Sommer-Buch Club: „So wirst du stinkreich im boomenden Asien“ (Mohsin Hamid)

(Originaltitel: How to get filthy rich in rising Asia)
Erscheinungsjahr: 2013
Land: Irgendwo in Asien, aber vermutlich Pakistan

Ich bin zurück aus dem Urlaub und habe wie geplant am Strand „So wirst du stinkreich im boomenden Asien“ gelesen. Ich weiß, dass einige von euch auch schon damit fertig sind und bin gespannt auf eure Eindrücke! Deshalb schreibe ich diesmal auch keine umfassende Buchbesprechung, sondern gehe als Startpunkt für unsere Diskussion auf drei Aspekte ein, die mir beim Lesen besonders aufgefallen sind.
Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber ist ja unser Sommer-Buchclub-Buch, und deshalb gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

Der Roman ist als Ratgeber aufgebaut, in dem unterschiedliche Kapitel die wichtigsten Schritte auf dem Weg zum Reichtum beschreiben, zum Beispiel „Zieh in die Stadt“ oder „Meide Idealisten“. Gleichzeitig erzählt der Roman das Leben eines Mannes, der es durch Glück, harte Arbeit und Skrupellosigkeit schafft, sich aus der Armut eines Dorfes über einen großstädtischen Slum zum reichen Wasser-Unternehmer hochzuarbeiten. Dabei kreuzt sich sein Weg immer wieder mit seiner Jugendliebe, einer Frau aus dem gleichen Slum, die als Mätresse, Schauspielerin und später Unternehmerin ebenfalls der Armut entkommt.

Die Erzählperspektive ist ungewöhnlich: Es wird in der zweiten Person Singular erzählt, der Autor spricht den Protagonisten – und den Leser- direkt an. (Frage an alle Expertinnen: Gibt es dafür einen Fachbegriff?) Dieses ungewöhnliche Stilmittel ist der erste Punkt, den ich gerne mit euch diskutieren würde. Ich bin mir nicht sicher über seine Wirkung. Stellenweise habe ich die Anrede, vor allem in Kombination mit dem Kniff des vermeintlichen Ratgebers, als distanzschaffend empfunden. An anderen Stellen hat mich die ungewöhnliche Erzählperspektive dazu gebracht, mich stärker mit einem nicht sehr sympathischen Helden zu identifizieren und beispielweise seinen Handel mit abgelaufenen Konserven und gepanschtem Mineralwasser zumindest im ersten Moment weniger kritisch zu sehen.

Auch inhaltlich fand ich einige Aspekte des Buches ungewöhnlich. Wer regelmäßig Bücher über den indischen Subkontinent liest, kennt sicher einige der Themen aus „So wirst du stinkreich…“ bereits aus anderen Romanen. Im Vergleich fand ich es auffällig, wie wenig sich der Autor damit aufhält, Mitleid beim Leser zu wecken. Er beschreibt zwar klar die Ungerechtigkeiten in den gesellschaftlichen Strukturen seines exemplarischen asiatischen Schwellenlandes – die Korruption, die Kriminalität, die Benachteiligung von Frauen. Aber da der Protagonist sie als gegeben hinnimmt, tut es der Autor auch. Und das Leben des Protagonisten wird erstaunlich positiv und mit Happy End geschildert. Zwar erlebt der Held Rückschläge, sei es seine Scheidung oder die Pleite seiner Firma, als er alt ist. Aber letztlich bekommt er alles, was er sich vom Leben erhofft – als alter Mann sogar noch seine Jugendliebe.

Schließlich stellt sich die Frage, wie wichtig und erstrebenswert es eigentlich ist, „stinkreich“ zu sein. Der Klappentext des Buches und einige Rezensionen interpretieren die Kernaussage des Buches als „Reichtum ist nicht alles“. Ich selbst habe es eher gelesen als „Stinkreich muss man nicht unbedingt sein, aber wohlhabend schon.“ Denn was wir gerne vergessen und das Buch an vielen Stellen in Erinnerung ruft, ist, dass zwar auch Reiche am Ende sterben müssen, aber zumindest können sie sich Palliativmedizin leisten.

Jetzt bin ich gespannt auf eure Meinung! Wie reich sollte man werden? Ist der „Du-Erzähler“ ein geeignetes Stilmittel? Hat der Roman euer Bild von Pakistan bzw. asiatischen Schwellenländern im Allgemeinen bestätigt oder verändert? Was hat euch sonst besonders gefallen oder euch gestört?

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11 Antworten zu Sommer-Buch Club: „So wirst du stinkreich im boomenden Asien“ (Mohsin Hamid)

  1. Matthias schreibt:

    Ich fand das Buch sehr interessant und will mich in meinem Kommentar auf drei Aspekte beschränken, die ich an dem Buch besonders bemerkenswert fand.

    Punkt 1. Die Erzählperspektive. Sonja hat es schon geschrieben – das Buch verwendet die „Du-Perspektive“. Diese Perspektive bietet auf jeden Fall eine interessante Abwechslung von den üblichen Erzählperspektiven Ich-Erzähler, auktorialer Erzähler und personaler Erzähler, aber die Wirkung habe ich als etwas ambivalent erlebt. Am Anfang fand ich die Abwechslung noch interessant, aber dieser Effekt hat sich etwas abgenutzt. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Kunstgriff besser auf der Kurzstrecke funktioniert und bei längeren Texten leicht Gefahr läuft, sich zu wiederholen und irgendwann etwas ermüdend zu wirken. Was er auf jeden Fall bewirkt, ist ein gewisser Verfremdungseffekt, der dann auch wieder überraschende Wirkungen haben kann, wie Sonja schon schreibt. Manchmal erhöht die Verfremdung die Distanz und man hat das Gefühl, eine mechanische Gebrauchsanweisung zu lesen statt eines Romans über die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Lebens. Manchmal verringert der Effekt die Distanz, man wird zum Komplizen des Protagonisten und fragt sich, ob man das in seiner Situation tatsächlich so machen würde wie er. Zusammengefasst: vermutlich eine Erzählsituation für die Nische, aber definitiv eine Bereicherung, einmal ein Buch mit dieser Perspektive gelesen zu haben.

    Punkt 2. Die Chronologie. Ich versuche die Handlung von Romanen instinktiv immer mit einer Chronologie zu versehen, auch wenn das bei manchen Büchern nicht so ganz einfach ist. Dieses Buch gehört definitiv dazu. Als der Held beim Videos ausfahren ein Handy dabei hat, dachte ich mir „OK, das muss also frühestens Mitte der Neunziger, wahrscheinlich noch etwas später spielen“, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein junger Fahrradbote in Asien vorher schon ein Handy dabei gehabt haben könnte. Wenn man diesem Fixpunkt folgt, schreibt man aber zum Zeitpunkt des Ablebens des Helden mindestens das Jahr 2060, ohne dass es irgendwelche neue Technologien gäbe – bleibt der technische Fortschritt also einfach auf dem heutigen Stand stehen? Letztlich musste ich einsehen, dass eigentlich so gut wie jede Passage des Romans von den Schilderungen her am besten in die Jetztzeit passt, sagen wir in den Zeitraum von 2000 bis heute. Ich vermute stark, dass diese Chronologie mit der Erzählperspektive in Zusammenhang steht. Das Buch ist ein fiktiver Ratgeber, muss also fiktive Ratschläge erteilen, die jetzt umgesetzt werden können. Dazu würde es schlecht passen, dass ein Held in den 1960ern geboren wird und in den 2030ern stirbt, denn dann wären einige Ratschläge für die Welt von heute vielleicht schlecht zu gebrauchen. Die Chronologie ergibt sich also indirekt aus der Erzählsituation, auch ein interessantes Verhältnis. Diese Chronologie unterstreicht natürlich noch einmal das Exemplarische des Buches – da wird nicht nur ein Leben geschildert, sondern eine ganze Gesellschaft. Das bringt mich zu

    Punkt 3. Der wirtschaftliche und politische Hintergrund. (Alle, die sich nicht für Wirtschaft und Politik interessieren, können hier aufhören zu lesen!) Die Handlung des Buches hat mich sehr stark an ein Buch erinnert, das ich in den letzten Sommerferien gelesen habe und das ich sehr spannend und lehrreich fand (wenn es auch an einigen Stellen leider etwas überhastet und schlecht geschrieben ist): „Why Nations Fail – the Origins of Power, Prosperity and Poverty“ / „Warum Nationen scheitern: die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut“ von Daron Acemoğlu und James A. Robinson. Ganz stark eingedampft und vereinfacht erklärt das Buch Reichtum und Armut von Volkswirtschaften mit den wirtschaftlich-politischen Institutionen, auf denen sie aufgebaut sind. Gesellschaften mit sehr wenig und sehr kleinräumigen wirtschaftlich-politischen Institutionen (Stammesgesellschaft) sind am ärmsten. Die zweite Stufe ist der Aufbau von extraktiven Institutionen: eine politisch-wirtschaftliche Elite schafft wirtschaftlich-politische Institutionen zu ihrem eigenen Vorteil. Der höhere Organisationsgrad führt zu einigem Wachstum (die Autoren nennen es „extraktives Wachstum“), die Früchte dieses Wachstums werden von den Eliten monopolisiert, der Rest der Bevölkerung bleibt bitterarm. Irgendwann stößt das extraktive Wachstum an seine Grenzen, wegen mangelnder Kreativität und Innovation, wegen Erschöpfung der natürlichen Lebensgrundlagen, vor allem aber weil ein erbitterter Machtkampf zwischen den Eliten um den Zugang zu den Fleischtöpfen geführt wird, manchmal bis zum Zusammenbruch des ganzen Systems und zur Rückkehr zum zuerst geschilderten Zustand. Nur einige Gesellschaften haben es bisher auf die dritte Stufe geschafft und ein inklusives System geschaffen, mit wirtschaftlich-politischen Grundrechten für alle und mit Institutionen, die faire Regeln und einen wirtschaftspolitischen Ordnungsrahmen herstellen, der es zumindest theoretisch allen möglich macht, zu Wohlstand zu kommen. Der Protagonist des Buches folgt diesem Schema bis zu einem bestimmten Punkt. Das indische Dorf ist noch in der ersten Phase gefangen. Der Wegzug in die Stadt katapultiert ihn in die zweite Phase, und der Leser kriegt wunderbar vorgeführt, wie eine Gesellschaft mit extraktivem Wachstum so funktioniert. Der Mensch ist des Menschen Wolf, und wer zur Elite aufsteigen will, darf keine Hemmungen dabei kennen, die Regeln jederzeit zu den eigenen Gunsten umzubiegen. Die typischen Phänomene der Gesellschaft im extraktiven Wachstum werden im Buch hervorragend durchexerziert, bis hin zum Zusammenbruch des Systems am Schluss. Die dritte Phase, die inklusive Gesellschaft, wird nur angedeutet – der Protagonist hat einen Teil des Geldes ins sichere (vermutlich westliche) Ausland geschafft und kann sich so seinen Lebensabend noch etwas versüßen. Die entscheidende Frage bleibt offen: schafft Asien es, von seinen extraktiven Institutionen loszukommen und in die dritte Phase vorzustoßen, oder bricht das extraktive Wachstum irgendwann in sich zusammen? Diese Frage treibt mich sehr um und ist brandaktuell (siehe Börsencrash in China), und das Buch war eine gute Gelegenheit, darüber noch einmal neu nachzudenken.

    Ich freue mich auf den nächsten Buch-Club!

    Viele Grüße,

    Matthias

  2. Annabelle schreibt:

    Zuerst ein mal mein Gesamtfazit vorweg: ich mochte das Buch und fand die Lektüre unterhaltsam. Warum? Zum einen ist es gut geschrieben (ich habe die Englische Ausgabe gelesen) und zum anderen fand ich den Blickwinkel erfrischend anders. Ich will mich hier auf den zweiten Punkt konzentrieren, da Punkt eins ja doch irgendwie Geschmackssache ist und sich eher nicht als Diskussionsgrundlage eignet.

    Die Handlung des Buches konzentriert sich zwar auch auf ein Einzelschicksal, wie es oft in Büchern über Menschen in Entwicklungs- bzw. Schwellenländern der Fall ist, aber der Protagonist ist nicht hilflos seinen Lebensumständen ausgeliefert. Im Gegenteil, Hamid drückt weder auf die Tränendrüse noch stellt er die Situation seines Protagonisten als auswegslos dar. Zum einen spiegelt das glaube ich ganz gut die Mentalität in „rising Asia“ – zumindest habe ich diese „can-do attitude“ bei meiner Reise auf den Subkontinent selbst so erlebt. Aber zum anderen finde ich es äusserst problematisch, dass gerade Menschen in Entwicklungsländern in der Literatur oft so gezeichnet werden, als wären sie nicht in der Lage an ihrer Situation etwas zu ändern. Natürlich sind die Umstände oft schwierig und schränken den Handlungsspielraum ein, aber auch Menschen in Entwicklungsländern treffen Entscheidungen, zeigen Initiative und versuchen auf ihr Leben Einfluss zu nehmen (indem sie zum Beispiel ihre Heimat verlassen, aber das ist eine andere Diskussion). Ihnen diese Fähigkeit abzusprechen nimmt den Charakteren ihre Menschlichkeit. Ausserdem wird vermittelt, dass Menschen in Entwicklungsländern entweder ausharren müssen und auf eine Besserung der Umstände warten oder auf Hilfe von „aussen“ angewiesen sind und ansonsten ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert sind.

    Der Roman von Hamid entspricht zum Glück nicht diesem Erzählmuster und das macht ihn meiner Meinung nach sehr reizvoll. Ob es allerdings wirklich notwendig ist das ganze Buch als Ratgeberliteratur zu verkaufen, sei dahingestellt. Die Einleitungsparagraphen jeden Kapitels kommen mir oft aufgesetzt und erzwungen vor. Für mich wäre es absolut ok gewesen den Roman als das zu verkaufen was er ist – nämlich eine Geschichte über einen Mann in „rising Asia,“ der versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Und dem das auch gelingt.

    Ich will es erst mal hierbei belassen und freue mich auf andere Eindrücke.

    • Das „Rategeberformat“ hat offensichtlich niemanden von uns so richtig überzeugt. Aber vielleicht ist das auch noch witziger, wenn man tatsächlich pakistanische Karriere-Ratgeber kennt.
      Ich stimme dir zu – es ist erfrischend, dass der Autor seine Figuren nicht primär als Opfer sieht, sondern als aktive Individuen, die ihre (engen) Handlungsspielräume nutzen.

  3. Claudi S. schreibt:

    Hallo zusammen,

    danke für eure Eindrücke, mein Gesamtfazit fällt leider nicht so gut aus, ich fand das Buch eher enttäuschend.

    Hier die Gründe:

    – die Erzählperspektive empfand ich nach einigen Seiten recht anstrengend (ok, zum einen vielleicht deshalb weil sie sehr ungewöhnlich ist, aber auch die Sprache, den Satzbau im Speziellen, fand ich dadurch manchmal recht hölzern (ich habe allerdings die deutsche Ausgabe gelesen, könnte also auch mit der Übersetzung zusammenhängen). Ich hätte das für einen Prolog oder ein Kapitel raffiniert gefunden, aber das für das komplette Buch zu verwenden, finde ich sehr gekünstelt.

    – inhaltlich fand ich die vielen zeitlichen Sprünge befremdlich, dies schafft bei mir auch eine ziemliche Distanz zum Protagonisten, z.B. als man quasi im Nebensatz erfährt, dass er vor Jahren geheiratet hat. Am Anfang fand ich die Geschichte noch einigermaßen spannend, aber das ebbte ziemlich schnell ab. Irgendwie hat er für mich den Faden der Geschichte verloren.

    – die auf der Rückseite des Buchs versprochene „berührendste Liebesgeschichte der modernen Literatur“ (oder so ähnlich) fand ich extrem übertrieben. Es kam mir stellenweise so vor, dass das für den Autor halt zu einem Buch dazugehört und er das daher eingeflochten hat, aber berührt hat mich das eher weniger.

    Ich hab jetzt nicht so viel Leseerfahrung mit Büchern aus Schwellenländern, aber ich hatte nicht den Eindruck, irgendetwas neues über die Gesellschaften zu erfahren bzw. einen Denkanstoß zu bekommen. @Matthias, deine Sichtweise mit den verschiedenen Stufen der Gesellschaft finde ich in dem Zusammenhang aber sehr passend.

    PS: Ich habe parallel noch einen anderen Roman von Hamid gelesen: „Der Fundamentalist, der keiner sein wollte“. Dieses Buch fand ich sehr viel spannender und erkenntnisreicher. Es hat ebenfalls eine etwas ungewöhnliche Erzählperspektive, Und auch hier wird eine Liebesgeschichte verflochten mit politisch-kulturellen Hintergründen. Diesen Roman würde ich weiterempfehlen, das hier besprochene Buch eher nicht.

    Freu mich dennoch auf den nächsten Buch-Club! 🙂

    • Hey Claudi, da haben wir anscheinend das falsche Buch von Hamid gelesen… Ich stimme dir zu, dass die Liebesgeschichte eher eine Nebenhandlung ist. Für mich hat sie allerdings einen Vorteil, nämlich dass der Autor auch die Aufstiegsgeschichte einer Frau darstellt, die ja noch einmal ganz andere und noch eingeschränktere Handlungsmöglichkeiten hat als der Held. Noch besser hätte es mir gefallen, wenn die Geschichte des „schönen Mädchens“ tatsächlich als gleichwertige Parallelhandlung erzählt worden wäre – vieles wird ja nur angeschnitten. Aber das hätte natürlich nicht in das Ratgeberformat gepasst.

  4. Daniel schreibt:

    Mein allgemeines Fazit: Interessant, aber ich weiß bis heute nicht ob das Buch mir wirklich gefallen hat oder nicht. Die Geschichte war ganz spannend, aber einige der „besonderen“ Aspekte des Buches haben mich sehr gestört. Und mit all euren Kommentaren wird mein Bild vom Buch nicht unbedingt besser 🙂

    Zum Thema Ratgeber:
    Was mich vor allem irritiert hat ist, dass das Ratgeberformat lediglich am Anfang eines jeden Kapitel im Mittelpunkt stand. Im Laufe der Kapitel empfand ich die Erzählweise wieder wie eine ganz normale Erzählung. Für mich hat der Autor ganz klar nicht geschafft einen Ratgeber zu schreiben. Ich empfinde das Format deswegen als störend.

    Chronologie:
    Das was Matthias mit der Chronologie erzählt ist mir nicht aufgefallen. Aber er hat recht. Aber das es durch das verharren in ca einem Jahrzehnt mehr wie ein Ratgeber wirkt finde ich nicht. Ich hatte trotz allem immer das Gefühl die Lebensgeschichte des Protagonisten zu lesen und die spielt eben nicht nur ein Jahrzehnt lang. Für mich ein logischer Fehler.

    Die Zeitsprünge:
    Den Aspekt der Zeitsprünge den Claudi erwähnt hat, ist mir auch aufgefallen. Allerdings hat es mich nicht wirklich gestört, da ich nie das Gefühl hatte durch die Sprünge wirklich etwas zu verpassen. Ob das jetzt für die Tiefe der Handlung spricht sei mal dahingestellt…

    Freue mich auf das nächste Buch!

  5. Gisela R. schreibt:

    Hallo zusammen,
    ich kann mich ähnlich wie Daniel nicht entscheiden, ob ich das Buch gut fand oder nicht. Es war auf jeden Fall interessant. Das Ganze mit dem Ratgeberstil habe ich nach dem ersten Kapitel, indem ich es noch interessant fand, vollkommen überlesen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, die Kapitelanfänge habe ich immer sozusagen diagonal gelesen und erst dann wieder aufgepasst, wenn ich das Gefühl hatte, dass jetzt die Handlung wieder einsetzt – damit ist dieser Stil bei mir oder an mir sicherlich gescheitert.

    Die Zeitsprünge fand ich auch irritierend und mich hätte auch interessiert, wie es seiner Schwester nach der Rückkehr ins Dorf erging. Dass ihr Mann Angst vor ihr hatte, ist schon mal eine Aussage, aber nachdem doch die Mutter im Dorf nur geduldet und nicht beliebt war, hätte mich interessiert, ob seine Schwester als Rückkehrerin aus der Stadt dafür bewundert oder eher geächtet wurde… Ebenso vage bleibt die Beschreibung seiner Ehe und die Wandlung seiner Frau zu einer religiösen Größe…

    Was Annabelle beschreibt, dass die Handelnden Entscheidungen treffen und ihr Leben in die Hand nehmen, habe ich auch so empfunden, allerdings finde ich das Handeln in den meisten Situationen moralisch verwerflich. Abgelaufene Lebensmittel mit neuen Stempeln zu versehen und als frische Ware zu verkaufen, ist für mich schlicht Betrug und unser Held, weiß ja auch ganz genau was er tut – er überlegt ja, dass noch niemand von seiner Ware krank wurde usw.

    Ich bin mit meiner persönlichen Bewertung da ziemlich im Zwiespalt, da ich mir bewusst bin, dass ich in meinem bequemen deutschen Leben leicht urteilen und all diese Geschäftsideen unmoralisch finden kann und dass das Leben in Asien sicherlich ganz anders aussieht. Trotzdem möchte ich nicht akzeptieren, dass er vielleicht „nicht anders konnte“ und nur so der Armut entronnen ist.
    Das schöne Mädchen hat jedenfalls auf ganz andere Weise ihr Leben in die Hand genommen und eigentlich finde ich das viel beeindruckender und auch ehrlicher. Durch sie wurde niemand in Gefahr gebracht.

    Was mich auch immer wieder irritiert hat, war die fatalistische Einstellung gegenüber den Widrigkeiten des Arbeitslebens: sein Bruder arbeitet ohne jeglichen Atemschutz und im Buch heißt es sinngemäß: kurzfristig führt das zu Husten, langfristig zu schwerer Erkrankung und auf lange Sicht zum frühzeitigen Tod – aber der Tod kommt ja sowieso… Es gibt noch mehr solche Stellen, bei denen ich den Eindruck habe, dass alle wissen, unter welchen Bedingungen sie leben und arbeiten, aber es lohnt sich nicht dagegen auf zubegehren, da der Tod sowieso unausweichlich ist.

    Mein Fazit: das Buch war interessant und ich möchte den anderen Titel, den Claudi gut fand auf jeden Fall auch noch lesen.

  6. Hey Daniel und Mama, Danke für eure Beiträge! Die eine Sache, bei der wir uns alle einig zu sein scheinen, ist, dass wir auf das Ratgeberformat hätten verzichten können…
    Es stimmt, dass die Figuren einerseits ihr Leben in die Hand nehmen, andererseits aber absolut fatalistisch gegenüber „dem System“ sind, bzw. versuchen, in einer Ausbeutergesellschaft eben der größte Ausbeuter zu werden. Ich denke schon, dass man auch aus dem gemütlichen deutschen Wohnzimmer das Verhalten der Figuren als unmoralisch bewerten darf – vielleicht mit der Einschränkung anzuerkennen, dass sie in einer faireren Gesellschaft vermutlich teilweise anders handeln würden. Hättest du dir mehr positive Figuren gewünscht oder eine eindeutige moralische Wertung des Autors?

  7. Pia schreibt:

    Hier in Gaziantep liegt der Sommer in den letzten Zügen, von daher hoffe ich, dass ich meinen Kommentar noch in den Sommerleseclub ‚reinschmuggeln‘ kann…
    Leider habe ich es nicht geschafft, dass Buch anlässlich des Leseclubs noch einmal zu lesen, vertraue daher zur Anfertigung meines Beitrags insoweit auf mein Gedächtnis und eure Kommentare. Tatsächlich möchte ich auch nur eine Sache anmerken.

    Matthias erwähnte das Nichtkorrespondieren von zeitlichem Fortschritt und technischer Neuerung, welches mir beim Lesen auch aufgefallen ist. Zunächst habe ich mich darüber etwas gewundert, muss aber mit einigem Abstand feststellen, dass ich es ein eigentlich sehr passendes ‚Stilmittel‘ finde (wobei ich mir natürlich nicht sicher bin, inwieweit es bewusst eingesetzt wurde). In der Mehrheit laufen wir vermutlich mit der Erwartung von technischer Neuerung und ökonomischem Fortschritt durchs Leben, sowohl in individueller als auch in gesellschaftlicher Dimension. Bei Mohsin Hamid fällt der technische Fortschritt aus/bleibt sehr beschränkt, unsere Erwartung wird also nicht bedient (bei der Lektüre habe ich mich selbst dabei ertappt, auf entsprechende Neuerungen zu warten, vermutlich weil ich gesellschaftlich entsprechend konditioniert bin – dies obwohl ich grundsätzlich technischer Neuerung ohne erkennbares Mehr an Nutzen für Menschen sehr skeptisch gegenüber bin). Das finde ich insofern passend, als auch der Aufstieg des Protagonisten auf keinem besonders sicheren, nachhaltigen Fundament fußt, er bleibt inhaltsleer und letztlich ohne größeren Sinn/gesellschaftlichen Mehrwert. Auch seine persönlichem Reife schreitet nicht voran, der technische Fortschritt passt sich dem einfach an.

    Ich habe vor einiger Zeit ebenfalls das von Claudi erwähnte ‚A reluctant fundamentalist‘ gelesen und auch mir hat es besser gefallen. Dennoch fand ich ‚How to get filthy rich in rising Asia‘ als Einstieg in Mohsin Hamids nicht allzu umfangreiches Werk sehr geeignet.

    • Darauf, eine Parallele zwischen dem fehlenden technischen Fortschritt und dem fehlenden charakterlichen Reifen des Protagonisten zu ziehen, wäre ich gar nicht gekommen. Aber du hast natürlich recht (und die Vordenker der Aufklärung wären begeistert von dieser Analyse…)

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