Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

(Originaltitel: Ghana must go)
Erscheinungsjahr: 2013
Land: Ghana, USA

„Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ ist die Geschichte einer nigerianisch-ghanaischen Auswandererfamilie in den USA. Der Vater, ein Chirurg an einem Bostoner Klinikum, hat nach beruflichen Rückschlägen Hals über Kopf die Familie verlassen. Als er 15 Jahre später an einem Herzinfarkt stirbt, reisen seine vier Kinder und seine Exfrau zur Beerdigung nach Ghana und setzen sich dabei mit der Familienvergangenheit auseinander.
Die Geschichte wird kapitelweise aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder erzählt. Die ersten circa 100 Seiten berichten aus Sicht des sterbenden Vaters, wie es zur Trennung der Eltern kam. Dieser Teil hat seine Längen, und ich hätte beinahe aufgehört, zu lesen. Der mittlere Teil des Buches ist dann deutlich interessanter. Er beschreibt den Alltag der vier Geschwister, die alle auch als Erwachsene noch auf unterschiedliche Weise unter dem Auseinanderbrechen ihrer Familie leiden. Taiye Selasi konzentriert sich dabei besonders auf die Beziehungen der Geschwister zueinander, die einerseits von Eifersucht aufeinander und andererseits vom Wunsch nach Anerkennung und Nähe geprägt sind. Hier funktioniert der Perspektivenwechsel zwischen den einzelnen Kapiteln besonders gut, und der Leser kann beobachten, wie etwa jede der beiden Schwestern die andere um genau die Eigenschaften beneidet, die diese an sich selbst am wenigsten schätzt. Diesen Mittelteil fand ich spannend und die Geschwister als Figuren viel lebendiger als die Eltern. An diesem Punkt war ich nach dem holprigen Start schon fast versöhnt mit „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ – aber dann kam das Schlusskapitel. Schon etwa seit der Mitte des Buches wurde immer wieder angedeutet, dass es ein düsteres Familiengeheimnis um die beiden mittleren Kinder, ein Zwillingspaar, gibt. Während der Beerdigung des Vaters wird dieses Geheimnis schließlich gelüftet, aber leider fand ich es nicht sehr überzeugend. Die grundsätzliche Art des Geheimnisses deutet sich für den Leser schon lange an, aber die Details fand ich sehr extrem und nicht sehr plausibel. Die Funktion des Familiengeheimnisses für die Handlung ist es offensichtlich, den Zwillingen ein Trauma zu verpassen, um zu erklären, warum sie ein schwieriges Verhältnis zueinander haben. Aber um ihre psychischen Probleme zu erklären, hätte in meinen Augen weniger drastische Dinge, wie etwa die schwierige Trennung ihrer Eltern durchaus ausgereicht. Stattdessen haben sie ein Erlebnis, das Anklänge an eine griechische Tragödie hat. (Was die Autorin bewusst oder unbewusst wohl auch so sieht – zumindest werden im Zusammenhang mit den Zwillingen nicht nur afrikanische Mythen, sondern auch die griechische Mythologie mehrfach erwähnt.)
Insgesamt hat mich „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ nicht überzeugt. Allerdings hat mir gleichzeitig Taiye Selasis Schreibstil gut gefallen. Wenn sie irgendwann einen weiteren Roman veröffentlicht, werde ich wohle noch mal einen Versuch wagen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Ghana, USA veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s