Ivo Andrić: Die Brücke über die Drina

Erscheinungsjahr: 1945
Land: Bosnien und Herzegowina / Osmanisches Reich / Österreich-Ungarn

Ivo Andrićs „Die Brücke über die Drina“ ist weniger ein Roman mit fortlaufender Handlung, als vielmehr eine Chronik der bosnischen Stadt Višegrad an der Drina. Das erste Kapitel beschreibt, wie die Višegrader Brücke 1506 gebaut wird, im letzten Kapitel wird sie während des 1. Weltkriegs gesprengt. Dazwischen erzählt Andrić einzelne Episoden aus dem Alltag in Višegrad im Lauf der Jahrhunderte.  Der wichtigste Protagonist ist die Brücke selbst, dazu kommen mehrere Dutzend Charaktere, die teilweise nur in einem einzigen Kapitel auftauchen.  Aber dennoch sind die einzelnen Anekdoten miteinander verknüpft, da bestimmte Familien immer wieder vorkommen und die Leser nacheinander verschiedene Generationen kennenlernen.
Das Motiv, das sich durch alle Handlungen zieht, ist das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Višegrad ist eine Stadt mit halb christlicher bzw. serbischer, halb muslimischer bzw. bosnischer Bevölkerung (sowie einer jüdischen Minderheit). Zusätzlich liegt sie im Grenzgebiet zwischen zwei Großmächten. Zu Beginn des Romans ist Višegrad osmanisch, später wird es österreichisch. Am Ende des Romans ist die Drina zum Grenzfluss zwischen dem Osmanischen Reich und Österreich-Ungarn geworden.

Im Lauf der beschriebenen 400 Jahre werden die Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionen immer schlechter. Dieser Grundkonflikt wird nicht in allen Geschichten gleich stark thematisiert – viele der Episoden sind Liebesgeschichten oder beschreiben den Alltag in Višegrad. Über Jahrhunderte wird der Religionskonflikt zudem eher von außen an die Stadt herangetragen. Es wechselt zwar je nach Herrschaft, wer Bürger erster und wer zweiter Klasse ist. Aber die Beziehungen zwischen den Gruppen in der Stadt werden davon lange wenig berührt. Erst im 19. Jahrhundert wird aus den religiösen Unterschieden plötzlich auch ein ethnischer Konflikt, und die Differenzen gelten plötzlich als unüberbrückbar. Als am Ende des Ersten Weltkriegs die Brücke einstürzt, ist das auch die endgültige Trennung zweier Kulturen.
„Die Brücke über die Drina“ ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch immer noch sehr aktuell. Ivo Andrić als jugoslawischer Literaturnobelpreisträger wird heute von Serben, Kroaten und Bosniern gleichermaßen für sich beansprucht. Er selber war überzeugter Jugoslawe und hoffte, mit seinen Werken ein „Brückenbauer“ zu sein.  Der Roman zeigt, dass zwar Konflikte zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen auf dem Balkan eine lange Tradition haben. Er demonstriert aber gleichzeitig auch, dass Identitäten fließend sind. Die Trennlinien werden mal religiös, mal kulturell, ab dem 19. Jahrhundert auch national begründet – und sie verlaufen nicht immer genau gleich. Damit widerspricht er auch der Wahrnehmung, dass es quasi natürliche Feindschaften zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gibt – schließlich sind ja nicht einmal die ethnischen Gruppen selbst „naturgegeben“.

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