Meine Weihnachtswunsch-Tipps 2015

In vier Wochen ist Weihnachten. Für alle, die gerne Bücher verschenken oder Bücher bekommen, folgen hier meine 10 Geschenktipps aus verschiedenen Genres. Alle zehn Bücher habe ich dieses Jahr mit Begeisterung gelesen, aber hier noch nicht ausführlich besprochen, weil sie nicht ins Länder-Schema passten oder ich keine Zeit hatte.

1. Ein Familienroman: „Zähne zeigen“ (White Teeth) von Zadie Smith
In ihrem Romandebut aus dem Jahr 2000 folgt Zadie Smith drei Familien im London der 1970er bis 2000er Jahre. Zwei der beschriebenen Familien sind Migrantenfamilien, und der Roman stellt die Frage, wer eigentlich britisch ist und was gelungene Integration bedeutet. Vor allem die in London geborenen Kinder sind hin- und hergerissen zwischen der Kultur ihrer Eltern, die ihnen fremd ist, und der britischen Gesellschaft, die sie als Fremde wahrnimmt. Die Mittel, mit denen sie versuchen, diesen Konflikt zu lösen und eine Identität für sich zu schaffen, reichen vom Versuch der absoluten Assimilation bis zum Islamismus. Dies alles erzählt Zadie Smith auf einfühlsame und gleichzeitig sarkastische Art.

2. Ein Buch mit ungewöhnlicher Erzählstruktur: „How to be both“ von Ali Smith
„How to be both“ war eines meiner Lieblingsbücher des Jahres, aber gleichzeitig fällt es mir schwer zu beschreiben, worum es geht. Es besteht aus zwei Geschichten, die sich um Identität und die Bedeutung von Kunst drehen. Francesco, ein Maler im Italien der Renaissance, reflektiert sein Leben und die Arbeit an einem Saal voller Fresken in Ferrara. George, ein junges Mädchen im London von heute, muss mit dem Erwachsenwerden, der ersten Liebe und dem Tod ihrer Mutter zurechtkommen. Beide Geschichten sind lose verknüpft und es gibt zwei unterschiedliche Druckversionen des Buches, in denen einmal Francescos und einmal Georges Geschichte am Anfang steht. Zugegeben, das klingt eher obskur – aber Ali Smiths Sprache ist ungemein poetisch und sie schafft eine Atmosphäre, die auch nach der letzten Seite noch lange nachklingt.

3. Ein Thriller: „Trigger Mortis“ von Anthony Horowitz
„Trigger Mortis“ ist ein sehr gelungener, neuer 007-Roman auf Grundlage eines Kurzgeschichtenfragments von Ian Fleming. Die Handlung enthält die typischen Zutaten: einen Superschurken, Sowjets, schöne Frauen, schnelle Autos usw. Aber Anthony Horowitz schafft den Balanceakt, einerseits Flemings Schreibstil perfekt zu imitieren und andererseits eine Geschichte zu erzählen, bei der die heutige Leserin nicht allzu heftig mit den Augen rollen muss. James Bond ist immer noch ein Chauvi. Aber die „Bondgirls“ sind emanzipiert, die Sowjets verfolgen einen rationalen Plan, und der Superschurke ist ein Produkt von Krieg und Kolonialismus. Fazit: Ein spannender, nicht zu tiefschürfender Thriller.

4. Ein Klassiker: „Zimmer mit Aussicht“ (A Room with a View) von E.M. Forster
E.M. Forsters „Zimmer mit Aussicht“ von 1908 ist gleichzeitig eine romantische Liebesgeschichte und eine Gesellschaftskomödie, die sich über überkommene Moralvorstellungen ebenso lustig macht wie über den beginnenden Massentourismus. Die junge und naive Britin Lucy Honeychurch macht mit ihrer Cousine als Anstandsdame eine Reise nach Italien, wo sie einen passenden und einen unpassenden jungen Mann kennenlernt. Sie verlobt sich mit dem passenden Mann, aber damit ist die Geschichte natürlich noch nicht zu Ende… E.M. Forster schreibt zugänglich und unterhaltsam und seine Geschichte hat eine für seine Zeit überraschend feministische Botschaft.

5. Ein Sachbuch: “How to Live. A Life of Montaigne in one question and twenty attempts at an answer” von Sarah Bakewell
Ich wusste nicht, dass mich eine Montaigne-Biografie interessiert, bis ich Nick Hornbys begeisterte Beschreibung dieses Buchs gelesen habe. (Zum Thema „Buchtipps von Nick Hornby“ kommen wir noch einmal am Ende dieser Liste…). Sarah Bakewell erzählt von Montaignes Leben, seiner Erfindung des literarischen Genres des Essay und ihrer Rezeption durch die Jahrhunderte anhand einer Schlüsselfrage aus den Essais: Wie sollen wir leben? Sie verquickt damit Philosophie, Literaturkritik und Geschichte zu einer faszinierenden Mischung. Und auch wenn Montaignes Alltag zwischen Religionskriegen, Pestepidemien und politischen Intrigen sehr weit weg von uns scheint, sind viele seiner Erkenntnisse zu Themen wie Freundschaft, Trauer oder Karriere zeitlos aktuell – oder, wie Sarah Bakewell schreibt, „Jede Zeit liest Montaigne, als sei er ihr Zeitgenosse“.

6. Ein historischer Roman: „Pompeji“ von Robert Harris
Italien, 79 n. Chr.: Der junge Wasserbaumeister Attilius wird an den Golf von Neapel geschickt, um Reparaturarbeiten an der Aqua Augusta, dem größten römischen Aquädukt, zu beaufsichtigen. Sein Vorgänger ist vor kurzem unter rätselhaften Umständen in der Nähe des Vesuvs verschwunden, und Attilius kommt bald einer Verschwörung auf die Spur, die ihn ins benachbarte Pompeji führt.
Robert Harris‘ Roman spielt während vier Tagen vor und während des großen Ausbruchs des Vesuvs, der Pompeji verschüttete. Es gelingt ihm, eine ungeheure Spannung aufzubauen, obwohl (oder weil) der Leser von Anfang an weiß, was passieren wird, und im Gegensatz zu den Romanfiguren die Vorzeichen, wie Schwefel im Trinkwasser, richtig deuten kann. Es ist faszinierend und auch tragisch zu sehen, wie die Zeitgenossen zwar merken, dass etwas in der Luft liegt, aber nicht begreifen, welche Gefahr droht, bis es zu spät ist – ein Aspekt, der sich durchaus als Kommentar des Autors zu unserem Verhalten angesichts des Klimawandels deuten lässt.

7. Eine Autobiographie / Ein Reisebericht: “Wild. Der große Trip“ von Cheryl Strayed
Eigentlich mag ich keine „Wie ich zu mir selbst fand“-Bücher, aber dieses ist die Ausnahme. Cheryl Strayed stürzte mit Mitte 20 nach einem Schicksalsschlag in eine tiefe Lebenskrise. Als sie realisierte, dass sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen musste, aber nicht wusste, wie es weitergehen sollte, beschloss sie, alleine 1100 Meilen auf dem Pacific Crest Trail (PCT) zu wandern. Der PCT verläuft größtenteils jenseits der Zivilisation und beinhaltet eine Sierra Nevada-Überquerung und mehrere Tagesetappen in der Wüste. Cheryl Strayed war davor noch nie gewandert, und sie machte fast alles falsch, was man falsch machen kann – aber sie lernte schnell, und sie traf unterwegs auf viele Menschen, die ihr halfen. „Wild“ beschreibt ihre Wanderung inklusive abfallender Zehennägel, Begegnungen mit wilden Tieren und beeindruckender Landschaften. Ich persönlich ziehe Tageswanderungen ohne Extrembedingungen vor, aber falls ich mich anders entscheiden sollte, bin ich dank Cheryl Strayed bestens vorbereitet. Und die eigenen Fehler im Alltag erscheinen plötzlich viel verzeihlicher, wenn man sich sagen kann, „Zumindest habe ich nicht die notwendige Wassermenge für eine Wüstenwanderung falsch berechnet.“

8. Ein Science Fiction-Roman: „The Three-Body-Problem“ von Liu Cixin
Eine junge chinesische Astrophysikerin macht zur Zeit der Kulturrevolution im Rahmen eines geheimen, militärischen Forschungsprojektes eine atemberaubende Entdeckung. 40 Jahre später erschüttert plötzlich eine Selbstmordserie unter Top-Wissenschaftlern die Pekinger Universitätslandschaft. Der Teilchenforscher Wang Miao sucht nach einer Erklärung und entdeckt ein Geheimnis, das die Zukunft der Menschheit bedroht.
Ich bin nicht gerade eine Expertin in Sachen Science Fiction, fand aber das Gedankenexperiment des Romans sehr spannend. Zudem zeigt der Roman, wie schwierig und gefährlich wissenschaftliche Forschung zur Zeit der Kulturrevolution war. „The Three-Body-Problem“ ist der erste Teil einer in China sehr erfolgreichen Science Fiction-Trilogie, kann aber auch gut als Einzelwerk gelesen werden.

9. Das etwas andere Weihnachtsbuch: „Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit“ von Reza Aslan
Reza Aslan fragt, was wir über den historischen Jesus wissen können und warum ausgerechnet er eine Weltreligion begründete, während Dutzende andere Prediger, die zur selben Zeit in Israel aktiv waren, längst vergessen sind. Das dabei entworfene Jesusbild bestätigt teilweise unsere Vorstellungen – Jesus als Fürsprecher und Wohltäter der Armen – und zeigt teilweise überraschende Facetten auf – Jesus als jüdischer Nationalist, der nicht wegen eines religiösen, sondern wegen eines politischen Herrschaftsanspruchs hingerichtet wurde. Sehr interessant sind auch Aslans Ausführungen zu den Auseinandersetzungen in der Urkirche. „Zelot“ ist unterhaltsam geschrieben. Bibel-Grundkenntnisse und etwas Wissen über die Geschichte Roms sind zum besseren Verständnis hilfreich.

10. Ein Buch über Bücher: „10 Years in the Tub. A Decade of Soaking in Great Books“ von Nick Hornby
Der britische Schriftsteller Nick Hornby beschreibt für das amerikanische Literaturmagazin Believer jeden Monat unter dem Titel “Stuff I’ve Been Reading” über alle Bücher, die er im letzten Monat gelesen hat. “10 Years in the Tub” versammelt die Kolumnen der letzten 10 Jahre. Seine Romane sind nicht immer mein Fall, aber über seine Lese-Erlebnisse schreibt Hornby so selbstironisch, nachdenklich und charmant, dass man sofort Lust bekommt, all die Bücher zu lesen, die er empfiehlt. Wie Punkt 5 auf dieser Liste zeigt, habe ich auf Grundlage von Nick Hornbys Empfehlungen dieses Jahr einige eher exotische Bücher gelesen, und ich war von jedem einzelnen begeistert. „10 Years in the Tub“ hat deshalb nur zwei Haken: Es führt zu einer langen Bücherwunschliste. Und die Leute in der U-Bahn gucken komisch, wenn man beim Lesen der Kolumnen laut lacht.

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Eine Antwort zu Meine Weihnachtswunsch-Tipps 2015

  1. Annabelle schreibt:

    Super Idee! Danke, dass du uns ein bisschen Arbeit beim Weihnachtseinkauf abnimmst.

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