Anne Enright: Rosaleens Fest

(Originaltitel: The Green Road)
Erscheinungsjahr: 2015
Land: Irland

Ich habe „Rosaleens Fest“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde vom Verlag nicht beeinflusst.

„Rosaleens Fest“ ist die Geschichte der Familie Madigan, genauer der Mutter Rosaleen und ihrer vier Kinder Dan, Emmet, Constance und Hanna (der Vater taucht nur im ersten Kapitel als schweigsamer Beobachter im Hintergrund auf und stirbt früh und ohne große Erwähnung im Roman). Das titelgebende Familienfest ist ein Weihnachtstag, den zum ersten Mal seit Jahren alle erwachsenen Kinder zu Hause mit ihrer Mutter feiern. Da Rosaleen ihr Haus im Zuge des irischen Immobilienbooms verkaufen möchte, ist es vermutlich das letzte gemeinsame Treffen dort. Nur Constance lebt noch mit ihrer Familie im gleichen Ort. Hannah ist in Dublin, Dan lebt in Kanada und Emmett ist als Entwicklungshelfer ständig auf dem Sprung von einem Land zum nächsten.

Die einzelnen Kapitel, die zum Fest hinführen, sind abwechselnd aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder geschrieben und stehen unverbunden und mit großen zeitlichen Abständen nebeneinander. Da die Familienmitglieder wenig Kontakt zueinander haben, liest sich das Buch eher wie eine Kurzgeschichtensammlung. Das war für mich eine der Schwächen des Romans, denn eigentlich ist das zentrale Thema die Dysfunktionalität der Familie Madigan, vor allem die manipulative und tyrannische Art von Rosaleen. Leider behauptet der Roman diese Dysfunktionalität eher, als dass er sie zeigt. Rosaleen scheint in den Szenen im Buch durchaus unsympathisch, aber nicht so tyrannisch, dass sich daraus zwangsläufig vier verkorkste Kinder ergeben müssen. Zudem wirken die Kinder mit einer Ausnahme gar nicht so verkorkst, wie das Buch behauptet – die beschriebenen Probleme mit Beziehungskisten, Krankheiten und Langeweile kamen mir größtenteils recht alltäglich vor. Die zweite Schwäche des Romans ist in meinen Augen, dass Enright gewissermaßen eine Bingokarte der Standardmotive für einen irischen Familienroman abarbeitet: eine große Familie, sexuelle Verklemmtheit, Alkoholismus, die irische Landschaft, eine Matriarchin, ein angehender Priester (der in Wahrheit schwul ist), Emigration, ein Hinweis auf den Bürgerkrieg… viele Themen des Romans waren vorhersehbar. Obwohl ich Anne Enrights eleganten Stil bewundere, hat der Roman mich nicht überzeugt. Einige der Kapitel hätte ich als Kurzgeschichten durchaus interessant gefunden, aber in ihrer Gesamtheit hat mich  die Geschichte der Familie Madigan nicht gepackt.

Allerdings ist das eine Mindermeinung: „Rosaleens Fest“ war für zahlreiche Preise, unter anderem den Man Booker Preis, nominiert. Und viele Kritiker lobten gerade den Aufbau, der vieles nur andeutet, und die „typisch irische Atmosphäre“.  Wer also Familiengeschichten mag oder von Irland nicht genug bekommen kann, sollte sich nicht von „Rosaleens Fest“ abhalten lassen.

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