Rafik Schami: Eine Hand voller Sterne

Erscheinungsjahr: 1987
Land: Syrien

Rafik Schamis Eine Hand voller Sterne beschreibt den Alltag und das Erwachsenwerden eines syrischen Jugendlichen in Form seines Tagebuches. Der namenlose Ich-Erzähler berichtet mehrere Jahre lang von seinen Erlebnissen in der Schule und mit den Nachbarn, seiner ersten Liebe und seinen Zukunftsträumen. Neben diesen Alltagsberichten ist der Roman aber auch die Geschichte eines politischen Erwachens. Der Junge lernt einen Journalisten kennen und erfährt durch ihn, wie schwierig die Arbeit eines Reporters in einer Diktatur ist. Schließlich gründet er selbst mit Freunden eine kritische Untergrundzeitung und muss sich damit auseinandersetzen, welche Risiken er einzugehen bereit ist.

Eine Hand voller Sterne wurde 1987 veröffentlicht. Das Tagebuch des Jungen enthält keine Jahreszahlen, aber die im Buch beschriebenen häufigen Militärputsche verorten die Handlung kurz vor der Machtergreifung von Hafiz al-Assad gegen Ende der 1960er Jahre. In vielen Dingen ist die Handlung zeitgebunden. Moderne Medien spielen in der Geschichte keine Rolle, und dazu zählen auch Telefone und Fernsehen. Dementsprechend ist die Welt außerhalb Syriens für den Jungen in einem Maß geheimnisvoll und unbekannt, wie es heute für einen Jugendlichen aus der Mittelschicht eines Schwellenlandes unvorstellbar wäre. Der Roman ist auch eine interessante Erinnerung daran, wie politischer Aktivismus vor der Erfindung des Internets aussah. Heute wären der Junge und seine Freunde unter Pseudonym auf Facebook und Twitter aktiv – in der Geschichte verteilen sie Flugblätter.

In anderer Hinsicht ist Eine Hand voller Sterne nach wie vor aktuell: Es macht deutlich, wovor die jungen Menschen fliehen, die bei uns „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt werden. Die Figuren im Roman gehören zur unteren Mittelschicht. Keiner von ihnen muss hungern, aber jeder ist durch Armut in seinen Möglichkeiten eingeschränkt. Der Ich-Erzähler möchte Schriftsteller oder Journalist werden und ist so talentiert, dass er bereits einige Gedichte in einer Anthologie veröffentlicht hat. Seine Freunde wollen Pilot oder Ärztin werden. Aber alle müssen mit spätestens 15 die Schule verlassen und als Bäckergehilfe, Sekretärin oder Aushilfskellner zum Familienunterhalt beitragen. „Die Armut erstickt unsere Träume, bevor sie ausgeträumt sind“, sagt einer der Freunde des Jungen, als er nicht mehr weiter zur Schule gehen darf. Rafik Schami macht deutlich, wie zermürbend es ist, als junger Mensch trotz Talent und Fleiß keine andere Zukunft vor sich zu sehen als Jahrzehnte in einem ungeliebten, schlechtbezahlten Beruf, den schon der eigene Vater und Großvater ausgeübt haben.

Manche Jugendbücher sind für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen interessant – Eine Hand voller Sterne gehört eher nicht dazu. Mit 12 war ich von diesem Buch begeistert, jetzt beim Wiederlesen kamen mir viele Teile der Handlung eher vorhersehbar vor. Aber für (jüngere) Jugendliche ist es auf jeden Fall empfehlenswert, gerade auch angesichts der Flüchtlingskrise. Es zeigt anschaulich (aber ohne die Gewalt zu deutlich auszumalen), wie Polizeiwillkür und Unterdrückung in einer Diktatur immer wieder in den Alltag einbrechen. Und es macht deutlich, dass der arabische Frühling kein spontanes Phänomen und nicht von außen oktroyiert war, sondern nur ein Höhepunkt eines Freiheitskampfes, der schon Jahrzehnte alt ist.

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