Harper Lee: Go Set A Watchman

(dt. Titel: Geh, stelle einen Wächter)
Erscheinungsjahr: 2015
Land: USA

Harper Lees „Go Set A Watchman” ist schon aufgrund seiner Entstehungsgeschichte ein ungewöhnlicher Roman. Er war ihr erster schriftstellerischer Versuch, den sie bei einem Verlag einreichte. Die Lektorin schlug ihr vor, das Manuskript gründlich zu überarbeiten und sich mehr auf die Kindheitsszenen in ihrem Roman zu konzentrieren. Harper Lee nahm diesen Rat sehr ernst und schrieb ein völlig neues Buch, das fast nur noch die Hauptpersonen mit dem ersten Entwurf teilt: „Wer die Nachtigall stört.“ Dafür gewann sie 1961 den Pulitzer-Preis und schrieb nie wieder ein weiteres Buch. Im letzten Jahr tauchte dann unter etwas ominösen Umständen das Ursprungsmanuskript wieder auf und wurde jetzt mit Einverständnis der fast neunzigjährigen Autorin ohne weitere Bearbeitungen und unter riesigem Medienhype veröffentlicht. Dies führt zu zwei Besonderheiten: „Go Set A Watchman“ ist gleichzeitig die Grundlage für eines der beliebtesten Bücher überhaupt und ein unlektoriertes Manuskript. Und es ist ein Roman, der zwar eine Neuerscheinung des Jahres 2015, aber auch ein Buch aus den 1950er Jahren ist. Sowohl das fehlende Lektorat als auch seine Entstehungszeit merkt man dem Buch an.

Jean Louise „Scout“ Finch kommt aus New York in ihre Heimatstadt Maycomb, Alabama, um ihren Vater zu besuchen. Kurz zuvor hat der Supreme Court im Fall Brown v. Board of Education die Segregation für verfassungswidrig erklärt und Maycomb ist in Aufregung. Jean Louise, die sich selbst als unpolitisch und „farbenblind“ bezeichnet, entdeckt, dass nicht nur ihre Tante und ihr Freund, sondern auch ihr Vater Atticus die Segregation energisch verteidigen. Die Entdeckung, dass Atticus, der heroische Anwalt aus „Wer die Nachtigall stört“, ein Rassist ist, bringt Jean Louises gesamtes Weltbild ins Wanken.

Auch viele Leser haben geschockt auf diese Überraschung reagiert. Für mich war der unbehaglichste Aspekt des Buches aber ein anderer: Nämlich die Tatsache, dass Jean Louise so überrascht sein kann von den rassistischen Einstellungen ihrer Umgebung. Natürlich ist heute unsere Sensibilität gegenüber Alltagsrassismus größer als in den 1950er Jahren. Aber man fragt sich doch, wie Jean Louise als junge Frau aus Alabama, die die schwarze Köchin ihrer Familie heiß und innig liebt und generell an die Gleichheit aller Menschen glaubt, so lange so indifferent und naiv sein kann. Ihre mehrfach betonte „Farbenblindheit“ zeigt sich offenkundig nicht nur in der Gleichbehandlung aller Menschen, sondern auch in einer weitgehenden Blindheit gegenüber dem Rassismus um sie herum. Jean Louise wünscht sich die Vergangenheit zurück, in der nach ihrer Erinnerung alle Menschen in ihrem Umfeld unabhängig von ihrer Hautfarbe gut miteinander ausgekommen seien – dabei waren die Konflikte natürlich schon immer da, nur hatte sie sie als Kind nicht bemerkt. Einmal heißt es im Buch, Jean Louise wünschte, sie hätte all die vielen Artikel in den New Yorker Zeitungen gelesen, die sich mit den Rassenunruhen befassen – aber sie sei eben an Politik nicht interessiert. Als sie die rassistische Einstellung ihres Vaters entdeckt, erbricht sie sich vor Abscheu und beschließt dann zuerst, das Thema totzuschweigen: „She would sit out her two weeks home in polite detachment, saying nothing, asking nothing, blaming not.” Sie besucht Calpurnia, die schwarze ehemalige Haushälterin ihrer Familie, aber eher aus Nostalgie denn aus wirklichem Interesse, sich auf Calpurnias Situation einzulassen. Schließlich kommt es doch noch zum großen Eklat mit ihrem Vater: 15 Seiten schwer erträgliche Debatte über „states‘ rights“, die vermeintliche Dominanz der „Yankees“ und darüber, wer „zivilisiert“ genug ist, um ein vollwertiger Bürger zu sein – aber vor allem über Jean Louises Enttäuschung über ihren Vater. Das Schlusskapitel von „Go set a Watchman“ zeigt, dass es bei allem Reden über die Segregation gar kein Buch über die Bürgerrechtsbewegung ist. Die Situation der Schwarzen ist nur der Aufhänger für eine Geschichte über eine 26jährige Weiße, die lernt, dass ihr Vater nicht perfekt ist.

Und dies macht Harper Lees Erstversuch dann leider doch wieder modern: Die Autorin präsentiert uns Jean Louise als positive Figur, die emotional und leidenschaftlich antirassistisch ist. Aber sie ist es eben nur da, wo ihr eigenes Leben betroffen ist und der Rassismus um sie herum ihre eigenen Gefühle verletzt. Dass ihre Weigerung, Menschen als schwarz oder weiß zu betrachten ein Privileg ist, das ihre schwarzen Mitbürger nicht haben, ist ihr nicht bewusst. Das erinnert mich an die Art, wie wir viele unserer Debatten über Alltagsrassismus noch heute führen. Wie oft kreisen Diskussionen über abwertende Begriffe in Kinderbüchern oder das berüchtigte Zigeunerschnitzel letztlich nur um die Gefühle und wohligen Kindheitserinnerungen der weißen Mehrheit, obwohl es um unsere Gefühle doch eigentlich gar nicht geht?

„Go Set A Watchman“ wird mit Sicherheit kein Klassiker wie „Wer die Nachtigall stört“, und es hat mich beim Lesen häufig sehr wütend gemacht. Aber der Roman regt auch zum Nachdenken darüber an, ob wir heute bei allen offensichtlichen Fortschritten nicht mehr von der Borniertheit seiner Figuren teilen, als uns lieb ist.

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6 Antworten zu Harper Lee: Go Set A Watchman

  1. Claudia S. schreibt:

    Hallo Sonja,
    danke für die tolle Zusammenfassung! Jetzt kann ich endlich auch mitsprechen, die Feuilletons sind nämlich voll von dem Thema und ich hab mich nie so dafür interessiert, was wohl auch daran liegt, dass ich bisher „Wer die Nachtigall stört“ nicht gelesen habe.
    Was mir jetzt nicht ganz klar ist: hat deiner Meinung nach Harper Lee die Figur extra so naiv beschrieben oder ist sie sich selbst dieser Problematik gar nicht bewusst gewesen beim Schreiben? Ich nehme mal an, eher letzteres. Was natürlich die Frage aufwirft, wie beurteilen wir Texte, die in einer anderen Zeit entstanden sind als der unseren? Und wie werden wir diesen Texten bzw. Schriftstellern mit dem heutigen Wissen gerecht? (ganz allgemein, nicht auf diese Schriftstellerin bezogen, über die ich ehrlichgesagt gar nichts weiß).

    Die Frage mit Rassismus im Alltag stellt sich meiner Ansicht nach heute auch intensiv. Gerade z.B. wenn über Flüchtlinge diskutiert wird. Da gibts leider viele, die so eine Komfort-Toleranz an den Tag legen, so nach dem Motto „Ja, die armen Flüchtlinge sollten wir schon aufnehmen“, aber im 2.Satz dann „aber bitte schön nicht bei uns im Stadtteil!“ Schade, dass sich daran wohl so wenig geändert hat…

    Was das Buch angeht, finde ich es trotzdem bemerkenswert positiv, dass es so einen Medienhype auslöst, immer noch besser einen Hype um ein Buch als um irgendeinen Promiskandal oder andere Nichtigkeiten.

    • dieweltinbuechern schreibt:

      Liebe Claudi,
      ich denke nicht, dass Harper Lee sich bewusst ist, wie naiv und in vielem auch beiläufig rassistisch ihre Hauptperson ist, und ich vermute, dass das Manuskript zum Zeitpunkt seiner Entstehung in den 50ern tatsächlich recht progressiv war. Deine Überlegung, inwiefern man ein “altes” Buch mit den Maßstäben der heutigen Zeit messen darf, ist da genau der Knackpunkt. Ich habe darauf auch noch keine endgültige Antwort für mich gefunden. Ich glaube, wenn “Go set a watchman” 1955 veröffentlicht worden wäre, würde ich mich weniger darüber ärgern. Aber es ist nunmal 2015 und wir haben inzwischen Autorinnen wie Toni Morrison oder Chimamanda Ngozie Adichie, die so viel differenzierter über diese Themen schreiben. Insofern hat sich Harper Lee mit der Veröffentlichung zum jetzigen Zeitpunkt wohl keinen Gefallen getan. (Was dann wieder zu der Diskussion führt, ob sie mit fast 90 und gesundheitlich angeschlagen noch eigenständig Dinge entscheidet oder von ihrem Umfeld ausgenutzt wird – alles sehr schwierig!)
      Aber zumindest “Wer die Nachtigall stört” ist auf jeden Fall sehr zu empfehlen und würde dir bestimmt gefallen!

  2. Claudia S. schreibt:

    Interessantes Video, lustigerweise habe ich mir da noch nicht so viele Gedanken gemacht zu diesem Punkt wie sie (bezogen auf die Frauenfeindlichkeit in Klassikern)… Ich werde mal drauf achten in Zukunft!
    PS: Wann kommt deine erste Videorezension? 😉

  3. Annabell schreibt:

    Etwas verspätet will ich meine Eindrücke von „Go Set A Watchman“ teilen. Ich glaube nun zu verstehen was Du meinst wenn Du sagst, dass die Lektüre Dich zu einer „Wutleserin“ hat werden lassen, da es mir genauso ging. Vor allem die folgenden drei Aspekte haben mich wütend gemacht:

    1. Das fehlende Lektorat. Wer „To Kill A Mockingbird“ gelesen hat, kann sich stellenweise kaum vorstellen, dass die beiden Bücher von ein und derselben Autorin geschrieben sein sollen. Die Dialoge sind durchweg hölzern und vor allem redundant. Man könnte gut ein Drittel des Buches wegstreichen, da sich Passagen mit der gleichen Kernaussage mehrfach wiederholen. Stilistisch ist das sehr anstrengend und Vergnügen will beim Leser nicht aufkommen.

    2. Die Handlung. Wie Du ebenfalls feststellst, geht es in „Go Set A Watchman“ weder um Rassentrennung noch um die Bürgerrechtsbewegung, sondern um das Erwachsen werden eines kleinen Mädchens, dass in einer „heile Welt“ Phantasie stecken gebliegen ist. Ein klassischer „Coming-of-Age“ Roman also. Und dieser ist handwerklich relativ schlecht umgesetzt (siehe 1.). Kurz gesagt, Tochter entdeckt dass Vater kein Heiliger ist. Das lockt mich eher nicht hinter dem Ofen hervor. Und das ist der springende Punkt meines letzten Arguments.

    3. Das Marketing. Weder Punkt eins noch Punkt zwei sollten eigentlich überraschen. Man hätte es wissen müssen. Denn hätte Harper Lee geglaubt einen weiteren Pulitzer Preis Anwärter in der Schublade zu haben, so hätte sie ihn wohl schon vor Jahren veröffentlicht. Und den Beruf des Lektors und Redakteurs gibt es auch nicht ohne Grund. Was mich stört, ist dass das Buch vom Verlag durch eine, wie ich zugeben muss, schlaue Marketingstrategie als etwas verkauft wird, das es nicht ist. Das weckt beim Leser falsche Erwartungen, was wiederum zwangsläufig in Enttäuschung mündet.

    Ich bin dennoch froh das Buch gelesen zu haben um mir eine eigene Meinung bilden zu können. Aber weiterempfehlen werde ich es wohl nicht.

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