Georges Simenon: Tropenkoller

(Originaltitel: Le coup de lune)
Erscheinungsjahr: 1933
Land: Gabun

Tropenkoller spielt um 1930 in Gabun, aber es ist eigentlich ein Buch über die Kolonialmacht Frankreich. Der junge Franzose Joseph Timar kommt nach Libreville, wo er durch Beziehungen eine Stelle bei einer Tropenholzfirma ergattert hat. Aber noch bevor er sie antreten kann, wird im Hotel, in dem er untergekommen ist, der schwarze Angestellte Thomas erschossen. Tatverdächtig ist die ebenso laszive wie undurchsichtige Wirtin Adèle. Timars Zeugenaussage könnte sie belasten, doch er schweigt und beginnt mit Adèle eine Affaire. Gemeinsam pachten die beiden eine Farm im Landesinneren. Geschüttelt von Malariaschüben und zunehmend paranoid versucht Timar herauszufinden, ob Adèle wirklich eine Mörderin ist.

Tropenkoller wird oft als französische Variante von Conrads „Heart of Darkness“ beschrieben und die Bücher teilen einige Gemeinsamkeiten, z.B. die zentrale Rolle einer Flussreise durch den Dschungel, Erkrankung und Wahnvorstellungen der Hauptfiguren und die Verrohung der weißen Kolonialherren. Bei der Ankunft in Libreville fühlt sich Timar als heroische Gestalt und Botschafter der Zivilisation, der Dank und Bewunderung verdient:

„Alles in allem gab es in Libreville fünfhundert Weiße. Alles Leute, die ein hartes, manchmal gefährliches Leben auf sich nahmen für ein Unterfangen, das man in Frankreich recht gestelzt die Erschließung der Kolonien nannte! Und dann wurde man von einem Polizeikommissar vorgeladen und grob behandelt, als wäre man unerwünscht!“

In Wahrheit ist er vor allem deshalb in Gabun, weil er in Frankreich auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnte. Und die vermeintlich edle Gemeinschaft der Franzosen in Libreville unterteilt sich in zwei Gruppen. Die größere Gruppe sind die Waldarbeiter und Glücksritter, die in Gabun gestrandet sind, trinken, Karten spielen, die gabunischen Frauen belästigen und auf alle Afrikaner herabblicken, um sich selbst besser zu fühlen. Die zweite, kleinere Gruppe sind die Kolonialbeamten wie der Gouverneur, der Staatsanwalt und der Polizeichef. Sie verachten sowohl die Gabuner als auch die weißen Holzfäller und fühlen sich als Vertreter der feinen französischen Zivilisation. Aber sie haben in Wahrheit keine Prinzipien. Den Mord an Thomas wollen sie nur deshalb aufklären, weil kurz vorher ein Lynchmord in der Kolonie die Aufmerksamkeit des Völkerbundes erregt hat und sie weitere negative Publicity vermeiden wollen. Deshalb brauchen sie irgendeinen Tatverdächtigen, möglichst einen Gabuner – die Wahrheit spielt keine Rolle.
Einerseits zeigt Simenon so den Rassismus und die Verlogenheit des Kolonialismus auf und ist damit für seine Zeit progressiv. Andererseits ist auch seine Beschreibung der Gabuner in vielem rassistisch, nicht nur durch die systematische Verwendung des N-Wortes, die zwar der Zeit geschuldet ist, das Buch aber heute dennoch zu einer eher unbehaglichen U-Bahn-Lektüre macht.

Überhaupt ist Tropenkoller sehr düster und es gibt im ganzen Buch keine positiven Figuren, nicht einmal Joseph Timar. Damit fehlt dem Buch die Menschenfreundlichkeit, die ich an den Maigret-Romanen so mag. Aber wenn man sich bewusst ist, dass einen hier ein Vorläufer des „roman noir“ erwartet und kein Maigret-Roman vor afrikanischer Kulisse, dann bietet Tropenkoller ein paar interessante Lesestunden und die Perspektive eines skeptischen Zeitgenossen auf den französischen Kolonialismus der 1930er Jahre.

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