Marlon James: A Brief History of Seven Killings

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2014
Land: Jamaika

A Brief History of Seven Killings ist gleichzeitig eines der besten Bücher, die ich 2015 gelesen habe, und die bisher größte Herausforderung des Jahres. Es hat mich bis in meine (Alb-)Träume verfolgt. Man sollte sich vom Titel nicht täuschen lassen – mit fast 700 Seiten ist der Roman alles andere als kurz, und neben den 7 titelgebenden Morden enthält er noch mehrere dutzend weitere, von Misshandlungen und Vergewaltigungen ganz zu schweigen. Marlon James‘ Roman kreist um ein Attentat auf Bob Marley, das 1976 am Vorabend eines Friedenskonzerts in Kingston verübt wurde. Jamaika befand sich zu dieser Zeit im Aufruhr: Es standen Wahlen bevor, in den Ghettos der Stadt kämpften mehrere Drogengangs gegeneinander, und die CIA versuchte hektisch zu verhindern, dass Jamaika sozialistisch würde.

A Brief History verfolgt die Ereignisse, die zum Attentat führten, und seine Folgen aus der Perspektive von 11 verschiedenen Erzählern, deren Leben von den Ereignissen berührt wird. Unter anderem kommen mehrere Gangmitglieder zu Wort, eine junge Jamaikanerin aus der Mittelschicht, ein CIA-Agent, ein amerikanischer Musikjournalist auf Bob Marleys Spuren, der Geist eines ermordeten Politikers und ein kubanischer Auftragskiller. Das klingt zunächst verwirrend, aber Marlon James hat ein beeindruckendes Talent dafür, einzigartige und klar voneinander unterscheidbare Erzählstimmen zu schaffen. Jede der Stimmen hat einen ganz eigenen Sprachrhythmus und Duktus – beispielsweise sprechen die Personen je nach Milieu unterschiedlich ausgeprägt jamaikanischen Dialekt. Gleichzeitig wirken alle Protagonisten authentisch. Insofern war der Man Booker Prize, mit dem Marlon James vor einigen Wochen ausgezeichnet wurde, absolut verdient.

Womit ich beim Lesen zu kämpfen hatte, war, wie bereits angedeutet, die unglaubliche Brutalität der Handlung und teilweise auch der Sprache. Ich verfüge jetzt über solide Kenntnisse jamaikanischer Schimpfworte und die Handlung enthält etliche sehr detaillierte Beschreibungen von Gewalttaten. Aber obwohl es mir teilweise schwergefallen ist, weiterzulesen, würde ich A Brief History trotz aller Brutalität empfehlen. Die Gewaltdarstellungen sind notwendig, um das wichtigste Thema des Buches zu vermitteln, nämlich, wie es ist, in einer absolut verrohten Gesellschaft zu leben, in der niemand sich jemals sicher fühlen kann. Nina Burgess, die junge Frau, die emigrieren will, beschreibt dies so:

„It’s not the actual crime that makes me want to leave, it’s the possibility that it can happen any time, any second now, even in the next minute. That it might never happen at all, but I’ll think it will happen any second for the next ten years. Even if it never comes, the point is I’ll be waiting for it and the wait is just as bad because you can’t do anything else in Jamaica but wait for something to happen to you.”

Und auch die Gewalttäter spüren diese Unsicherheit, wie ein junger Mann aus dem Ghetto feststellt, nachdem er Mitglied eines Killerkommandos wird:

„When a gun come to live in the house it’s the gun, not even the person who keep it, that have the last word. Nobody ever own a gun. If somebody give it to you, that somebody can take it back. … At night me don’t sleep. Me stay up in the dark shadow, looking at it, rubbing it, seeing and waiting.”

Dies ist der zweite Grund, warum ich die Brutalität des Romans gerechtfertigt finde: Marlon James läuft niemals Gefahr, Gewalt und den Lebensstil der Gangs als attraktiv darzustellen. Während ja beispielsweise die Paten-Filme auf manche Zuschauer glamourös wirken, würde niemand A Brief History lesen und beschließen, dass „Jamaikanischer Drogenbaron“ ein Traumberuf ist. Es ist im Roman offensichtlich, dass selbst die Bosse ein ruhiges und legales Leben in einem funktionierenden Staat bevorzugen würden.

A Brief History of Seven Killings enthält viele kluge Beobachtungen und ist stilistisch beeindruckend. Es ist aber auch eine echte Herausforderung und nichts für schwache Nerven. Ich bin froh, dass ich es gelesen habe, zumal ich angesichts meiner Buch-Wahl für die Bahamas bei der gesamten Karibik noch etwas gutzumachen hatte. Aber jetzt brauche ich erst einmal Erholung und fühle mich, als könnte ich die nächsten Wochen zum Ausgleich nur Romane ohne Gewalt, ungelöste Konflikte und Flüche aushalten – freut euch also schon auf eine Rezension der harmlosesten Mädchenbücher der 50er Jahre…

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2 Antworten zu Marlon James: A Brief History of Seven Killings

  1. Claudia S. schreibt:

    Hallo Sonja,
    klingt sehr interessant und normalerweise folge ich deinen Empfehlungen uneingeschränkt, aber das hört sich doch leider etwas zu brutal für mich an… Trotzdem danke für die Rezension!

    • Das kann ich gut verstehen. Ich habe an einer Stelle auch mal überlegt, ob ich aufhören soll, weil es mir zu heftig wurde – aber da war ich schon zur Hälfte durch und so in Sorge um eine der Figuren, dass ich wissen musste, wie es mit ihr weitergeht…

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