Elena Ferrante: “Meine geniale Freundin”

(Originaltitel: “L’amica geniale”)
Erscheinungsjahr: 2016
Land: Italien

Seit Anfang September ist der erste Band von Elena Ferrantes neapolitanischem Romanzyklus endlich auch auf Deutsch erschienen. Ich habe ihn sowie den zweiten Band „The Story of a New Name“ Anfang des Jahres auf Englisch gelesen und bespreche hier beide Teile gemeinsam.

Im Zentrum des Romanzyklus stehen die Erzählerin Elena und ihre beste Freundin Lila, die Anfang der 1950er Jahre in einem Arbeiterviertel Neapels in Armut aufwachsen. Elena und Lila sind die beiden besten Schülerinnen ihrer Grundschulklasse und gleichermaßen Konkurrentinnen wie Verbündete in ihrem Bildungs- und Aufstiegshunger. Aber nur Elenas Eltern gestatten ihrer Tochter den Besuch des Gymnasiums, während Lila aus der Schule genommen wird und mit 14 bereits im elterlichen Laden und Haushalt helfen muss. Als ihr Elan und Unternehmergeist dort ins Leere läuft, verwendet sie allen Ehrgeiz darauf, schnell eine traditionelle Ehefrau und Mutter zu werden. Elena hingegen schafft nicht nur das Abitur, sondern erhält sogar ein Stipendium für die Universität – und steht ebenfalls vor Schwierigkeiten: Unter ihren wohlhabenden Mitschülern und Kommilitonen fehlt ihr der richtige bildungsbürgerliche Habitus. Ihre Familie und Freunde im alten Viertel hingegen sind zwar einerseits stolz auf sie, werfen ihr aber gleichzeitig vor, dass sie sich für etwas Besseres hält und nicht mehr zu ihnen gehört.

Letztlich leben die Freundinnen zwei alternative Lebensentwürfe in einer Zeit des Umbruchs, einer vor allem für Frauen schwierigen und schmerzhaften Zwischenzeit: „Das war schon immer so“, bietet keinen Trost mehr, aber ein echter Wandel scheint noch unvorstellbar. So ist für Lila und die anderen jungen Frauen des Viertels einerseits klar, dass häusliche Gewalt, wie sie ihre Mütter noch selbstverständlich hinnahmen, nicht mehr akzeptabel ist. Aber sich scheiden zu lassen ist für die meisten genauso inakzeptabel. Und Elena verbringt ihre ersten Beziehungen damit, gerade klug genug zu erscheinen, dass sich die jungen Männer für sie interessieren – aber nicht zu klug, damit sich ihr Freund einbilden kann, dass er sie „erzieht“ und fördert. Beide Freundinnen sind innerlich zerrissen und vergleichen den Lebensweg der anderen konstant mit dem eigenen, beide haben Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der anderen. „Die einzige Person, vor der ich nichts verberge, bist du. Auch wenn du besser bist als ich, auch wenn du mehr weißt, verlasse mich nicht!“ sagt Lila in einem schwachen Moment zu Elena. Und Elena fragt sich in den erfolgreichen Momenten ihres Bildungsweges stets, ob Lila aus der gleichen Chance nicht mehr gemacht hätte:

„My life forces me to imagine what hers would have been if what happened to me had happened to her, what use she would have made of my luck. And her life continuously appears in mine, in the words that I’ve uttered, in which there’s often an echo of hers, in a particular gesture that is an adaptation of a gesture of hers.” (The Story of a New Name)

Der englische Verlag hat den Romanzyklus passenderweise mit  „Imagine if Jane Austen got really angry“ beworben. Wie Austen erforscht auch Ferrante die Zeit- und Sozialgeschichte eines bestimmten Milieus anhand der Schicksale (junger) Frauen. Der Fokus liegt dabei stark auf dem Privatleben, politische Themen wie der Einfluss der Camorra auf das Viertel, die mangelnde Aufarbeitung des Faschismus oder der Beginn der Achtundsechziger Bewegung sind zwar im Hintergrund präsent, werden aber immer durch die Erfahrungen der beiden Hauptfiguren gespiegelt. Das ist auch heute noch eine seltene Perspektive, und einzelne Kritiker wie Maxim Biller halten die Romane deshalb für „langweilig“ und zu sehr auf das häusliche Leben statt auf die großen Menschheitsfragen beschränkt. Dabei ist in meinen Augen genau dies das Besondere und vielleicht sogar Revolutionäre an „Meine geniale Freundin“ und seinen Folgebänden. Elena Ferrante wählt zwei Hauptdarstellerinnen, denen ihr ganzes Umfeld (und offensichtlich auch der ein oder andere heutige männliche Kritiker) zuruft, dass sie, ihr Leben und ihre Träume klein und ohne Bedeutung sind. Und indem sie uns dann sehr detailliert und auf vielen Seiten genau dieses Leben und diese Träume beschreibt, wird offensichtlich, dass die beiden viel zu sagen haben – es will nur nicht immer jemand hören.

Der zweite Band, der mir noch etwas besser gefallen hat als der erste, wird auf Deutsch Ende Januar erscheinen – jetzt ist also ein guter Zeitpunkt, um den Romanzyklus zu beginnen. Ich empfehle „Meine geniale Freundin“ allen, die sich für Frauenfreundschaften, die Gesellschaftsromane oder die Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert interessieren.

 

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