballon aufzunehmen.

    Und sonst noch:
    Da ich selbst schon einmal das Vergnügen hatte den Tanganikasee live und in Farbe zu erleben, habe ich mich beim Lesen dahin zurück versetzt gefühlt und konnte mir auch die Landschaft und die enorme Grösse des Sees gut vorstellen. Für mich also eine perfekte „Ferienlektüre“ auch wenn ich gar keinen Urlaub hatte.

    • Du hast Recht, dass für Capus die Kolonialismusfrage wohl weniger zentral ist als jetzt hier in unserer Diskussion. Ich habe das Buch schon einmal direkt nach seinem Erscheinen gelesen, und glaube, dass ich damals auch mehr über die Weltkriegsaspekte nachgedacht hatte. Da zeigt sich, welchen Einfluss die Situation, in der man ein Buch liest, auf den Leseeindruck hat – momentan ist uns durch die Herero-Klagen etc. das Thema „deutsche Kolonialgeschichte“ natürlich präsenter als noch vor ein paar Jahren.

  4. Claudi S. schreibt:

    Hallo zusammen, ich bin jetzt auch endlich durch und möchte meine Gedanken mit euch teilen:
    Also grundsätzlich fand ich das Buch ganz interessant. A) Es spielt weit weg (wo ich zumindest noch nie war) und B) in einer anderen Zeit.
    Was ich sehr gut dargestellt finde, ist die Absurdität der ganzen Geschehnisse. Ich frage mich aber schon auch, ob das die Protagonisten damals tatsächlich so reflektiert und kritisch gesehen haben. Was ich dann natürlich sehr schade finde, dass man keinerlei Einblicke in das Seelen- und Alltagsleben der Einheimischen bekommt.

    Die Gedanken von Matthias kann ich nachvollziehen, man fragt sich tatsächlich wie man mit so armseligen Mitteln fernab der Zivilisation so eine Macht aufrechterhalten kann. Vermutlich ist eine einfache Antwort darauf die krasse Brutalität, die man gegenüber den Einheimischen angewandt hat, aber so richtig kann ich es mir nicht erklären.

    Der Stil der Kapitel um Spicer hat mich schon amüsiert, erinnert mich etwas an die Bücher von Jonas Jonasson („Der Hundertjährige der aus dem Fenster sprang und verschwand“). Insgesamt finde ich es schon eine ganz gute Mischung an verschiedenen Schreibstilen, es wird so zumindest nicht eintönig.

    Das Ende fand auch ich etwas enttäuschend („und das wars jetzt??“). Aber toll, Sonja, dass du für uns recherchiert hast!

    • Toll, Claudi, dass du auch wieder mitgemacht hast! Hoffentlich finden wir nächstes Jahr wieder ein Buch, dass auf mehr Begeisterung und Diskussionsfreude stößt. Der Blaue Hibiskus hat uns ja zwar alle ziemlich mitgenommen, aber dafür hat er auch mehr Raum für Diskussionen geboten.
      Dass die Einheimischen so wenig Raum einnehmen im Buch, finde ich auch schade. Andererseits hätte sich bei einer genauen Beschreibung ihres Seelenlebens wahrscheinlich das Problem potenziert, dass wir mehrheitlich mit der Charakterisierung der Werftarbeiter hatten. Denn glaubwürdig und authentisch die Gedanken und Einstellungen der Tansanier im Jahr 1914 darzustellen, ist ja noch deutlich schwieriger als bei den Deutschen, bei denen man sich immerhin auf Quellen stützen kann.

  5. Gisela Riemer schreibt:

    Hallo zusammen,
    mit ziemlicher Verspätung möchte ich mich doch auch noch melden. Ich fand das Buch sehr interessant und denke, dass die ironischen Bemerkungen vor allem zu Spicer Simson dem Thema doch etwas Leichtigkeit gegeben haben. Ohne das wäre es vielleicht zu bedrückend gewesen, diesen ganzen Irrsinn zu sehen. Eigentlich sind ja alle Beteiligten Verlierer und werden in sinnlose Unternehmen geschickt.
    Matthias Überlegungen, wie sich die wenigen Europäer so lange als Unterdrücker halten konnten, haben mich sehr beschäftigt und ich glaube auch, dass es nur durch die schiere Brutalität gelingen konnte. Ich habe in einem Film über eine österreichische jüdische Familie mal eine ähnliche Fragestellung gesehen: ein Junge erzählt, wie sein Vater im KZ umgebracht wurde und alle KZ-Häftlinge mussten dabei zusehen. Er wird dann von seinem Onkel gefragt, was sie denn gemacht hätten um seinen Vater zu retten, wo die Gefangen doch in der Überzahl waren. Und der Junge verstummt. Ich weiß leider den Titel des Films nicht mehr, aber diese Szene hat mich ziemlich verstört und ist mir eigentlich als Einziges von dem Film noch in Erinnerung. Leider stimmt es ja häufig, dass einige wenige Gewalttäter, egal ob sie kriminell oder politisch motiviert sind, eine größere Anzahl von Opfern dominieren kann. Allerdings finde ich es schrecklich, wenn man mit dem Hinweis auf die Zahlenverhältnisse, den Opfern sozusagen eine Mitschuld an ihrer schrecklichen Situation gibt. In der Theorie sind wir alle mutig und wollen uns wehren, aber wie schwer ist es schon im Alltag, sich gegen Kollegen / Chefs / Nachbarn zu wehren und ich glaube, in dem Maße, in dem dann körperliche Gewalt dazu kommt, wird es immer schwieriger aufzubegehren.
    Dieses “ Nichtstun“ ist sicher auch ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit und dem Gefühl, dass man an den Verhältnissen nichts ändern.

    Wie ihr alle, glaube ich auch nicht, dass die Hauptpersonen, dem Kolonialismus so abgeneigt und kritisch gegenüber standen. Das Mitgefühl und das Engagement für die „Eingeborenen“ hielt ja auch nur so lange, wie die Unversehrtheit der Werftarbeiter nicht bedroht war.

    Ich würde das Buch aber auf jeden Fall weiter empfehlen, da es doch einen ganz anderen Blick auf den beginnenden ersten Weltkrieg erlaubt – zumindest hatte ich bisher noch nichts über die Kriegshandlungen in Afrika dazu gelesen.

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