Zadie Smith: N-W

(dt.: London N-W)
Erscheinungsjahr: 2012
Land: Großbritannien

Es ist offensichtlich „Bücher mit Stadtteil-Namen“ – Monat, denn nach der Rezension von „Brooklyn“ letzte Woche geht es diesmal um ein Londoner Problemviertel. N-W ist ein Teil der Postleitzahl einer schäbigen Hochhaussiedlung im Nordwesten von London, in der die Hauptfiguren dieses Romans aufgewachsen sind. Die zentrale Frage, um die die Geschichte kreist, lautet: Inwiefern beeinflusst unsere Herkunft, wohin es uns im Leben verschlägt und wie erfolgreich wir sind?

Natalie und Leah sind beste Freundinnen seit dem Kindergarten und stecken mit Mitte 30 beide in der Krise: Leah hat mit einem schlechtbezahlten, aber sicheren Job und einer glücklichen Beziehung ihre Lebensziele erreicht. Von ihr aus könnte nun alles immer so bleiben, aber ihr Mann wünscht sich ein Kind. Auch von ihrer Mutter und generell der Gesellschaft fühlt sie sich gedrängt, endlich schwanger zu werden. Dabei fürchtet Leah heimlich nichts mehr, als Mutter zu sein. Natalie hat sich mit ungeheurer Disziplin aus prekären Verhältnissen in eine typische Mittelschichtexistenz hochgearbeitet. Jetzt fragt sie sich angesichts ihres perfekten Pakets von beruflichem Erfolg, fürsorglichem Ehemann, niedlichen Kindern und Traumhaus, ob das wirklich alles sein soll und warum sie noch immer nicht das Gefühl hat, angekommen zu sein.
Obwohl sie sich seit langem kennen und mögen, findet ein wirklicher Austausch zwischen den Freundinnen nicht mehr statt. Beide sind bemüht, gegenüber der anderen eine Fassade aufrecht zu erhalten. Einer der interessantesten Aspekte des Buches ist, dass es aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Wir begegnen Leah und Natalie jeweils in der Wahrnehmung der anderen und in ihrer Selbstwahrnehmung. Zwischen diesen Blickwinkeln besteht bei beiden eine große Diskrepanz.

„N-W“ ist besteht aus vier Teilen, die stilistisch stark unterschiedlich sind. Der erste Teil aus Leahs Perspektive ist beispielsweise ein frei und assoziativ formulierter Bewusstseinsstrom, Natalies Teil hingegen ist in viele kurze, nummerierte Abschnitte mit Zwischenüberschriften aufgeteilt. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Charaktere werden so schon allein durch den Schreibstil deutlich.

Klassendenken und Rassismus sind Themen, die im Buch in vielen kleinen Details präsent sind. So heißt Natalie eigentlich gar nicht Natalie, sondern Keisha. Mit der ihr eigenen Entschlossenheit ändert sie ihren Vornamen zu Beginn ihres Studiums, weil eine Anwaltskarriere leichtert wird, wenn man zumindest auf dem Lebenslauf nicht als proletarisch und schwarz identifizierbar ist. Stärker noch wird dies in den Geschichten der beiden jungen Männer Felix und Nathan thematisiert, die in den kurzen Teilen 2 und 4 des Buches das Leben der Frauen streifen. Beide Männer scheitern auf unterschiedliche Weise am Leben in Caldwell, und eine Frage des Buches ist, woran das liegt. Nathan denkt, dass die Gesellschaft schwarze Jungen zwar niedlich findet, solange sie klein sind, sie aber fürchtet und ausgrenzt, sobald sie junge Männer werden, und ihnen schlicht keine Chance lässt. Natalie ist überzeugt, dass sie es im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden geschafft hat, ihre Herkunft hinter sich zu lassen, weil sie es mehr wollte und härter gearbeitet hat. Leah kann sich nicht entscheiden, welcher Erklärung sie glauben soll, ist aber von einem konstanten schlechten Gewissen gegenüber den gesellschaftlichen Verlierern geplagt.

Im Vergleich mit Zadie Smiths Erstlingsroman „White Teeth / Zähne zeigen“ ist „N-W“ durch die unterschiedlichen Erzählstimmen stilistisch deutlich komplexer. Dafür habe ich in „N-W“ etwas den beißenden Humor aus „Zähne zeigen“ vermisst. Es fällt mir schwer zu entscheiden, welches Buch mir besser gefallen hat, zumal beide ähnliche Themen – Identität und Multikulturalismus – bearbeiten. Wer breit angelegte Familien- und Gesellschaftsromane mag, für den ist „Zähne zeigen“ ein guter Startpunkt. Wer hingegen Romane schätzt, die das Innenleben einer oder weniger Personen intensiv beleuchten, sollte mit „N-W“ beginnen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Großbritannien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s