Peter Pomerantsev: Nothing is true and everything is possible

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2014
Land: Russland

„Nothing is true and everything is possible“ ist eine Reportage über die russische Medienlandschaft und Gesellschaft der Putin-Ära. Der Brite Peter Pomerantsev, Sohn russischer Dissidenten, zieht Anfang der 2000er Jahre als Berufsanfänger nach Russland, um dort als Fernsehreporter und -produzent für verschiedene russische Sender zu arbeiten. Anfangs ist er fasziniert von der Atmosphäre in Moskau, die er als wilder und lebendiger empfindet als in Westeuropa. In seinen Reportagen porträtiert er Models und Mafiabosse, Künstler und Geschäftsleute. Beim Produzieren seiner Reality TV-Formate hat Pomerantsev allerdings zunehmend das Problem, dass nur noch „positive“ und unpolitische Geschichten verlangt wurden – zum einen aufgrund der stärker werdenden Zensur, zum anderen auf Wunsch eines Publikums, das Eskapismus sucht. Die russische Fernsehlandschaft spiegelt damit zwei Phänomene wieder, die laut Pomerantsev auch die russische Politik und Gesellschaft prägen:

1. Der Alltag ist durchsetzt von unübersichtlichen, aber einflussreichen Machtstrukturen.
Auch die vermeintlich unterhaltsam-boulevardesken Stories haben bei intensiverer Recherche oft einen politischen Kern, und Pomerantsev schildert dies auf fesselnde Weise. So beginnt ein Kapitel mit der Beschreibung eines Instituts, das Kurse zum Einfangen eines perfekten – d.h. reichen – Ehemannes anbietet. Das klingt zunächst zwar aus feministischer Perspektive problematisch, aber unpolitisch – bis Pomerantsev die Zusammenhänge zwischen dem „Sugardaddy“ als idealem Männerbild und der politischen Präferenz für Politiker, die mit Tigern kämpfen, aufzeigt. Ein anderes Kapitel beschreibt, wie eine Moskauer Geschäftsfrau, die mit Politik nichts zu tun haben will, plötzlich zum Spielball in einem Konflikt zwischen zwei Fraktionen des Geheimdienstes wird, die um die Vorherrschaft im Apothekergeschäft konkurrieren. Das Buch bestätigt das Mantra der Achtundsechziger, dass das Private immer politisch ist. Aber gleichzeitig ist oft auf den ersten Blick nicht zu erkennen, wer jeweils die Fäden zieht. Putin wird im ganzen Buch nur ein oder zweimal beim Namen genannt, ist aber ständig präsent – meist schlicht „der Präsident“ genannt. Er nimmt dabei verschiedene Rollen an: manchmal staatstragend, manchmal machohaft. Ein Aha-Erlebnis war für mich dabei Pomerantsevs Beobachtung, dass die aus den Nachrichten bekannten Sitzungen, in denen der Präsident das Kabinett befragt und einzelne Minister vor laufender Kamera zurechtweist, in der Bildsprache des „Paten“ inszeniert sind. Dies führt zum zweiten Phänomen:

2. Alles ist PR.
Pomerantsevs Ausführungen zur politischen PR bzw. Propaganda Russlands sind vor dem Hintergrund der Krim- und Ukraine-Krise besonders interessant. Die Besonderheit im Gegensatz zu anderen autoritären Systemen ist, dass die Propaganda-Botschaften flexibel an wechselnde Situationen und Adressaten angepasst werden und kein großer Wert auf Konsistenz gelegt wird. Dabei sind kleinere Abweichungen zwischen den Medienorganen durchaus vorgesehen. Zum Beispiel finanziert ein Berater Putins einen liberalen Spartenfernsehsender, der den Bedarf der Bevölkerung an kritischer Berichterstattung decken soll und gleichzeitig finanziell vom System abhängig ist. So entsteht das Paradox eines Senders, der innerhalb festgelegter Grenzen kritisch und unabhängig berichten darf, und in dem sich die Journalisten selbst zensieren, um die Grenzen der ihnen gewährten Unabhängigkeit nicht zu überschreiten. Pomerantsev schreibt:

„The Kremlin’s idea is to own all forms of political discourse, to not let any independent movements develop outside of its walls. Its Moscow can feel like an oligarchy in the morning and a democracy in the afternoon, a monarchy for dinner and a totalitarian state by bedtime.”

Er stellt die These auf, dass die meisten russischen Bürger zu Sowjetzeiten gelernt haben, ihr öffentliches Verhalten völlig von der eigenen Meinung und dem eigenen Privatleben zu trennen. Sie sind es gewöhnt, ihre Meinung nicht oder nur eingeschränkt sagen zu dürfen, und gleichzeitig jegliche Verantwortung für Missstände und politische Unterdrückung bei den Verhältnissen oder den Herrschenden abzuladen. Dies führt auch zu Mystizismus, Pseudowissenschaften und dem Wiedererstarken einer extrem reaktionären und nationalistischen Orthodoxie. Dieser Zynismus begünstigt auch die grassierenden Verschwörungstheorien. „Nothing is true and everything is possible“ – ist es da nicht auch möglich, dass hinter jedem Ereignis finstere Mächte stehen?

Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der sich angesichts der aktuellen politischen Krise dafür interessiert, was Propaganda und politische Zensur in Zeiten des Privatfernsehens und des Internets bedeuten. Dieses Sachbuch liest sich über weite Strecken wie ein Thriller – leider ohne Happy End.

 

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