Yaa Gyasi: Homegoing

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2016
Land: Ghana, USA

Yaa Gyasi ist die Tochter ghanaischer Einwanderer in den USA. Die Idee für „Homegoing“ kam ihr, als sie als Studienanfängerin erstmals Ghana besuchte und in Cape Coast das Cape Coast Castle besuchte. Das Cape Coast Castle war ein britischer Stützpunkt, von dem aus seit dem späten 17. Jahrhundert Ghanaer als Sklaven nach Amerika verschifft wurden.

„Homegoing“ nähert sich dem Thema Sklaverei aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Am Anfang der Geschichte stehen zwei Halbschwestern. Effia wird an den britischen Kommandanten von Cape Coast Castle verheiratet, ihre Nachkommen sind einflussreiche Fante-Krieger und Sklavenhändler. Esi wird von Cape Coast Castle aus als Sklavin auf die Baumwollplantagen Nordamerikas verkauft. Jeweils im Wechsel erzählen die Kapitel des Romans von den Nachkommen der beiden über acht Generationen. In gewisser Hinsicht erinnert „Homegoing“ an eine Kurzgeschichtensammlung, da jedes Kapitel um einen neuen Protagonisten kreist und oft lange Lücken zwischen den Ereignissen bleiben. Diese Lücken machen auf beklemmende Weise anschaulich, wie sehr die Sklaverei auch Familienbeziehungen und Erinnerungen an die eigene Herkunft unmöglich gemacht hat. Gleichzeitig werden bestimmte Traumata über Generationen weitergegeben, ohne dass die Figuren begreifen können, woher sie stammen – nur der Leser kann davon eine Ahnung bekommen.

„Homegoing“ hat zwar – wie beschrieben – eine komplexe Struktur. Dennoch erscheint der Roman nicht als übermäßig durchgeplant oder abstrakt. Tatsächlich vergisst man während des Lesens die Struktur, denn die einzelnen Charaktere sind alle vielschichtig und lebendig gezeichnet. Gyasis Sprache ist gleichzeitig lyrisch und sehr präzise, und ich habe das Buch trotz seines oft brutalen Inhalts regelrecht verschlungen. Lediglich das Schlusskapitel wirkt etwas sehr konstruiert, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Die Kapitel über den  amerikanischen Zweig der Familie zeigen herzzerreißend die Bedingungen der Sklaverei im amerikanischen Süden, der Jim-Crow-Ära und der „Great Migration“ nach Norden. Während ich hier die Geschichten zeitlich jeweils ungefähr einordnen konnte, habe ich von ghanaischer Geschichte beschämenderweise so gut wie keine Ahnung. Die Erlebnisse der Figuren im Ghana des 18. und 19. Jahrhunderts haben zumindest für mich einen „blinden Fleck“ ausgefüllt. Eine Besonderheit des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Einfluss die Beteiligung am Sklavenhandel für den Teil der ghanaischen Bevölkerung hatte, der nicht versklavt wurde. „Homegoing“ macht einen Aspekt der Geschichte lebendig, der zumindest außerhalb Afrikas weitgehend unbekannt ist. Wie eine der Figuren, ein Geschichtslehrer im Ghana der 1960er-Jahre sagt:

„We believe the one who has the power. He is the one who gets to write the story. So, when you study history, you must always ask yourself, whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story, too. From there, you begin to get a clearer, yet still imperfect, picture.“

Besonders überraschend fand ich, dass es sich bei “Homegoing“ um den Erstling einer nur 27-jährigen Autorin handelt. Was immer Yaa Gyasi zukünftig schreiben wird: Ich bin sehr gespannt darauf!

 

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