Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

Originaltitel: My Name is Lucy Barton
Erscheinungsjahr: 2016
Land: USA

Ich habe „Die Unvollkommenheit der Liebe“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde von Verlag nicht beeinflusst.

„Bei unserem kleinen Hochzeitsempfang sagte sie zu einer Freundin: „Das ist Lucy.“ Und sie fügte, fast ein bisschen neckisch, hinzu: „Lucy war früher gar niemand.“ Es kränkte mich nicht, und eigentlich kränkt es mich auch jetzt nicht. Aber ich denke bei mir: Kein Mensch auf der ganzen Welt ist gar niemand.“

Lucy Barton ist eine Schriftstellerin in New York, stammt aber aus ärmlichen Verhältnissen im Mittleren Westen. Ihr Vater ist Weltkriegsveteran und durch seine Kriegserfahrungen traumatisiert. Ihre Mutter ist verbittert von ihrem schweren Leben. Lucy und ihre Geschwister erleiden körperliche Misshandlungen und emotionale Vernachlässigung. Genauso leiden sie unter der großen Armut der Familie, die sie selbst in ihrer strukturschwachen Umgebung zu Außenseitern macht. Lucy entkommt erst aufs College und dann nach New York. Als sie sich verlobt, bricht die Familie aus diffusen Gründen den Kontakt zu ihr weitgehend ab. All dies ist aber nicht das Zentrum des Buches, sondern wird genau wie Lucys Entwicklung zur Schriftstellerin nur in Rückblenden erzählt und oft nur angedeutet. Die Haupthandlung spielt während drei Wochen in den 1980ern, als Lucy nach einer Blinddarmoperation wegen Komplikationen im Krankenhaus liegt. Plötzlich taucht ihre Mutter auf und wacht bis zu ihrer Genesung an ihrem Bett. Lucy versucht dies zu nutzen, um mit der Mutter über die Verletzungen ihrer Kindheit zu sprechen, doch die Mutter gibt vor, sich an nichts zu erinnern – oder sie erinnert sich tatsächlich nicht, das kann Lucy nie ganz ergründen. Dennoch ist bei allen Konflikten ihr Ausharren am Krankenbett der Beweis, dass die Mutter Lucy liebt, selbst wenn es darauf sonst wenig Hinweise gibt und sie das niemals aussprechen würde. Hierauf bezieht sich der deutsche Titel, denn die Unvollkommenheit der Liebe zwischen Mutter und Tochter ist das Rätsel, das Lucy zu ergründen versucht. Der Originaltitel „I am Lucy Barton“ passt aber besser als der deutsche Titel. Denn auch wenn die mangelnde Liebesfähigkeit bzw. unterschiedliche Formen, Liebe auszudrücken, Thema ihrer Reflexionen sind, geht es doch letztlich darum, wie ihre Herkunft Lucy geprägt hat.
Neben der Mutter-Tochter-Beziehung behandelt der Roman zwei weitere Themen: Zum einen das Schreiben, zum anderen die Frage, wie große Armut einen Menschen sein Leben lang beeinflusst. Das Milieu, dem Lucy entstammt, ist in den letzten Monaten viel in der Diskussion und der Roman damit unbeabsichtigt tagesaktuell: Lucys Familie gehört zu den Abgehängten, den kleinen Leuten, die benachteiligt sind und wütend, aber deren Wut sich gegen Wehrlose richtet und nicht gegen die Ursachen ihrer benachteiligung. Strout betrachtet sie gleichzeitig schonungslos und mit einer großen Menschenfreundlichkeit. Man kann ihr Verhalten vielleicht verstehen, aber deshalb darf man sie nicht in Schutz nehmen. Wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Olive Kitteridge“ gelingt es ihr, Verständnis für unsympatische Figuren zu wecken, ohnen deren Verhalten zu beschönigen.

Wer viel Handlung mag, ist bei Elisabeth Strout falsch. Stattdessen ist „Die Vollkommenheit der Liebe“ ein kurzer, stiller Roman, optimal für ein ruhiges Winterwochenende.

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