Ilija Trojanow: Macht und Widerstand

Erscheinungsjahr: 2015
Land: Bulgarien

Konstantin und Metodi wuchsen im gleichen bulgarischen Dorf auf. Nach der kommunistischen Machtübernahme 1944 machte Metodi rasch Karriere im Geheimdienst. Konstantin hingegen wurde schon als Oberstufenschüler zum Dissidenten und verbrachte den Großteil seines Lebens in den kommunistischen Arbeitslagern und Gefängnissen. Nun, im Jahr 1999, versucht Konstantin durch Einsichtnahme in seine Stasi-Akte nachzuvollziehen, was der Geheimdienst über ihn wusste und wer über ihn berichtet hat. Metodi ist inzwischen ein wohlhabender und noch immer einflussreicher Geschäftsmann und möchte die Vergangenheit gerne ruhen lassen. Aber das Auftauchen einer jungen Frau, die behauptet, seine Tochter zu sein, zwingt auch ihn zur Rückschau.

Ilija Trojanow ist als Kind mit seiner Familie aus Bulgarien geflohen und befasst sich in seinen Romanen immer wieder mit seinem Herkunftsland. Nach seinem poetischen Erzählband „Wo Orpheus begraben liegt“ über das Leben verschiedener Randgruppen befasst er sich auch diesmal wieder mit einem in Bulgarien kontroversen Thema: Den Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes und ihrer fehlenden Aufarbeitung nach 1989. Dafür hat Trojanow zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt und Akten der bulgarischen Staatssicherheit ausgewertet. Diese Recherchen verarbeitet er in „Macht und Widerstand“ zu einem Roman.

Konstantin muss erleben, dass sich kaum jemand für seine Erfahrungen in Haft interessiert und selbst ehemalige Mitgefangene seine Versuche, die Vergangenheit öffentlich zu machen, ablehnen, weil sie noch immer Angst haben. Er selbst hingegen kann nicht mit der Vergangenheit abschließen, solange sie verschwiegen wird:

„Irgendwo werden Akten über dieses halbe Jahrhundert aufbewahrt. In irgendwelchen Karteikästen befindet sich eine andere Version meines Lebens, eine Bürographie voller Unterstellungen […]. Wenn ich akzeptiere, dass meine Sicht der Ereignisse unsichtbar bleibt, wenn ich sterbe, bevor mein Widerspruch öffentlich vernommen wird, wird die Sicht der Täter unangefochten weiterherrschen. Für alle Ewigkeit.“

Also führt er einen zähen Kampf mit den Behörden, um Einsicht in seine Stasi-Akten zu erhalten. Die Verzögerungen und Schikanen, denen er dabei ausgesetzt ist, gehören zu den deprimierendsten Episoden des Buches. Denn sie zeigen, wie groß der Einfluss der früheren Eliten noch immer ist. Metodi ist hierfür ein Paradebeispiel. Er ist hochangesehen und beteiligt sich hinter den Kulissen an politischen Entscheidungen. Den bevorstehenden EU-Beitritt lehnt er zwar ab, ist aber überzeugt, dass die dafür notwendigen Reformen seine Position nicht gefährden werden. Das Arbeitslager Belene bezeichnet er als Fehler – weil die Arbeit für die Aufseher und Folterer so belastend gewesen sei. Obwohl Konstantin und Metodi einander kennen und aus der Ferne das Leben des jeweils anderen verfolgen, kommt es nach 1989 zu keiner Begegnung der beiden. Das hat mich überrascht, denn der Klappentext und die parallel verlaufenden Kapitel deuten lange auf einen großen Showdown zwischen den beiden hin. Dass dieser Showdown nie kommt, zeigt die totale und unversöhnliche Spaltung der bulgarischen Gesellschaft in der Bewertung des kommunistischen Regimes.

Ilija Trojanow hat mit „Macht und Widerstand“ einen hervorragend recherchierten Roman geschrieben. Originalauszüge aus Stasi-Akten, die zwischen die Erzählkapitel montiert sind, geben einen gruseligen Einblick in die Arbeitsweise des bulgarischen Geheimdiensts. Wer länger in Bulgarien gelebt hat, erkennt zudem viele Alltagsdetails wieder –seien es Essen, Wegbeschreibungen oder die Tageszeitungen, die Konstantin und Metodi am Kiosk kaufen. Die Sprache ist anschaulich und der Roman liest sich trotz seiner fast 500 Seiten schnell. Ich hoffe auch, dass „Macht und Widerstand“, wenn es in Bulgarien erscheint, vielleicht zumindest bei einer kleinen Gruppe von Lesern die Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema der Aufarbeitung fördert.

Dass mich „Macht und Widerstand“ trotzdem nicht restlos überzeugt hat, liegt an einer gewissen Kälte und Distanziertheit, die das Buch für mich ausstrahlt. Trojanow will offensichtlich einen großen, exemplarischen Roman schreiben, mit zwei Protagonisten, die jeweils „Macht“ und „Widerstand“ symbolisieren. Das erinnert ein bisschen ans Epische Theater und erlaubt den Protagonisten kaum Brüche und Vielschichtigkeit. Vielleicht ist das Absicht und Trojanow will einfach darstellen, dass das autoritäre System Täter und Opfer deformiert und ihrer Individualität beraubt. Allerdings wird so an keiner Stelle deutlich, warum einer von zwei Schülern Dissident wird und einer Apparatschik. Zudem sind sowohl Widerstandskämpfer als auch Funktionäre in einer Diktatur ja meist eher kleine Gruppen. Die Mehrheit der Bürger, die weder mitbestimmt noch aufbegehrt, sondern wegschaut und im Kleinen kooperiert, kommt in „Macht und Widerstand“ nur am Rande vor. Dabei ist es doch diese Gruppe, deren Desinteresse eine Diktatur stützt, und deren Anteilnahme die Aufarbeitung erst ermöglicht.
Aber trotz dieser kleinen Schwächen hat „Macht und Widerstand“ seinen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 verdient und ist eine spannende Lektüre für alle, die sich für Bulgarien oder ganz allgemein die kommunistischen Diktaturen Osteuropas interessieren.

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2 Antworten zu Ilija Trojanow: Macht und Widerstand

  1. Claudia S. schreibt:

    Hallo Sonja,
    das Buch hatte ich neulich erst im Buchladen angelesen und es hat sich sehr spannend angehört. Danke für die Rezension! Jetzt bin ich auf jeden Fall überzeugt, dass sich das Buch lohnt, auch wenn ich deine Kritik sehr nachvollziehbar finde!
    Hast du sonst schon etwas von Ilija Trojanow gelesen?

    • Lass dich von meiner Kritik auf keinen Fall abschrecken, es ist auf jeden Fall ein gutes Buch!
      Ich kenne von Ilija Trojanow eigentlich nur die Bücher mit Bulgarien-Bezug. Eine Freundin hat mir zum Umzug nach Sofia damals sein Sachbuch „Hundezeiten / Die fingierte Revolution“ geschenkt. Ich fand es sehr interessant, aber es ist inzwischen schon etwas veraltet. Und ich kenne „Wo Orpheus begraben liegt“, einen Band mit Kurzgeschichten bzw. inneren Monologen von Ilija Trojanow und Fotos von Christian Muhrbeck. Die beiden haben wir 2014 auch bei einer tollen Lesung im Goethe-Insitut in Sofia erlebt.

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