Sommer-Buchclub 2016: Chimamanda Ngozi Adichie – Blauer Hibiskus

(Originaltitel: Purple Hibiscus)
Erscheinungsjahr: 2003
Land: Nigeria

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Purple Hibiscus“ als Diskussionsstart für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!
Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

In „Purple Hibiscus“ erzählt die sechszehnjährige Kambili vom Auseinanderbrechen ihrer dysfunktionalen Familie und nebenbei auch von der Militärdiktatur unter Sani Abacha im Nigeria der 1990er Jahre. Kambilis reiche Oberschichtfamilie scheint von außen perfekt: Sie wohnt in einer luxuriösen Villa, der Vater ist angesehen als Geschäftsmann, Kirchengemeinderat und international bekannter Zeitungsverleger, Kambili und ihr Bruder Jaja erhalten nur die besten Noten an den besten Privatschulen. Niemand ahnt, dass Kambilis Vater Eugene daheim als religiöser Fanatiker und Kontrollfreak seine Frau und Kinder schikaniert und verprügelt.

Das große Rätsel des Buches ist die Figur Eugenes. Dass er betont, seine Familie nur deshalb zu schlagen, weil er sie zu guten Christen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft machen will, ist natürlich nur eine Variante des Standardarguments aller gewalttätigen Eltern, „ Wenn du perfekt wärst, müsste ich dich nicht misshandeln.“ Kambili hat die Argumentation, dass Liebe durch Gewalt ausgedrückt wird, zumindest anfangs fest verinnerlicht, wie die Episode des Sonntagstees zu Beginn des Buches zeigt. Jeden Sonntag lässt Eugene seine Kinder als Zeichen seiner Zuneigung die ersten Schlucke seines Nachmittagstees trinken und jeden Sonntag verbrennen sie sich dabei die Zunge. Aber Kambili würde niemals darauf hinweisen, dass der Tee zu heiß ist:
“It didn’t matter, because I knew that when the tea burned my tongue, it burned Papa’s love into me.”
Der Tee ist ein Symbol für Eugenes vergiftete Liebe zu seiner Familie, und insofern ist es nur treffend, dass Kambilis Mutter Beatrice ihn am Ende mithilfe des Sonntagstees vergiftet.

Was den Vater zu einer ambivalenten Figur macht, ist sein Verhalten außerhalb der Familie. Er spendet große Summen für wohltätige Zwecke,  vor allem aber ist er als Zeitungsverleger ein mutiger und international respektierter Kämpfer für Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechte. Viele der Torturen, denen er seine Familie daheim regelmäßig unterzieht, würde er zu Recht als Folter bezeichnen, wenn ihnen politische Gefangene ausgesetzt wären. Wie bewertet man einen solchen Menschen? Verdienen Menschenrechtsverteidiger Nachsicht für häusliche Gewalt, wie einige der Romanfiguren glauben? Und warum erkennt Eugene selbst nicht, wie sehr sein politisches und sein pädagogisches Wertesystem in Widerspruch zueinander stehen?

Zudem wird nicht klar, wie Eugene so gewalttätig werden konnte. Er selbst berichtet an einer Stelle von Misshandlungen, die er selbst als Schüler in einem britischen Internat erlebt hat und nun offensichtlich an den eigenen Kindern wiederholt. Aber warum vergöttert er alles Britische, inklusive des berüchtigt kaltherzigen Internatssystems, während sein Vater und seine Schwester Ifeoma sich kritisch mit den Folgen des Kolonialismus auseinandersetzen? [Matthias hat hierzu einige Ideen, die er hoffentlich in die Diskussion einbringt!]

Tante Ifeoma ist es schließlich, die durch ihre liebevolle und liberale Art Kambili und Jaja zum Aufbegehren gegen den Vater bewegt. Ich fand es beim Lesen beeindruckend, wie Adichie  die Stimmung Kambilis einfängt, sodass auch die Leserin so wie Kambili selbst in vermeintlich harmonischen Situationen konstant angespannt ist, sobald der Vater auftaucht. Umgekehrt entsteht sofort ein Gefühl der Sicherheit, sobald Tante Ifeoma auftritt. Den großen Unterschied im Erziehungsstil ihrer Tante und ihres Vaters beschreibt Kambili mit einem Bild aus dem Hürdenlauf:

„It was what Aunty Ifeoma did to my cousins, I realized then, setting higher and higher jumps for them in the way she talked to them. She did it all the time believing they would scale the rod. And they did. It was different for Jaja and me. We did not scale the rod because we believed we could, we scaled it because we were terrified that we couldn’t.”

Nach einem Besuch der Kinder bei Tante Ifeomas Familie kommt es zur Eskalation mit dem Vater. Zwar bleibt dies im Buch unklar, aber ich glaube, dass Kambili ganz bewusst diese Eskalation herbeiführt. Sich mit dem Bild ihres Großvaters erwischen zu lassen ist der verzweifelte Versuch, ihrem Vater zu entkommen, auch wenn sie sich dafür krankenhausreif schlagen lassen muss. Denn erst das Ausmaß ihrer Verletzungen zwingt die Erwachsenen um sie herum, endlich zu handeln. Kurz darauf beschließt dann auch die Mutter Beatrice, mit verzweifelten Mitteln ihre Lebenssituation zu ändern. Das Ende, das Adichie uns zumutet, ist ebenso verstörend wie der Rest des Buches. Aber wahrscheinlich ist kein anderes Ende vorstellbar in einer Gesellschaft, in der die „strongmen“ immer Recht bekommen.

Nun bin ich gespannt auf eure Eindrücke. Ist Eugene einfach nur ein schlechter Mensch, oder hat er auch positive Seiten? Was haltet ihr von der Art, wie Adichie ihre Geschichte und den politischen Hintergrund verknüpft? Was sind eure Gedanken zu all den Aspekten und Figuren des Buches, die ich hier noch gar nicht erwähnt habe – z.B. das Thema Postkolonialismus, die Rolle von Religion, der Konflikt zwischen Kambilis Vater und Opa oder ihre Verliebtheit in Pater Amadi?

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8 Antworten zu Sommer-Buchclub 2016: Chimamanda Ngozi Adichie – Blauer Hibiskus

  1. Claudia S. schreibt:

    Hallo Sonja und liebe Buchclub-Mitglieder,

    danke für die Rezension! Finde sie sehr treffend.
    Das Buch hat mich an vielen Stellen wütend gemacht, v.a. wegen der Figur des Vaters Eugene.

    Wie stark seine „Erziehung“ die Kinder Kambili und Jaja prägt, sieht man finde ich daran, dass Kambili ihn ja lange Zeit regelrecht vergöttert, obwohl er ihnen so schlimme Dinge antut.

    Was ihn zu diesen Gewalttaten bewegt, ist auch mir nicht ganz klar. Er scheint mir nicht der Choleriker zu sein, der im Affekt Gewalt anwendet, sondern er tut es sehr gezielt und geplant, siehe die Episode, wo er den Kindern die Füße mit heißem Wasser verbrüht. Gleichzeitig weint er dabei und man hat den Eindruck er wird regelrecht gezwungen das zu tun. Ich kann mir nur vorstellen, dass seine eigene Erziehung im katholischen Internat ihn so traumatisiert und verblendet hat, dass er nicht mehr weiß, was eigentlich gut und böse ist an seinen Taten.

    Dass dann der Sohn Jaja am Ende nochmals durch die Hölle geht, obwohl (oder weil) der Vater tot ist, ist entsetzlich und verstörend. Aber ein Happy End hätte hier wohl auch nicht gepasst.

    Sprachlich finde ich das Buch sehr gut, es ist eine einfache Sprache, die aber dennoch eine Wirkung hat (habe das Buch auf deutsch gelesen).

    Bezüglich der geschichtlichen Einordnung kann ich nicht viel sagen, denn ich kenne mich leider mit der nigeranischen Geschichte nicht aus. Ich hätte es daher auch spannend gefunden, wenn die Autorin mehr darüber geschrieben hätte. Der Militärputsch und die Folgen habe ich nur als Hintergrundrauschen wahrgenommen, das aber für den Verlauf der Geschichte gar nicht so relevant ist (hätte ich eigentlich anders erwartet).

    Daher bin ich gespannt auf Eure Eindrücke!
    Claudi.

    • Ich habe mich gefragt, ob die politischen Ereignisse quasi die Ereignisse in der Familie spiegeln sollen – den der Vater ist in seiner Familie genauso ein unantastbarer Diktator wie der nigerianische Diktator im Staat. Es ist ja naheliegend, dass eine Gesellschaft, die Autoritarismus in der Politik schätzt, sie auch im Privaten akzeptiert oder sogar gutheißt. Kambili, Jaja und Beatrice würden dann – aber das ist jetzt sehr weit hergeholt – die drei Möglichkeiten des Widerstandes zeigen: Verweigern des Gehorsams, Versuch der Flucht und Gegengewalt. (Was dann heißen würde, dass letztlich nur Gegengewalt funktioniert – sehr düster.)
      Aber vielleicht ist es auch viel einfacher und der politische Erzählstrang dient vor allem dazu, Eugene vielschichtiger zu machen.

  2. Matthias schreibt:

    Hallo liebe Buchclub-Mitglieder,

    ich hätte meinen Kommentar grundsätzlich gerne etwas früher geschrieben, aber ich glaube, ich musste erst etwas Abstand von dem Buch gewinnen. Ich muss ehrlich sagen, kaum ein Buch, dass ich in den letzten Jahren gelesen habe, hat mich so mitgenommen wie dieses. Die Absolutheit, mit der Kambili anfangs die Auslöschung selbst der kleinsten Freiheiten als Notwendigkeit annimmt, rechtfertigt und umsetzt, hat mich immer wieder bis ins Mark erschaudern lassen – fast noch mehr als die Gewalt, die ja nur das offensichtlichste von mehreren Mitteln des Vaters ist, um diese Vernichtung jeder Freiheitsregung bei seinen Kindern herbeizuführen.
    Mit zunehmendem Abstand kann ich vielleicht etwas abgeklärter mit dem Buch umgehen und erkenne mehr und mehr, dass ich das Buch nicht nur fürchterlich, sondern auch sehr interessant fand.

    Ich musste mich während der Lektüre häufig erinnern erstens an die Jahre 2008-2011, als ich zweimal dienstlich nach Nigeria gereist bin und viel mit Nigerianern zu tun hatte, und zweitens an das Proseminar „Empire Writing“, das ich im Jahr 2002 in Passau besucht habe.

    Zunächst zur ersten Erinnerung: ich habe viele kleine kulturelle Eigenheiten wiedererkannt, an denen ich in den drei Jahren Kontakt mit Nigeria etwas schnuppern konnte. Über einen Aspekt, der mir im Buch besonders aufgefallen ist, habe ich auch in diesen drei Jahren viel nachgedacht: das komplexe und vielschichtige Verhältnis der Nigerianer zur alten Kolonialmacht. Ich war damals häufig überrascht, wie eng auch 50 Jahre nach der Unabhängigkeit vom britischen Empire die Beziehungen zu den britischen Inseln waren und wie groß die Vertrautheit mit „all things British“ bei der nigerianischen Oberschicht war. Bei einigen meiner nigerianischen Ansprechpartner hatte ich das Gefühl, dass sie mich wesentlich häufiger von London aus anrufen als aus Abuja oder Lagos. Ich hatte vorher nie enger Kontakt mit einem Land mit intensiver Kolonialgeschichte, und ich hatte mir vorher immer vorgestellt, dass der Bruch mit den ehemaligen Kolonialherren absoluter und tiefgreifender sein müsste, als ich es in Nigeria wahrgenommen habe.

    Nun zur zweiten Erinnerung: das Proseminar „Empire Writing“ gehört zu den besten Seminaren, die ich an der Uni absolviert habe. Textgrundlage dieses Anglistik-Seminars war eine Anthologie, die ich hier gleich empfehlen möchte: „Empire Writing. An Anthology of Colonial Literature 1870-1918“, editiert von Elleke Boehmer, Oxford University Press. Das Buch stellt Texte aus der Hochphase des zweiten britischen Empire zusammen und bietet viele Blickwinkel auf das Phänomen des britischen Empire. Wenn ich einen zweiten Band dazu herausbringen müsste, würde ich definitiv Auszüge von „Blauer Hibiskus“ aufnehmen (auch wenn meine Favoriten für den zweiten Band George Orwells „Shooting an Elephant“ und „Burmese Days“ wären, um hier noch weitere Leseempfehlungen zu geben).

    Warum diese zweite Erinnerung?

    Für mich war auffällig, wie sehr Eugene in seinem Verhalten ein Produkt des britischen Empire ist, auch wenn die Handlung des Buches mehr als 30 Jahre nach der 1960 erkämpften Unabhängigkeit spielt, so dass Eugene seine Ausbildung im britischen Internat vermutlich nach der Unabhängigkeit erhalten hat. Seine Orientierung am britischen Vorbild wird im Buch mehrfach betont: er bemüht sich um einen britischen Akzent, er betont ständig seine Erziehung in einem britischen Internat und seine Religion, die aus Großbritannien nach NIgeria gebracht wurde, und einer seiner engsten Vertrauten ist ein englischer Pater. Seine nigerianischen Wurzeln in Gestalt seines Vaters dagegen versucht er zu verdrängen. Seine Widersprüche sind die Widersprüche des britischen Empire: auf der einen (öffentlichen) Seite die Verbreitung von Meinungsfreiheit, Liberalität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auf der anderen (privaten) Seite Unterdrückung, Gewalt und Bevormundung der „Kolonisierten“ sowie der Zöglinge (zur Gewalt im „public school system“ siehe die Memoiren zahlreicher berühmter Opfer wie z.B. wiederum George Orwell). In Eugenes Fall trifft der letztere Teil die von ihm „Kolonisierten“ – seine Familie. Sowohl für Eugene als auch für das britische Empire gilt natürlich, dass alles nur zum Besten der „colonial subjects“ geschieht. „Vergiftete Liebe“, wie Sonja es so schön nennt. Muss es da verwundern, dass das Symbol für diese vergiftete Liebe der brühend heiße TEE ist, Symbol des britischen Empire, nicht erst seit der Boston Tea Party? Dabei ist das Gefühl, das ihn antreibt, wohl ähnlich, wie Rudyard Kipling es in „White Man’s Burden“ beschreibt. Hier zwei Auszüge:

    „Take up the White Man’s Burden –
    in patience to abide,
    To veil the threat of terror
    And check the show of pride;
    By open speech and simple,
    An hundred times made plain,
    To seek another’s profit,
    And work another’s gain.“
    [….]
    „Take up the White Man’s Burden –
    Ye dare not stoop to less –
    Nor call too loud on Freedom
    To cloak your weariness;
    By all ye cry or whisper,
    By all ye leave or do,
    The silent, sullen peoples
    Shall weigh your Gods and you.“

    Kambilis Weg erinnert, wenn man es in diesem Kontext sieht, an Gandhis gewaltlosen Widerstand, der Erfolge erringen konnte, weil er Dritten gegenüber das Gewaltsystem des Empire offenlegte. Der Weg der Mutter ist dagegen der eines klassischen Aufständischen, der die Kolonialherrschaft gewaltsam beendet.

    Und hier meine Erkenntnis aus dem Buch, die meine beiden Erinnerungen zusammenbindet: eine „Unabhängigkeitserklärung“ ist nur ein Meilenstein an einer Straße, die vor dem Meilenstein und nach dem Meilenstein nicht viel anders aussieht. Der Kolonialismus verschwindet nicht einfach, wenn man ihn wegerklärt. Er bleibt in den Köpfen. Die Ideen springen über auf neue Wirte. Kambilis Mutter kann den Kolonialherren töten, aber er verschwindet nicht. Die Familie kann sich nur sehr zögerlich aus der Erinnerung befreien, eine Strafe muss verbüßt werden, und die vergiftete Liebe wirkt weiter.

    Also alles düster? Zum Glück nicht ganz.
    Für mich ist Tante Ifeoma eine Figur, die Hoffnung macht. Während Eugene einige gute und viele schlechte Traditionen des britischen Empire mit der nigerianischen Kultur des „strong man“ zusammengebunden hat, hat sie einen Weg gefunden, um eine positivere Synthese der britischen und der nigerianischen Kultur zu entwickeln. Sie verbindet die britische Hochachtung für Bildung, Debatte und Freigeistigkeit mit dem Aspekt der nigerianischen Kultur, der mir am positivsten aufgefallen ist: eine (im uneingeschränkt positiven Sinne) neugierige, aufgeschlossene und stets flexible Geisteshaltung. Ist es ein Wunder, dass sich am Ende des Buches herausstellt, dass sie in den USA am besten aufgehoben ist – dem Land, das sich als erstes und am erfolgreichsten vom britischen Empire emanzipiert hat?

    Ich freue mich schon auf den nächsten Sommer-Buchclub!

    Viele Grüße,

    Matthias

  3. Gisela Riemer schreibt:

    Hallo liebe Mit-Leser,
    es ging mir wie euch, die Geschichte Kambilis war nur schwer zu ertragen und sie beschäftigt mich auch über das Buch hinaus. Wir teilen offensichtlich unser Entsetzen über Eugene und das, was er seiner Familie (und ich glaube auch sich selbst) antut. Ich hatte schon das Gefühl, dass er wirklich dachte, dass er seine Familie strafen muss, um sie zu retten. Aber das macht es eigentlich nur schrecklicher. Ich denke, dass er in seinen Jahren im Internat genauso schutzlos und ausgeliefert war, wie jetzt seine Kinder und dass ihm auch jedes Recht auf eigene Entwicklung und eigene Gedanken abgesprochen wurde. Aber wie gesagt, ich finde es vor diesem Hintergrund fast noch schrecklicher, dass er seinen Kindern all das antut.

    Was mich aber auch gar nicht loslässt, ist Kambilis Mutter und ihre Rolle innerhalb der Familie. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie einfach hinnimmt, dass ihren Kindern die Füße verbrüht wird und dass Schmerzmittel die einzige Hilfe ist, die sie den Kindern anbietet. Sie kann vielleicht nicht körperlich gegen Eugene ankommen, aber ich sehe auch nirgends, dass sie Trost oder Halt anbietet oder dass sie die Strafen auch nur in Frage stellt. Ich habe selber nie körperliche Gewalt erfahren und vielleicht bin ich deshalb auch naiv, aber es ist mir unbegreiflich, dass das alles passieren kann, ohne dass die Mutter erkennbar reagiert. Und Hilfsangebote an sie gibt es ja: Tante Ifeoma wird beim Besuch im Krankenhaus ja sehr direkt und würde sie mit den Kindern aufnehmen. Dass sie sich ein Leben ohne ihren Mann nicht vorstellen kann, dass sie befürchtet, Eugene könnte sich andere Frauen nehmen und dass sie das davon abhält ihn zu verlassen, macht sie in meinen Augen zur Mitschuldigen an den Misshandlungen der Kinder. Dass die Mutter Eugene zuletzt vergiftet ist kein wirklicher Trost, denn auch dadurch schafft sie es nicht, ihre Kinder zu schützen. Wie kann sie zulassen, dass ihr Sohn die Schuld auf sich nimmt? Wie kann sie zusehen, wenn er für ihre Tat ins Gefängnis muss? Zwar wird beschrieben, dass man ihr nicht glaubt. Aber sie hätte schon verhindern müssen, dass man Jaja mitnimmt, sie hätte verhindern müssen, dass ihr Sohn überhaupt auf die Idee kommt, er müsse sie beschützen.

    Wie seht ihr denn die Rolle Pater Amadis? Ist er wirklich in Kamili verliebt, wie ihre Kusine vermutet und auch äußert oder ist das nur Kamilis Rettungsanker? Soll das ein Lichtblick für die weitere Geschichte Kambilis sein? Braucht sie einen Priester, um sich von ihrem Vater lösen zu können? Bei ihm weiß ich gar nicht, wie ich ihn bewerten soll.

    Zuletzt muss ich noch etwas zu Tante Ifeoma und ihrer Auswanderung nach Amerika schreiben. Ich habe das nicht so wie Matthias gelesen, dass Ifeomas Familie in Amerika besser aufgehoben ist. Natürlich irgendwie schon, weil sie nicht mehr durch die Polizei und die korrupte Unileitung bedroht werden. Aber diese Sicherheit bezahlen sie offensichtlich mit dem Verlust ihrer Heimat und Ihres Lebensgefühls. Wenn Amaka schreibt, dass sie nicht mehr lachen, weil sie nicht die Zeit dazu haben, weil sie sich nicht mehr sehen, dann finde ich auch diese Entwicklung nur deprimierend.

    Mein Fazit: Ich möchte das Buch nicht missen und auch die anderen Titel von Adichie lesen, aber erst mit ein bißchen Abstand.

    • Ich war nicht sicher, ob Pater Amadi in Kambili verliebt ist oder sie einfach nur sehr gerne hat. Aber ich denke, dass er das ideale „Objekt“ für Kambilis erste Verliebtheit ist (die ja an sich schon eine Rebellion gegen ihre Erziehung ist): Denn dadurch, dass er Priester ist, ist er einerseits ein akzeptabler Umgang und gewissermaßen durch seine Funktion schon eine Vertrauensperson für sie. Aber andererseits steht er für ein ganz anderes Christentum als ihr Vater und der Priester zuhause: Er konzentriert sich eher auf konkrete Nächstenliebe als auf strenge Regeln und verbindet die nigerianische Kultur mit den westlichen Riten.

  4. Matthias schreibt:

    Hallo,

    ich finde Giselas Perspektive auf Kambilis Mutter sehr interessant, weil ich das überhaupt nicht so gelesen habe, aber in Giselas Beschreibung nachvollziehbar finde. Vielleicht ist das die „Betriebsblindheit“ des Kulturwissenschaftlers in mir. Ich bin davon ausgegangen, dass Kambilis Mutter in der nigerianischen Kultur lebt, nichts anderes kennt und diese Kultur nicht hinterfragt. Ich bin zwar kein Experte für die nigerianische Kultur, aber mir schien sie immer recht patriarchalisch zu sein, und das Kennzeichen patriarchalischer Kulturen ist es, dass von Frauen erwartet wird, dass sie ihrem Mann in allem und jederzeit Recht geben und nachfolgen, ganz egal, was er tut. Ob sie das dann auch wirklich so umsetzen, ist eine andere Frage, aber es ist eine gesellschaftliche Erwartung. Verstärkt wird das in diesem Fall durch den Kult des starken Mannes – was ein starker Mann tut, muss richtig sein und darf grundsätzlich nicht angezweifelt werden. Ich habe auch den Giftmord letztlich nach diesem Muster interpretiert: Kambilis Mutter ist einfach am Ende und kann nicht mehr. Aber sie bringt es dennoch nicht über sich, die Beziehung mit ihrem Mann auf eine Weise zu beenden, in der irgendjemand (vor allem ihr Mann selbst) einen Widerstand gegen das Patriarchat erkennen kann. Sie könnte ja auch zu Tante Ifeoma gehen, den Vater mit seinen Übeltaten konfrontieren und kritisieren, Dritte über seine Gewaltexzesse informieren, oder, wenn sie ihn schon umbringt, hätte sie ihn mit dem Messer erstechen oder mit einer Bratpfanne erschlagen können. Aber sie wählt einen der wenigen denkbaren Auswege aus der Beziehung, der sie für ihre Umgebung und für ihren Mann jederzeit wie eine kulturell angepasste Ehefrau wirken lässt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie nicht einschreitet, als Jaja für den Mord verhaftet wird. Wenn der Sohn eines starken Mannes, der selbst einmal ein starker Mann sein wird, seinen Vater tötet, ist das kulturell sehr viel akzeptierter und ein sehr viel kleinerer Schandfleck, als wenn seine Frau das tut.

    Das wäre eine alternative Interpretation, die angesichts meiner schwach ausgeprägten Kenntnisse der nigerianischen Kultur vielleicht auch völlig an der Realität vorbeigehen…

    Viele Grüße,

    Matthias

  5. Franziska schreibt:

    Liebe Mitleser,

    hier ein paar Sachen, die mir beim Lesen des Buches sowie der vorangehenden Kommentare durch den Kopf gegangen ist:

    1. Lieber Matthias, Giftmorde von unterdrückten Frauen kann man auch in Deutschland bzw. westlichen Kulturen beobachten. Der sog. Haustyrannenmord hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Ich habe es zwar noch nicht probiert, habe allerdings gehört, dass es gar nicht so einfach ist, jemanden mit einer Bratpfanne zu erschlagen. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Frauen, die in der Regel ihren Männern körperlich unterlegen sind, für Gift entscheiden. In Deutschland war in den Fällen lange umstritten, wie die Frauen zu bestrafen sind. Rechtlich ist es nämlich – vereinfacht gesagt – weniger schlimm, wenn man jemanden im Affekt eine Bratpfanne auf den Kopf haut (= Totschlag), als wenn man gezielt Gift besorgt und dem Ehemann heimlich in Tee o.ä. mischt (= Mord).

    2. Ich habe mich gefragt, ob diese ausführlichen Schilderungen der Grausamkeiten notwendig sind. Der Leser hat schnell verstanden, dass der Vater schrecklich ist. Dennoch wird man als Leser über viele Seiten gequält, obwohl dies für die Geschichte nicht mehr nötig gewesen wäre. Aus diesem Grund weiß ich auch nicht so recht, ob mir das Buch gefallen hat oder nicht. Aus der Hand legen konnte ich es freilich kaum und habe es mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen.

    3. Sehr gut hat mir das Setting gefallen. Das war das erste Buch einer Autorin aus Afrika und ich hatte mich auf ein Buch eingestellt, in dem es vielleicht primär um Armut oder den täglichen Kampf ums Überleben geht. Dass die Hauptfigur aus gutem Hause kommt, fand ich einen Gewinn für das Buch.

    4. Ich habe das Gefühl, dass die Autorin ein schwieriges Verhältnis zu Männern hat. Auf die Männer in dem Buch kann frau sich jedenfalls nicht verlassen. Die Hauptfigur ist ein Tyrann. Der Mann der Tante tot. Der Großvater sehr alt, gebrechlich und bald ebenfalls tot. Weiter gibt es Männer, die dem Vater schmeicheln, weil sie Geld wollen. Und dann schließlich gibt es Pater Amadi. In dem Buch bleibt ja ein wenig offen, welche Gefühle der Pater gegenüber Kambili hat. Kambili ist in dem Buch 14? 15? Pater Amadi verbringt viel Zeit mit ihr. (Ohne das sich jemand daran stört.) Er nimmt sie mit auf dem Markt, wo ihr eine alte Frau die Haare macht. Laut Aussage der alten Frau ist das ein Zeichen, dass er sich für Kambili interessiert. Auf dem Sportplatz wirft Pater Amadi ihr sein schweissnasses T-Shirt in den Schoss. Nach meinem Verständnis ist das nicht nur Mitleid mit Kambili.

    Das Buch hat mich jedenfalls so neugierig gemacht, dass ich „Americanah“ bereits auf meinen E-Book-Reader geladen habe.

    • Sonja schreibt:

      Sehr interessante Punkte! Die Sache mit Pater Amadi habe ich beim Lesen gar nicht so ernst genommen, ich dachte, dass ist schlichtweg die Schwärmerei einer 16jährigen. Insgesamt stimmt es, dass es eigentlich keine positiven Männerfiguren in dem Buch gibt, mit Aussage der beiden Jugendlichen. Sowohl Kambilis Bruder als auch ihr Cousin sind in meinen Augen freundlich und zuverlässig – aber sie sind eben noch fast Kinder und haben keinen Einfluss.

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