Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945

Erscheinungsjahr: 2015
Land: Schweden

Astrid Lindgren hat während des 2. Weltkriegs sehr intensiv Tagebuch geführt. Ihre Aufzeichnungen wurden jetzt von ihrer Tochter veröffentlicht. Sie geben einen Einblick in den schwedischen Alltag von 1939 bis 1945 und bieten einen faszinierenden Zeitzeugenblick auf die Kriegsjahre, der sich von unserer üblichen deutschen Wahrnehmung durchaus unterscheidet.

Was mich angesichts des schwedischen Neutralitätsstatus überrascht hat, war die unmittelbare Mobilmachung und Kriegsvorbereitung der Schweden im September 1939: Von Kriegsbeginn an wurden Reservisten wie Lindgrens Ehemann regelmäßig zu Übungen eingezogen und einzelne Lebensmittel wie Butter und Fleisch rationiert. Die Lindgrens wurden von der Verwandtschaft in  Småland versorgt, aber die Durchschnittsschweden hatten wahrscheinlich zu Kriegsbeginn deutlich weniger zu Verfügung als die Deutschen. Schon Wochen vor Familienfesten und Feiertagen entwickelt Astrid Lindgren in ihrem Tagebuch ausgefeilte Pläne, welche Lebensmittel gehortet oder zusätzlich ergattert werden könnten, und keine Feier wird beschrieben ohne eine ausführliche Liste der angebotenen Köstlichkeiten.

Der Fokus der Tagebücher ist allerdings nicht Astrid Lindgrens Alltag, sondern die Weltpolitik. Astrid Lindgren liest intensiv Zeitung und arbeitet zudem ab Kriegsausbruch in der Briefzensurstelle des schwedischen Geheimdienstes. Wie die meisten Skandinavier hat sie lange Zeit vor Stalin mehr Angst als vor Hitler. Das ist vor dem Hintergrund der Eroberung des Baltikums und vor allem des sowjetischen Überfalls auf Finnland im Winterkrieg 1939/40 verständlich, aber aus heutiger Sicht doch irritierend. Allerdings ist Astrid Lindgren im Gegensatz zu vielen ihrer Mitbürger zu keinem Zeitpunkt eine Nazi-Sympathisantin. Spätestens als sie zu Weihnachten 1943 ein Buch über das Massaker von Lidice liest, distanziert sie sich endgültig von der Vorstellung, dass Nazi-Deutschland das kleinere Übel sein könnte. Problematisch bleibt allerdings ihre Haltung, einerseits die schwedische Neutralität zu unterstützen, und andererseits wiederholt die Alliierten, vor allem die Amerikaner, für ihr aus Lindgrens Sicht zu geringes Engagement im Kampf gegen Deutschland zu kritisieren. Genauso schämt sie sich zwar für die deutschen Transporte über schwedisches Territorium, hält sie aber für notwendig zum Schutz Schwedens. In beiden Punkten ist sie eine typische Vertreterin ihrer Zeit, und neben den im Tagebuch schon 1942 enthaltenen Zeitungsartikeln über den Holocaust sind es genau diese Passagen, die das Buch für heutige schwedische Leser so unangenehm machen und in Schweden zu einer Kontroverse geführt haben. (Gleichzeitig ist diese Haltung, sich über das Elend der Welt zu entsetzen und gleichzeitig zu wünschen, es möge sich doch bitte jemand anderes um Lösungen kümmern, natürlich zeitlos – siehe Flüchtlingskrise…)

Neben den politischen Betrachtungen spielen in der Endphase des Tagebuches auch Lindgrens erste schriftstellerische Versuche eine Rolle. So heißt es im März 1944: „An der Heimatfront hat Karin die Masern gehabt, und zwar mit allem Drum und Dran, und darf noch nicht aufstehen. – Ich amüsiere mich gegenwärtig mächtig mit Pippi Langstrumpf.“ In rascher Folge tauchen in den letzten Kriegsmonaten Berichte über ihre Arbeiten an Pippi Langstrumpf sowie den Manuskripten zu „Britt-Marie erleichtert ihr Herz“ sowie „Kerstin und ich“ auf. Trotzdem liegt der Fokus der Kriegstagebücher eindeutig nicht auf Astrid Lindgrens Privatleben. Wer etwas über Astrid Lindgren als Schriftstellerin oder Privatperson erfahren möchte, sollte lieber zu einer der zahlreichen Biografien greifen. Wer sich aber für schwedische Geschichte oder den 2. Weltkrieg aus skandinavischer Perspektive interessiert und nebenbei eine neue Seite an Astrid Lindgren entdecken will, für den ist dieses Buch genau richtig.

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