Tessa de Loo: Die Zwillinge

(Originaltitel: De Tweeling)
Erscheinungsjahr: 1993
Land: Niederlande, Deutschland

Ich habe „Die Zwillinge“ von Random House in der Taschenbuchneuausgabe von 2016 als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde von Verlag nicht beeinflusst.

Die Schwestern Anna und Lotte werden Ende der 1920er Jahre als Sechsjährige zu Vollwaisen. Während Anna auf den westfälischen Bauernhof ihres Großvaters mitgenommen und als billige Arbeitskraft ausgenutzt wird, kommt Lotte bei gutbürgerlichen entfernten Verwandten in Amsterdam unter. Ihre unterschiedlichen Lebensbedingungen und der Krieg lassen den Kontakt der beiden weitgehend abbrechen, bis sie als alte Damen im gleichen Kurhotel Urlaub machen. Beim Versuch, einander von ihrem jeweiligen Leben zu berichten, sind sie mit der Tatsache konfrontiert, dass sie den 2. Weltkrieg aus völlig unterschiedlichen Perspektiven – eine als deutsche Mitläuferin, die andere als holländische Oppositionelle – erlebt haben, die kaum miteinander zu versöhnen sind.

Tessa de Loo hat in „Die Zwillinge“ die Lebensgeschichten zweier Zeitzeuginnen verarbeitet. Lore ist inspiriert von der Lebensgeschichte ihrer eigenen Mutter, die mit ihren Eltern mehrere Juden – unter anderem de Loos späteren Vater – versteckte. Anna entstand nach dem Vorbild einer Deutschen, mit der sich De Loo auf einer Reise Ende der 1980er Jahre anfreundete.  Der Roman ist ein Versuch, die widersprüchlichen Geschichtsbilder und Erinnerungen ihrer Mutter und der Freundin zu verknüpfen.

Dass de Loo ausführlich recherchiert und Zeitzeuginnen befragt hat, merkt man dem Roman an. Annas Rückblick auf den Alltag im Nationalsozialismus ist manchmal bemerkenswert (selbst-)kritisch und reflektiert, dann wieder gesprenkelt von völlig unhinterfragten Versatzstücken der Nazi-Ideologie. So beschreibt sie sich glaubwürdig als eher widerwillige Mitläuferin, die sich für den Holocaust schämt. Gleichzeitig klingt etwa ihre Einstellung zu den amerikanischen Besatzungssoldaten auch 50 Jahre später noch wie direkt aus der NS-Wochenschau übernommen. In dieser inkonsistenten Haltung (und dem wiederholten „Wir hatten es schließlich auch schwer!“) habe ich beim Lesen viele der Angehörigen der deutschen 1920er und -30er Jahrgänge wiedererkannt. Anna kam mir insofern authentisch und gewissermaßen vertraut vor.

Aus dieser Stärke des Buches ergibt sich gleichzeitig mein sehr subjektiver Kritikpunkt an „Die Zwillinge“. Anna und ihre Erlebnisse dominieren das Buch stark, Lotte bleibt eher im Hintergrund. Im Roman wird das mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Schwestern erklärt sowie mit einer Geschwisterdynamik, in der Anna um Lottes Anerkennung und Vergebung wirbt. Für die Autorin war der deutsche Teil der Geschichte offensichtlich der faszinierendere, fremdere und kompliziertere, an dem sie sich deshalb stärker abgearbeitet hat als an Lottes Erlebnissen. Aus der Perspektive einer deutschen Leserin wäre es hingegen spannend gewesen, noch mehr über die Situation in den Niederlanden zu erfahren. Der holländische Teil der Erzählung kreist sehr eng um den unmittelbaren Alltag von Lottes Familie und etwas mehr politischer Kontext wäre hier schön gewesen.

Durch den Kniff, die beiden entfremdeten Schwestern in der Rahmenhandlung ihre Lebensgeschichten diskutieren zu lassen, fügt die Autorin sehr geschickt eine zusätzliche Kommentarebene in die Handlung ein, die es ihr erlauben, die subjektiven Berichte vor allem Annas etwas zu relativieren. So ungewöhnlich und kontrovers, wie der Roman bei seinem Erscheinen 1993 vor allem in den Niederlanden empfunden wurde, ist das Thema der widersprüchlichen historischen Perspektiven und der moralischen Bewertung von Mitläufern heute, über 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen, nicht mehr. Aber „Die Zwillinge“ ist weiterhin ein sehr unterhaltsamer Roman und wird Fans von historischen Romanen und breit angelegten Familiengeschichten gefallen.

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