Leonardo Padura: Handel der Gefühle

Originaltitel: Vientos de cuaresma
Erscheinungsjahr: 2001
Land: Kuba

Havanna, 1989: Der Polizist Mario Conde untersucht den Mord an einer jungen Lehrerin, in deren Wohnung Marihuana entdeckt wurde. Da die Lehrerin an einem renommierten Gymnasium unterrichtete und ihre Eltern Parteikader sind, steht er dabei unter besonderem Zeitdruck. Gleichzeitig begegnet er einer geheimnisvollen, schönen Frau, die direkt aus seinen Träumen entsprungen zu sein scheint.

Das ist die Ausgangssituation von Leonardo Paduras Krimi „Handel der Gefühle“. Padura ist einer der erfolgreichsten kubanischen Schriftsteller und Träger des kubanischen Nationalpreises sowie zahlreicher internationaler Preise.
Zwei wichtige Einflüsse auf seinen Krimi sind zweifellos zum einen der Roman noir mit seiner düsteren Stimmung und zum anderen Ernest Hemingway, der ja die letzten Jahre seines Lebens auf Kuba verbracht hat und der Lieblingsautor des Protagonisten Mario Conde ist. Allerdings hat Padura von Hemingway nicht unbedingt den Schreibstil übernommen, sondern vielmehr den übermäßigen Alkoholkonsum seines Protagonisten und den Machismo. Das liest sich so:

„Der Wind [wirbelte] den schwarzen Staub und den Müll seiner Erinnerungen auf, das welke Laub seiner abgestorbenen Zuneigungen, die bitteren Gerüche seiner Schuldgefühle. Scheiß was auf den Wind, sagte er zu sich. Er durfte sich der melancholischen Stimmung nicht länger hingeben, und er kannte das Gegengift. Eine Flasche Rum und eine Frau – beides je schärfer, desto besser – waren das schnell und radikal wirkende Heilmittel bei einer so übernatürlichen wie übermächtigen Depression.“

Das Frauenbild in „Handel der Gefühle“ ist sicher nicht problematischer als bei Paduras Vorbildern, und es ist auch nicht besonders wichtig für die Handlung. Aber die Regelmäßigkeit, mit der in diesem Buch beispielsweise diskutiert wird, ob eine Frau eine „Hure“ ist, hat mich doch gestört. („Hure“ wird dabei von den Charakteren nicht als Berufsbezeichnung verwendet, sondern als Kurzbegriff für „Frau, die mit einem anderen Mann als mir schläft.“…)

Auch Paduras Versuch, sich in die Tradition des Roman noir zu stellen, fand ich nur halb gelungen, wobei das sicher an der Tatsache liegt, dass er in einer Diktatur lebt und arbeitet. Der Polizist Conde und seine Freunde sind alle am Leben verzweifelte und teilweise auch gescheiterte Gestalten – soweit, so noir. Aber Padura spricht nicht offen an, dass dies am Scheitern der sozialistischen Gesellschaftsidee liegt, sondern die Gründe, die er für die Verzweiflung seines Helden nennt, liegen hauptsächlich im Privaten. Es entsteht der merkwürdige Effekt, dass zwar einerseits Maria Conde und seine Freunde als Verzweifelte ohne Zukunftshoffnung leben, andererseits aber die Entdeckung, dass einige Schüler Haschisch rauchen und ein paar Kubaner Drogenschmuggler sind, von allen Charakteren als schockierende Entdeckung und Beleg für den Verfall der Sitten gewertet wird. Und ein Roman noir, in dem ein paar kiffende Teenager eine verdorbene Gesellschaft symbolisieren sollen, hat einfach nicht die gleiche Dramatik wie ein Krimi, der tatsächlich Korruption und Werteverfall offen ansprechen darf.

Trotz allem hat „Handel der Gefühle“ aber auch seine charmanten Seiten. Mario Conde besucht regelmäßig seinen besten Freund und dessen Mutter zum Abendessen. Und was die alte Dame den beiden an Köstlichkeiten auftischt, jeweils inklusive ausführlicher Erläuterungen zum Ursprung des Rezepts und ihren kreativen Variationen, weil sie nicht alle Zutaten finden konnte, ist nicht nur ein subtiler Kommentar zum Leben in einer Mangelwirtschaft, sondern macht selbst dann Appetit, wenn man im kapitalistischen Westen lebt.

„Handel der Gefühle“ ist der Teil 2, bzw. „Frühling“, seines Krimizyklus „Havanna-Quartett“, kann aber auch unabhängig gelesen werden. (Ich selbst dachte beim Kauf, dass es sich um Band 1 der Reihe handelt – aber sein nach den Jahreszeiten benanntes Quartett beginnt mit dem Winter.)

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