Ann Morgan: The World between two Covers. Reading around the Globe

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2015
Land: weltweit

Kurz nach meinem ersten Eintrag auf diesem Blog entdeckte ich, dass jemand anderes meine Idee, Bücher aus aller Welt zu sammeln und zu lesen, bereits erfolgreich und deutlich konsequenter umgesetzt hatte. Die britische Journalistin Ann Morgan hat das Jahr 2012 damit verbracht, je ein Buch aus jedem Land der Welt zu lesen und darüber auf ihrem Blog „A year of reading the world“ zu berichten.  Inzwischen ist aus diesem Projekt außerdem ein Buch entstanden, das ich hier vorstelle.

Der Auslöser für Ann Morgans Projekt war die Bemerkung eines Online-Bekannten, dass sie offensichtlich hauptsächlich angelsächsische Autoren lese. Erst wollte sie widersprechen, aber ein Blick auf ihr Bücherregal entlarvte sie als „literary xenophobe“, als literarischen Fremdenfeind. Dies kann einer Britin leicht passieren, wie sie feststellte. Denn in Großbritannien sind nur 4% der jährlich veröffentlichten Bücher Übersetzungen aus anderen Sprachen, in den USA sind es nur 3 %. Deutschland steht hier übrigens mit etwa 50% Übersetzungen aus anderen Sprachen deutlich besser da. Allerdings vermute ich, dass unter den Übersetzungen hauptsächlich Bücher aus dem angelsächsischen Raum, einige französischsprachige (hauptsächlich aus Frankreich), die Werke bekannter spanischsprachiger Autoren und die obligatorischen Schwedenkrimis sind. Bücher aus kleineren Sprachräumen werden häufig dann verstärkt übersetzt, wenn das jeweilige Land Gast der Buchmesse ist. Also ist auch für deutsche Leser immer noch mehr Diversität möglich.

In „The World between two covers“ geht Ann Morgan nur am Rande auf die Bücher ein, die sie während ihres Jahres gelesen und auf ihrem Blog bereits ausführlich diskutiert hat. Stattdessen nimmt sie ihre Erlebnisse und Schwierigkeiten bei der Durchführung des Projekts als Ausgangspunkt für eine ausführliche Auseinandersetzung mit Buchmärkten und Lesegewohnheiten weitweit.
Gerade bei kleinen Staaten und Entwicklungsländern war es teilweise sehr schwierig, auch nur ein einziges Buch zu finden, dass für eine in London wohnende englischsprachige Leserin zugänglich war. Ihr Projekt gelang nur deshalb, weil Menschen aus aller Welt sie unterstützten, ihr teilweise Bücher zuschickten oder sogar Übersetzungen nur für sie vornahmen. Die Diskussion um die Frage, ob Selbstverlag-Optionen die Qualität der Literatur senken, ist für Ann Morgan vor diesem Hintergrund – wenn überhaupt – nur für einen westlichen Buchmarkt relevant. In vielen Staaten der Erde, gerade im globalen Süden, gibt es schlichtweg keine anderen Möglichkeiten zu publizieren.
Neben Kapiteln über Zensur und Propaganda, die Herausforderungen einer gelungenen Übersetzung oder die Rolle und Bedeutung von mündlichen Erzähltraditionen in einer Welt der Bücher, reflektiert Morgan vor allem, wie das weltweite Lesen ihre eigene Weltsicht erschüttert und verändert hat. Dies beginnt schon mit der kontroversen Frage, wie viele und welche Staaten Teil ihres Projekts sein sollten. Sie beschreibt auch ihre teils heftigen emotionalen Reaktionen, wenn sie Dinge las, die faktisch falsch sind oder mit denen sie nicht übereinstimmte – seien es Fehlinformationen über Krankheiten, homophobe Äußerungen oder der Vorwurf eines postkolonialen Autors, dass alle Briten insgeheim rassistisch seien. Sie stellt die Frage, auf wieviel Neues und Fremdes wir uns wirklich einzulassen bereit sind. Die international erfolgreichsten Bücher kombinieren ihrer Einschätzung nach exotische Orte und Themen mit einer vertrauten, quasi-westlichen Perspektive:
„In the company of a storyteller guide who understands our preoccupations and blind spots, we can be shepherded into [a] little-discussed arena […], confident that, while we may be challenged, the book is unlikely to do anything to make us nervous. Pitched correctly, techniques like this can make a writer’s career.”

Ann Morgan ist ein Sachbuch gelungen, das angenehm zu lesen ist und ihren Enthusiasmus für ihr Projekt wiederspiegelt. Denn auch wenn es anstrengend sein kann, sich auf Literatur aus fremden Kulturen einzulassen, so ist es doch vor allem bereichernd und ungeheuer spannend.

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