Chimamanda Ngozi Adichie: Half of a Yellow Sun

(dt. Titel: Die Hälfte der Sonne)
Erscheinungsjahr: 2006
Land: Nigeria

Chimamanda Ngozi Adichie ist momentan wahrscheinlich die bekannteste junge afrikanische Schriftstellerin und eine meiner neuen Lieblingsschriftstellerinnen. Ihren dritten Roman Americanah, über die Erfahrungen einer nigerianischen Studentin in den USA, haben sicher einige von euch gelesen. Schlagzeilen jenseits der Literaturseiten machte Chimamanda Ngozi Adichie 2013, weil Beyonce einen Auszug aus ihrem Ted Talk We should all be feminists im Song „Flawless“ sampelte. Half of a Yellow Sun ist ihr zweiter Roman und spielt im Nigeria der 1960er Jahre zur Zeit des Biafra-Kriegs.

Der Roman setzt kurz nach der Unabhängigkeit Nigerias ein und folgt den Schicksalen von vier Menschen bis zum Ende des Biafra-Krieges 1970. Olanna, eine gutausgebildete junge Frau aus der Oberschicht, tritt mit ihrem Verlobten, einem Professor, zuerst begeistert für ein unabhängiges Biafra ein, das sie sich als selbstbewusst afrikanischen, korruptionsfreien Staat erträumt. Ihre pragmatische Zwillingsschwester Kainene steht jedem politischen Idealismus skeptisch gegenüber, wird aber im Verlauf des Krieges zur Aktivistin, die humanitäre Hilfe organisiert. Kainenes britischer Lebensgefährte, der Schiftsteller Richard, ist mit den Vorurteilen und dem Desinteresse Europas gegenüber den Massakern an der Ethnie der Igbo konfrontiert. Und Olannas Hausangestellter Ugwu steht sowohl im postkolonialen Nigeria als auch in Biafra vor der Frage, welche Entfaltungsmöglichkeiten die neue Gesellschaftsordnung einem begabten Jungen aus ärmlichen Verhältnissen bietet.

Half of a Yellow Sun beleuchtet eine Reihe von Themen: Es beschreibt den schwierigen Prozess der Identitätsbildung einer afrikanischen Elite nach dem Ende des Kolonialismus. Es zeigt die Chancen, aber auch die Risiken, die gesellschaftliche Umwälzungen benachteiligten Gruppen – hier Frauen und der Unterschicht – eröffnen. Und es befasst sich kritisch mit der Art und Weise, wie die Weltöffentlichkeit auf Kriege reagiert – wie wichtig es zum Beispiel ist, ein einfaches Narrativ für einen Konflikt zu entwickeln, damit über ihn berichtet wird, und welche Rolle die Identifikation mit den Opfern spielt: Ein zentrales Problem der Igbo beim Versuch, internationale Unterstützung für ihre Unabhängigkeit zu erhalten, ist über lange Zeit, dass Europa 20 Jahre nach dem Holocaust beschlossen hat, Genozide als normalen Bestandteil „primitiver“ afrikanischer Stammeskulturen zu betrachten.
Trotz all dieser schwierigen Themen ist Half of a Yellow Sun kein moralisierendes Lehrstück, sondern ein packender Roman. Es ist auch nicht notwendig, sich bereits mit der Geschichte Nigerias und des Biafra-Krieges auszukennen. Ich hatte keinerlei Vorwissen über Biafra und habe zwar während des Lesens viel gegooglet (hauptsächlich, weil es mir peinlich war, wie ignorant ich bin), aber die Handlung ist auch ohne Zusatzrecherche verständlich. Tatsächlich ist ein wichtiger Bestandteil der Erzählung, wie sich die Protagonisten langsam ein Bild der Ereignisse machen, die vor allem für Ugwu und Richard oft undurchsichtig sind. Als ahnungsloser Leser teilt man also gewissermaßen die Perspektive der Figuren.

Half of a Yellow Sun ist wie jedes Buch über Krieg und Massaker schwere Kost, aber eine absolut lohnenswerte Lektüre. Ich empfehle es, genau wie Americanah und We should all be feminists. Und wer gerade keine Zeit hat für ein dickes Buch über nigerianische Geschichte, der sollte sich zumindest Chimamanda Ngozi Adichies zweiten hervorragenden TedTalk, The Danger of a Single Story ansehen.

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3 Antworten zu Chimamanda Ngozi Adichie: Half of a Yellow Sun

  1. archivistin schreibt:

    Chimamanda Ngozi Adichie ist, neben dem Autor Teju Cole, meine absolute Lieblingsautorin. Half if a yellow sun habe ich mehrmals gelesen und kann das Buch ebenfalls uneingeschränkt und sogar in der deutschsprachigen Fassung empfehlen. Die filmische Umsetzung hingegen ist dem Buch enttäuschender Weise leider nicht gerecht geworden. Danke für den Artikel.

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