Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Erscheinungsjahr: 2014
Land: Ukraine (UdSSR), Polen, Österreich

„Vielleicht Esther“ ist ein ungewöhnliches und faszinierendes Buch: Die Geschichte einer weitverzweigten Familie auf nicht einmal 300 Seiten, ein Sachbuch in poetischer Sprache, ein Buch, das penible Archivrecherche und Hörensagen meisterhaft verknüpft.

Katja Petrowskaja entstammt einer jüdisch-ukrainischen Familie. Ihre Eltern überlebten den Holocaust in der Sowjetunion, während viele ihrer Angehörigen umgebracht wurden. Als gute, also säkulare sowjetische Familie sind die jüdischen Wurzeln ihrer Eltern lange kein Thema. Aber als Erwachsene und nach ihrer Heirat mit einem Deutschen macht sich Katja Petrowskaja auf die Suche nach den Geschichten ihrer Vorfahren. Manche davon sind so sehr in Vergessenheit geraten, dass – wie bei der titelgebenden „vielleicht Esther“ – nicht einmal ihr Name sicher ist. Über andere Vorfahren sind zahlreiche Anekdoten vorhanden, die sich aber teilweise widersprechen oder Lücken enthalten. Im Lauf ihrer Suche bemerkt die Autorin, wie kindliche Erinnerungen und beiläufige Bemerkungen plötzlich eine neue, bedrückende Bedeutung erhalten:

„Als Ozjel Warschau verlassen hatte, blieben seine Mutter und seine Schwester Maria zurück, ich hatte nie daran gedacht, aber langsam eroberte mich ein Satz. Als Ozjel 1939 starb, haben wir seiner Mutter in Warschau nichts gesagt, sie war schon einundneunzig. Und dann leuchtete noch einer auf. Wir haben Pakete nach Warschau geschickt, noch 1940, später wurden sie nicht mehr angenommen. Wie viele Jahre steckten diese beiden Sätze in mir, bis ich sie hörte?“

Eng mit der Erinnerung verknüpft sind Sprechen und Schweigen, und die Frage nach der Bedeutung von Sprache ist das zweite große Thema des Buches. Katjas Großmutter Rosa spricht nie über ihre Kindheit, bis auf einen Abend, an dem sie zufällig eine Schallplatte mit jiddischen Schlagern hört. Da Jiddisch, die Sprache ihrer Kindheit, in ihrem Umfeld ausgestorben ist, ist auch ihr Zugang zu den Kindheitserinnerungen verschüttet. Eine weitere, besondere Sprache zeichnet Katjas Vorfahren aus: Die Gebärdensprache. Die Petrowski waren über sieben Generationen eine Familie von Taubstummenlehrern. Ganz beiläufig gibt der Roman so noch einen Einblick in die Anfänge der Behindertenpädagogik und die Wahrnehmung von Taubheit im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Und auch Katja Petrowskaja erlebt während ihren Recherchen das Phänomen der Sprachlosigkeit:

„Ich fuhr als Russin aus Deutschland in das jüdische Warschau meiner Verwandten, nach Polen, nach Polscha, es schien mir, als machten mich meine beiden Sprachen zu einer Vertreterin der Besatzungsmächte. Als Nachkommin der Kämpfer gegen die Stummheit war ich einsatzbereit, aber sprachlos, ich beherrschte keine der Sprachen meiner Vorfahren, kein Polnisch, kein Jiddisch, kein Hebräisch, keine Gebärdensprache […]. Mit meinen slawischen Sprachen versuchte ich, das Polnische zu erraten, Ahnungen ersetzten Kenntnisse, Polen war taub, ich war stumm.“

Ihre Recherchen führen Katja Petrowskaja quer durch Mitteleuropa – von Warschau nach Wien, von Babij Jar nach Mauthausen – und zeigen, dass die Vergangenheit oft dicht unter der Oberfläche steckt, manchmal sogar buchstäblich: Bei einer Recherche in der polnischen Stadt Kalisz stößt Katja Petrowskaja auf einige Pflastersteine, in die hebräische Buchstaben eingemeißelt sind. Von einer Reiseführerin erfährt sie, dass die Nazis alle Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Kalisz zerschlagen und die Fragmente mit der Rückseite nach oben im Straßenbau verwendet haben. Als Jahrzehnte später neue Leitungen in der Stadt verlegt wurden, wurden die Steine weggenommen und beim erneuten Pflastern teilweise mit der Oberseite nach oben verlegt. So wird an einigen Stellen auf den Straßen plötzlich die Erinnerung an die vernichtete jüdische Gemeinde sichtbar, zumindest für diejenigen Passanten, die diese Zeichen zu lesen verstehen.

„Vielleicht Esther“ ist ein faszinierendes Buch, dessen Sprache trotz seines bedrückenden Inhalts bildhaft, leicht und oft humorvoll ist. Das ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass die Autorin erst als Erwachsene Deutsch gelernt hat. Der Ingeborg-Bachmann-Preis, den Katja Petrowskaja 2014 für einen Auszug der Buches erhalten ist, ist auf jeden Fall verdient!

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