Yaa Gyasi: Homegoing

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2016
Land: Ghana, USA

Yaa Gyasi ist die Tochter ghanaischer Einwanderer in den USA. Die Idee für „Homegoing“ kam ihr, als sie als Studienanfängerin erstmals Ghana besuchte und in Cape Coast das Cape Coast Castle besuchte. Das Cape Coast Castle war ein britischer Stützpunkt, von dem aus seit dem späten 17. Jahrhundert Ghanaer als Sklaven nach Amerika verschifft wurden.

„Homegoing“ nähert sich dem Thema Sklaverei aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Am Anfang der Geschichte stehen zwei Halbschwestern. Effia wird an den britischen Kommandanten von Cape Coast Castle verheiratet, ihre Nachkommen sind einflussreiche Fante-Krieger und Sklavenhändler. Esi wird von Cape Coast Castle aus als Sklavin auf die Baumwollplantagen Nordamerikas verkauft. Jeweils im Wechsel erzählen die Kapitel des Romans von den Nachkommen der beiden über acht Generationen. In gewisser Hinsicht erinnert „Homegoing“ an eine Kurzgeschichtensammlung, da jedes Kapitel um einen neuen Protagonisten kreist und oft lange Lücken zwischen den Ereignissen bleiben. Diese Lücken machen auf beklemmende Weise anschaulich, wie sehr die Sklaverei auch Familienbeziehungen und Erinnerungen an die eigene Herkunft unmöglich gemacht hat. Gleichzeitig werden bestimmte Traumata über Generationen weitergegeben, ohne dass die Figuren begreifen können, woher sie stammen – nur der Leser kann davon eine Ahnung bekommen.

„Homegoing“ hat zwar – wie beschrieben – eine komplexe Struktur. Dennoch erscheint der Roman nicht als übermäßig durchgeplant oder abstrakt. Tatsächlich vergisst man während des Lesens die Struktur, denn die einzelnen Charaktere sind alle vielschichtig und lebendig gezeichnet. Gyasis Sprache ist gleichzeitig lyrisch und sehr präzise, und ich habe das Buch trotz seines oft brutalen Inhalts regelrecht verschlungen. Lediglich das Schlusskapitel wirkt etwas sehr konstruiert, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Die Kapitel über den  amerikanischen Zweig der Familie zeigen herzzerreißend die Bedingungen der Sklaverei im amerikanischen Süden, der Jim-Crow-Ära und der „Great Migration“ nach Norden. Während ich hier die Geschichten zeitlich jeweils ungefähr einordnen konnte, habe ich von ghanaischer Geschichte beschämenderweise so gut wie keine Ahnung. Die Erlebnisse der Figuren im Ghana des 18. und 19. Jahrhunderts haben zumindest für mich einen „blinden Fleck“ ausgefüllt. Eine Besonderheit des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Einfluss die Beteiligung am Sklavenhandel für den Teil der ghanaischen Bevölkerung hatte, der nicht versklavt wurde. „Homegoing“ macht einen Aspekt der Geschichte lebendig, der zumindest außerhalb Afrikas weitgehend unbekannt ist. Wie eine der Figuren, ein Geschichtslehrer im Ghana der 1960er-Jahre sagt:

„We believe the one who has the power. He is the one who gets to write the story. So, when you study history, you must always ask yourself, whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story, too. From there, you begin to get a clearer, yet still imperfect, picture.“

Besonders überraschend fand ich, dass es sich bei “Homegoing“ um den Erstling einer nur 27-jährigen Autorin handelt. Was immer Yaa Gyasi zukünftig schreiben wird: Ich bin sehr gespannt darauf!

 

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Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

Originaltitel: My Name is Lucy Barton
Erscheinungsjahr: 2016
Land: USA

Ich habe „Die Unvollkommenheit der Liebe“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde von Verlag nicht beeinflusst.

„Bei unserem kleinen Hochzeitsempfang sagte sie zu einer Freundin: „Das ist Lucy.“ Und sie fügte, fast ein bisschen neckisch, hinzu: „Lucy war früher gar niemand.“ Es kränkte mich nicht, und eigentlich kränkt es mich auch jetzt nicht. Aber ich denke bei mir: Kein Mensch auf der ganzen Welt ist gar niemand.“

Lucy Barton ist eine Schriftstellerin in New York, stammt aber aus ärmlichen Verhältnissen im Mittleren Westen. Ihr Vater ist Weltkriegsveteran und durch seine Kriegserfahrungen traumatisiert. Ihre Mutter ist verbittert von ihrem schweren Leben. Lucy und ihre Geschwister erleiden körperliche Misshandlungen und emotionale Vernachlässigung. Genauso leiden sie unter der großen Armut der Familie, die sie selbst in ihrer strukturschwachen Umgebung zu Außenseitern macht. Lucy entkommt erst aufs College und dann nach New York. Als sie sich verlobt, bricht die Familie aus diffusen Gründen den Kontakt zu ihr weitgehend ab. All dies ist aber nicht das Zentrum des Buches, sondern wird genau wie Lucys Entwicklung zur Schriftstellerin nur in Rückblenden erzählt und oft nur angedeutet. Die Haupthandlung spielt während drei Wochen in den 1980ern, als Lucy nach einer Blinddarmoperation wegen Komplikationen im Krankenhaus liegt. Plötzlich taucht ihre Mutter auf und wacht bis zu ihrer Genesung an ihrem Bett. Lucy versucht dies zu nutzen, um mit der Mutter über die Verletzungen ihrer Kindheit zu sprechen, doch die Mutter gibt vor, sich an nichts zu erinnern – oder sie erinnert sich tatsächlich nicht, das kann Lucy nie ganz ergründen. Dennoch ist bei allen Konflikten ihr Ausharren am Krankenbett der Beweis, dass die Mutter Lucy liebt, selbst wenn es darauf sonst wenig Hinweise gibt und sie das niemals aussprechen würde. Hierauf bezieht sich der deutsche Titel, denn die Unvollkommenheit der Liebe zwischen Mutter und Tochter ist das Rätsel, das Lucy zu ergründen versucht. Der Originaltitel „I am Lucy Barton“ passt aber besser als der deutsche Titel. Denn auch wenn die mangelnde Liebesfähigkeit bzw. unterschiedliche Formen, Liebe auszudrücken, Thema ihrer Reflexionen sind, geht es doch letztlich darum, wie ihre Herkunft Lucy geprägt hat.
Neben der Mutter-Tochter-Beziehung behandelt der Roman zwei weitere Themen: Zum einen das Schreiben, zum anderen die Frage, wie große Armut einen Menschen sein Leben lang beeinflusst. Das Milieu, dem Lucy entstammt, ist in den letzten Monaten viel in der Diskussion und der Roman damit unbeabsichtigt tagesaktuell: Lucys Familie gehört zu den Abgehängten, den kleinen Leuten, die benachteiligt sind und wütend, aber deren Wut sich gegen Wehrlose richtet und nicht gegen die Ursachen ihrer benachteiligung. Strout betrachtet sie gleichzeitig schonungslos und mit einer großen Menschenfreundlichkeit. Man kann ihr Verhalten vielleicht verstehen, aber deshalb darf man sie nicht in Schutz nehmen. Wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Olive Kitteridge“ gelingt es ihr, Verständnis für unsympatische Figuren zu wecken, ohnen deren Verhalten zu beschönigen.

Wer viel Handlung mag, ist bei Elisabeth Strout falsch. Stattdessen ist „Die Vollkommenheit der Liebe“ ein kurzer, stiller Roman, optimal für ein ruhiges Winterwochenende.

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Weihnachtswunschtipps 2016

In vier Wochen ist schon Weihnachten! Für alle, die gerne Bücher verschenken oder Bücher bekommen, folgen hier meine Geschenktipps aus verschiedenen Genres.

  1. Ein Familienroman: „Der leuchtend blaue Faden“ (Orig.: A spool of blue threads) von Anne Tyler

Abby und Red werden immer älter, und langsam wird ihr Haus zu groß für sie. Ihre vier Kinder, die alle längst eigene Leben führen, werden mit der Frage konfrontiert, wer für die Eltern sorgen soll, wenn sie einmal nicht mehr selbstständig sind. Anne Tyler erzählt in ihrer gewohnt ruhigen und genauen Beobachtungsweise von der Dynamik zwischen den sehr unterschiedlichen Geschwistern. Dazwischen fügt sie in Rückblenden die Lebensgeschichten von Abby und Red ein.
Ein tragikomisches und letztlich versöhnliches Buch über das Altern und die komplizierten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern.

  1. Ein Roman über die Swinging Sixties: „Miss Blackpool“ (Orig.: Funny Girl) von Nick Hornby

Anfang der 60er: Barbara zieht aus der Provinz nach London, um Komikerin zu werden. Zuerst scheint ihr Plan aussichtslos – hübsche Mädchen werden höchstens Schönheitskönigin, aber niemand traut ihnen komisches Talent zu. Aber dann erkennen zwei junge Drehbuchschreiber, Tony und Bill, und ein Produzent ihre Begabung. Barbara wird Hauptdarstellerin einer Sitcom, die jung und subversiv ist und zum Überraschungshit wird. Aber wird der Erfolg anhalten und wie verändert er Barbara und ihre Kollegen?
Wie alle Bücher von Nick Hornby befasst sich auch „Miss Blackpool“ mit der Frage, welche Kompromisse man im Leben eingehen muss. Aber es ist versöhnlicher als seine Vorgänger und erlaubt seinen Figuren mehr Glück inmitten der Kompromisse. Fans von „High Fidelity“ sind vielleicht vom veränderten Tonfall enttäuscht, aber für mich ist es Hornbys bisher bestes Buch.

  1. Ein Thriller: Aurora (Originaltitel: Archangel) von Robert Harris

Moskau, Ende der Jelzin-Jahre: Am Rande einer internationalen Konferenz des russischen Staatsarchivs lernt der britische Historiker Fluke Kelso einen betrunkenen alten Mann kennen, der ihm eine unglaubliche Geschichte erzählt: Er will als junger Soldat die letzten Lebenstage Stalins aus nächster Nähe miterlebt haben und bietet Kelso ein verschollenes Tagebuch des Diktators an. Während Kelso noch zögert, ob er die Geschichte glauben soll, wird der alte Mann brutal ermordet. Kelso findet sich, verfolgt von alten und neuen Geheimdienstseilschaften, auf einer Spurensuche in den hohen Norden und in die sowjetische Vergangenheit wieder.
Ausgehend von der in Russland immer noch weit verbreiteten Begeisterung für Stalin zeichnet Robert Harris in diesem Krimi ein bedrückendes Bild davon, wie die Geister einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit wiederkehren. Wem der Plot bekannt vorkommt: Der Roman wurde vor einigen Jahren mit Daniel Craig in der Hauptrolle verfilmt.

 

  1. Ein Zeitreisen-Roman: „Verbunden“ (Orig.: Kindred) von Octavia E. Butler

Die junge Afroamerikanerin Dana wird plötzlich aus dem Kalifornien der 1970er Jahre in die Südstaaten des frühen 19. Jahrhunderts transportiert, gerade rechtzeitig, um einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken zu retten. Dieser Junge, so wird Dana nach mehreren Zeitreisen klar, ist ihr Ur-Urgroßvater, aber er ist auch ein Sklavenhalter. Wird es ihr gelingen, den Jungen lange genug zu schützen, dass er ihr Stammvater werden kann? Und kann es jemals legitim sein, einem Sklavenhalter zu helfen, wenn auch nur um des eigenen Überlebens willen?
Dieser Roman enthält viele typische Bestandteile anderer Zeitreisen-Geschichten, wie z.B. eine Liebesgeschichte und die Frage, ob der Zeitreisende die Vergangenheit verändern kann und soll. Aber im Gegensatz zu den populären Zeitreisenden-Romanen von Niffenegger oder Sparks geht es Octavia Butler in ihrem Buch nicht um Romantik, und die Konsequenzen der Zeitreisen sind dramatischer als in vergleichbaren Romanen. Denn bei jeder Zeitreise ins Antebellum ist Dana als Schwarze mit dem Tod bedroht. Eine mitreißende Fantasy-Geschichte, die die Frage erforscht, wie ein menschenverachtendes System für die Menschen in ihm zur Normalität werden kann – selbst für die Opfer.

  1. Ein Sachbuch: “SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms“ von Mary Beard

„SPQR“ bietet einen packend geschriebenen Überblick über die römische Geschichte, der sowohl Leser anspricht, die nur wenig über das antike Rom wissen, als auch solche, die ihr Wissen aus dem Lateinunterricht auffrischen wollen. Jede Generation betrachtet die Römer vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebensrealität aus einer anderen Perspektive, so Mary Beard in ihrem Vorwort.  Ihre Leitfrage, unter die sie ihre Ausführungen ordnet, lautet: Wer ist ein Bürger Roms? Das Ringen um diese Frage begleitet den Aufstieg wie auch den Fall Roms und straft jeden Lügen, der Migration und Debatten um Zugehörigkeit und Fremdheit für spezifisch modern hält.

  1. Ein Buch für Eltern und Feminist*innen: „Girls & Sex – Navigating the Complicated New Landscape” von Peggy Orenstein

(auf Deutsch noch nicht erschienen)

Für dieses Buch interviewte Peggy Orenstein zahlreiche amerikanische Oberstufenschülerinnen und Studentinnen zu den Themen Sexualität und Beziehungen. Im Gegensatz zu den üblichen skandalhungrigen Artikeln über die Generation Porno neigt Orenstein nicht zu Hysterie und blickt nicht auf die Jugendlichen herab. Aber ihre Funde zeigen, dass für viele Mädchen und junge Frauen Sexualität mehr mit Performance und Zwang zu tun hat als mit Selbstbestimmung und eigenem Lustempfinden. Dieses Buch erklärt, warum wir in Deutschland noch immer #aufschrei-Debatten führen und in den USA ein Grabscher Präsident werden kann. Orenstein macht außerdem Vorschläge, wie Mädchen und Jungen besser vermittelt werden kann, was Konsens in sexuellen Beziehungen bedeutet und warum er wichtig ist.

  1. Ein Buch zum Lachen: „Mission London“ von Alek Popov

London, Ende der 90er Jahre: Als neuer bulgarischer Botschafter hat Varadin Dimitrov nur ein Ziel: Niemandem negativ auffallen, um so lange wie möglich den Posten in Großbritannien zu behalten. Als die verwöhnte Ehefrau eines bulgarischen Ministers sich in den Kopf setzt, dass zu ihrer Charity-Veranstaltung in der Botschaft die Queen kommen soll, heuert er deshalb eine zwielichtige PR-Firma mit Kontakten zu den Royals an – aber Varadin hat ein wichtiges Detail übersehen… Auch für den Botschaftskoch läuft einiges schief, als er in den Raub mehrerer Gänse aus einem Londoner Park verwickelt wird. Und Putzfrau Katya ergattert einen Wochenendjob, der ihr Leben für immer verändern wird.
Alek Popovs Debutroman von 2010 karikiert die bulgarische Diplomatencommunity am Vorabend des EU-Beitritts. Aber auch der Westen bekommt sein Fett weg, etwa in Gestalt eines ehemaligen Generals, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Entwicklungshilfe für Bulgarien zu organisieren. Die mildtätige Gabe, die er dem Botschafter aufdrängen will: 10.000 ausrangierte Bettpfannen aus dem 2.Weltkrieg…

 

  1. Ein Jugendbuch, auch für Erwachsene: „ Listen, Slowly“ von Thanhha Lai

(auf Deutsch noch nicht erschienen)

Ich-Erzählerin Mia ist die 13jährige Tochter vietnamesischer Einwanderer in Kalifornien, aber sie sieht sich als rein kalifornischen Teenager und interessiert sich nicht für Vietnam. Umso größer ist ihre Empörung, als die Eltern ihr eröffnen, dass sie die gesamten Sommerferien im Heimatdorf ihrer Familie verbringen soll. Ihre Oma will nach all den Jahren nach dem Verbleib ihres im Vietnamkriegs verschollenen Mannes forschen und niemand sonst hat Zeit, sie zu begleiten. Anfangs widerwillig, aber zunehmend fasziniert taucht Mia in den Alltag des vietnamesischen Dorfes ein.
Eine detailgenaue Schilderung des Lebens in Vietnam jenseits der großen Städte und des Aufwachsens mit zwei Kulturen mit einer sympathischen, wenn auch etwas sehr altklugen jungen Heldin.

  1. Ein Buch über Bücher:Weird Things Customers Say in Bookshops” von Jen Campbell

(auf Deutsch noch nicht erschienen)

Jen Campbell ist Buchhändlerin und Youtube-Buch-Vloggerin. „Weird Things Customers say in Bookshops“ entstand aus einem Blog, auf dem sie ihre lustigen und haarsträubenden Erfahrungen mit Kunden sammelte. Ob ein Kunde den Agatha Christie Roman „Death in Denial“ sucht oder eine Dame fragt, „ I read a book in the sixties. I don‘t remember the author or title, but it was green and made me laugh. Do you know which one I mean?” – dieses Büchlein ist ein ideales Geschenk für Buchhändler, Bibliothekarinnen und jeden Bücherwurm, der gerne lacht.

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Tessa de Loo: Die Zwillinge

(Originaltitel: De Tweeling)
Erscheinungsjahr: 1993
Land: Niederlande, Deutschland

Ich habe „Die Zwillinge“ von Random House in der Taschenbuchneuausgabe von 2016 als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde von Verlag nicht beeinflusst.

Die Schwestern Anna und Lotte werden Ende der 1920er Jahre als Sechsjährige zu Vollwaisen. Während Anna auf den westfälischen Bauernhof ihres Großvaters mitgenommen und als billige Arbeitskraft ausgenutzt wird, kommt Lotte bei gutbürgerlichen entfernten Verwandten in Amsterdam unter. Ihre unterschiedlichen Lebensbedingungen und der Krieg lassen den Kontakt der beiden weitgehend abbrechen, bis sie als alte Damen im gleichen Kurhotel Urlaub machen. Beim Versuch, einander von ihrem jeweiligen Leben zu berichten, sind sie mit der Tatsache konfrontiert, dass sie den 2. Weltkrieg aus völlig unterschiedlichen Perspektiven – eine als deutsche Mitläuferin, die andere als holländische Oppositionelle – erlebt haben, die kaum miteinander zu versöhnen sind.

Tessa de Loo hat in „Die Zwillinge“ die Lebensgeschichten zweier Zeitzeuginnen verarbeitet. Lore ist inspiriert von der Lebensgeschichte ihrer eigenen Mutter, die mit ihren Eltern mehrere Juden – unter anderem de Loos späteren Vater – versteckte. Anna entstand nach dem Vorbild einer Deutschen, mit der sich De Loo auf einer Reise Ende der 1980er Jahre anfreundete.  Der Roman ist ein Versuch, die widersprüchlichen Geschichtsbilder und Erinnerungen ihrer Mutter und der Freundin zu verknüpfen.

Dass de Loo ausführlich recherchiert und Zeitzeuginnen befragt hat, merkt man dem Roman an. Annas Rückblick auf den Alltag im Nationalsozialismus ist manchmal bemerkenswert (selbst-)kritisch und reflektiert, dann wieder gesprenkelt von völlig unhinterfragten Versatzstücken der Nazi-Ideologie. So beschreibt sie sich glaubwürdig als eher widerwillige Mitläuferin, die sich für den Holocaust schämt. Gleichzeitig klingt etwa ihre Einstellung zu den amerikanischen Besatzungssoldaten auch 50 Jahre später noch wie direkt aus der NS-Wochenschau übernommen. In dieser inkonsistenten Haltung (und dem wiederholten „Wir hatten es schließlich auch schwer!“) habe ich beim Lesen viele der Angehörigen der deutschen 1920er und -30er Jahrgänge wiedererkannt. Anna kam mir insofern authentisch und gewissermaßen vertraut vor.

Aus dieser Stärke des Buches ergibt sich gleichzeitig mein sehr subjektiver Kritikpunkt an „Die Zwillinge“. Anna und ihre Erlebnisse dominieren das Buch stark, Lotte bleibt eher im Hintergrund. Im Roman wird das mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Schwestern erklärt sowie mit einer Geschwisterdynamik, in der Anna um Lottes Anerkennung und Vergebung wirbt. Für die Autorin war der deutsche Teil der Geschichte offensichtlich der faszinierendere, fremdere und kompliziertere, an dem sie sich deshalb stärker abgearbeitet hat als an Lottes Erlebnissen. Aus der Perspektive einer deutschen Leserin wäre es hingegen spannend gewesen, noch mehr über die Situation in den Niederlanden zu erfahren. Der holländische Teil der Erzählung kreist sehr eng um den unmittelbaren Alltag von Lottes Familie und etwas mehr politischer Kontext wäre hier schön gewesen.

Durch den Kniff, die beiden entfremdeten Schwestern in der Rahmenhandlung ihre Lebensgeschichten diskutieren zu lassen, fügt die Autorin sehr geschickt eine zusätzliche Kommentarebene in die Handlung ein, die es ihr erlauben, die subjektiven Berichte vor allem Annas etwas zu relativieren. So ungewöhnlich und kontrovers, wie der Roman bei seinem Erscheinen 1993 vor allem in den Niederlanden empfunden wurde, ist das Thema der widersprüchlichen historischen Perspektiven und der moralischen Bewertung von Mitläufern heute, über 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen, nicht mehr. Aber „Die Zwillinge“ ist weiterhin ein sehr unterhaltsamer Roman und wird Fans von historischen Romanen und breit angelegten Familiengeschichten gefallen.

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Elena Ferrante: “Meine geniale Freundin”

(Originaltitel: “L’amica geniale”)
Erscheinungsjahr: 2016
Land: Italien

Seit Anfang September ist der erste Band von Elena Ferrantes neapolitanischem Romanzyklus endlich auch auf Deutsch erschienen. Ich habe ihn sowie den zweiten Band „The Story of a New Name“ Anfang des Jahres auf Englisch gelesen und bespreche hier beide Teile gemeinsam.

Im Zentrum des Romanzyklus stehen die Erzählerin Elena und ihre beste Freundin Lila, die Anfang der 1950er Jahre in einem Arbeiterviertel Neapels in Armut aufwachsen. Elena und Lila sind die beiden besten Schülerinnen ihrer Grundschulklasse und gleichermaßen Konkurrentinnen wie Verbündete in ihrem Bildungs- und Aufstiegshunger. Aber nur Elenas Eltern gestatten ihrer Tochter den Besuch des Gymnasiums, während Lila aus der Schule genommen wird und mit 14 bereits im elterlichen Laden und Haushalt helfen muss. Als ihr Elan und Unternehmergeist dort ins Leere läuft, verwendet sie allen Ehrgeiz darauf, schnell eine traditionelle Ehefrau und Mutter zu werden. Elena hingegen schafft nicht nur das Abitur, sondern erhält sogar ein Stipendium für die Universität – und steht ebenfalls vor Schwierigkeiten: Unter ihren wohlhabenden Mitschülern und Kommilitonen fehlt ihr der richtige bildungsbürgerliche Habitus. Ihre Familie und Freunde im alten Viertel hingegen sind zwar einerseits stolz auf sie, werfen ihr aber gleichzeitig vor, dass sie sich für etwas Besseres hält und nicht mehr zu ihnen gehört.

Letztlich leben die Freundinnen zwei alternative Lebensentwürfe in einer Zeit des Umbruchs, einer vor allem für Frauen schwierigen und schmerzhaften Zwischenzeit: „Das war schon immer so“, bietet keinen Trost mehr, aber ein echter Wandel scheint noch unvorstellbar. So ist für Lila und die anderen jungen Frauen des Viertels einerseits klar, dass häusliche Gewalt, wie sie ihre Mütter noch selbstverständlich hinnahmen, nicht mehr akzeptabel ist. Aber sich scheiden zu lassen ist für die meisten genauso inakzeptabel. Und Elena verbringt ihre ersten Beziehungen damit, gerade klug genug zu erscheinen, dass sich die jungen Männer für sie interessieren – aber nicht zu klug, damit sich ihr Freund einbilden kann, dass er sie „erzieht“ und fördert. Beide Freundinnen sind innerlich zerrissen und vergleichen den Lebensweg der anderen konstant mit dem eigenen, beide haben Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der anderen. „Die einzige Person, vor der ich nichts verberge, bist du. Auch wenn du besser bist als ich, auch wenn du mehr weißt, verlasse mich nicht!“ sagt Lila in einem schwachen Moment zu Elena. Und Elena fragt sich in den erfolgreichen Momenten ihres Bildungsweges stets, ob Lila aus der gleichen Chance nicht mehr gemacht hätte:

„My life forces me to imagine what hers would have been if what happened to me had happened to her, what use she would have made of my luck. And her life continuously appears in mine, in the words that I’ve uttered, in which there’s often an echo of hers, in a particular gesture that is an adaptation of a gesture of hers.” (The Story of a New Name)

Der englische Verlag hat den Romanzyklus passenderweise mit  „Imagine if Jane Austen got really angry“ beworben. Wie Austen erforscht auch Ferrante die Zeit- und Sozialgeschichte eines bestimmten Milieus anhand der Schicksale (junger) Frauen. Der Fokus liegt dabei stark auf dem Privatleben, politische Themen wie der Einfluss der Camorra auf das Viertel, die mangelnde Aufarbeitung des Faschismus oder der Beginn der Achtundsechziger Bewegung sind zwar im Hintergrund präsent, werden aber immer durch die Erfahrungen der beiden Hauptfiguren gespiegelt. Das ist auch heute noch eine seltene Perspektive, und einzelne Kritiker wie Maxim Biller halten die Romane deshalb für „langweilig“ und zu sehr auf das häusliche Leben statt auf die großen Menschheitsfragen beschränkt. Dabei ist in meinen Augen genau dies das Besondere und vielleicht sogar Revolutionäre an „Meine geniale Freundin“ und seinen Folgebänden. Elena Ferrante wählt zwei Hauptdarstellerinnen, denen ihr ganzes Umfeld (und offensichtlich auch der ein oder andere heutige männliche Kritiker) zuruft, dass sie, ihr Leben und ihre Träume klein und ohne Bedeutung sind. Und indem sie uns dann sehr detailliert und auf vielen Seiten genau dieses Leben und diese Träume beschreibt, wird offensichtlich, dass die beiden viel zu sagen haben – es will nur nicht immer jemand hören.

Der zweite Band, der mir noch etwas besser gefallen hat als der erste, wird auf Deutsch Ende Januar erscheinen – jetzt ist also ein guter Zeitpunkt, um den Romanzyklus zu beginnen. Ich empfehle „Meine geniale Freundin“ allen, die sich für Frauenfreundschaften, die Gesellschaftsromane oder die Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert interessieren.

 

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Sommer-Buchclub 2016: Chimamanda Ngozi Adichie – Blauer Hibiskus

(Originaltitel: Purple Hibiscus)
Erscheinungsjahr: 2003
Land: Nigeria

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Purple Hibiscus“ als Diskussionsstart für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!
Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

In „Purple Hibiscus“ erzählt die sechszehnjährige Kambili vom Auseinanderbrechen ihrer dysfunktionalen Familie und nebenbei auch von der Militärdiktatur unter Sani Abacha im Nigeria der 1990er Jahre. Kambilis reiche Oberschichtfamilie scheint von außen perfekt: Sie wohnt in einer luxuriösen Villa, der Vater ist angesehen als Geschäftsmann, Kirchengemeinderat und international bekannter Zeitungsverleger, Kambili und ihr Bruder Jaja erhalten nur die besten Noten an den besten Privatschulen. Niemand ahnt, dass Kambilis Vater Eugene daheim als religiöser Fanatiker und Kontrollfreak seine Frau und Kinder schikaniert und verprügelt.

Das große Rätsel des Buches ist die Figur Eugenes. Dass er betont, seine Familie nur deshalb zu schlagen, weil er sie zu guten Christen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft machen will, ist natürlich nur eine Variante des Standardarguments aller gewalttätigen Eltern, „ Wenn du perfekt wärst, müsste ich dich nicht misshandeln.“ Kambili hat die Argumentation, dass Liebe durch Gewalt ausgedrückt wird, zumindest anfangs fest verinnerlicht, wie die Episode des Sonntagstees zu Beginn des Buches zeigt. Jeden Sonntag lässt Eugene seine Kinder als Zeichen seiner Zuneigung die ersten Schlucke seines Nachmittagstees trinken und jeden Sonntag verbrennen sie sich dabei die Zunge. Aber Kambili würde niemals darauf hinweisen, dass der Tee zu heiß ist:
“It didn’t matter, because I knew that when the tea burned my tongue, it burned Papa’s love into me.”
Der Tee ist ein Symbol für Eugenes vergiftete Liebe zu seiner Familie, und insofern ist es nur treffend, dass Kambilis Mutter Beatrice ihn am Ende mithilfe des Sonntagstees vergiftet.

Was den Vater zu einer ambivalenten Figur macht, ist sein Verhalten außerhalb der Familie. Er spendet große Summen für wohltätige Zwecke,  vor allem aber ist er als Zeitungsverleger ein mutiger und international respektierter Kämpfer für Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechte. Viele der Torturen, denen er seine Familie daheim regelmäßig unterzieht, würde er zu Recht als Folter bezeichnen, wenn ihnen politische Gefangene ausgesetzt wären. Wie bewertet man einen solchen Menschen? Verdienen Menschenrechtsverteidiger Nachsicht für häusliche Gewalt, wie einige der Romanfiguren glauben? Und warum erkennt Eugene selbst nicht, wie sehr sein politisches und sein pädagogisches Wertesystem in Widerspruch zueinander stehen?

Zudem wird nicht klar, wie Eugene so gewalttätig werden konnte. Er selbst berichtet an einer Stelle von Misshandlungen, die er selbst als Schüler in einem britischen Internat erlebt hat und nun offensichtlich an den eigenen Kindern wiederholt. Aber warum vergöttert er alles Britische, inklusive des berüchtigt kaltherzigen Internatssystems, während sein Vater und seine Schwester Ifeoma sich kritisch mit den Folgen des Kolonialismus auseinandersetzen? [Matthias hat hierzu einige Ideen, die er hoffentlich in die Diskussion einbringt!]

Tante Ifeoma ist es schließlich, die durch ihre liebevolle und liberale Art Kambili und Jaja zum Aufbegehren gegen den Vater bewegt. Ich fand es beim Lesen beeindruckend, wie Adichie  die Stimmung Kambilis einfängt, sodass auch die Leserin so wie Kambili selbst in vermeintlich harmonischen Situationen konstant angespannt ist, sobald der Vater auftaucht. Umgekehrt entsteht sofort ein Gefühl der Sicherheit, sobald Tante Ifeoma auftritt. Den großen Unterschied im Erziehungsstil ihrer Tante und ihres Vaters beschreibt Kambili mit einem Bild aus dem Hürdenlauf:

„It was what Aunty Ifeoma did to my cousins, I realized then, setting higher and higher jumps for them in the way she talked to them. She did it all the time believing they would scale the rod. And they did. It was different for Jaja and me. We did not scale the rod because we believed we could, we scaled it because we were terrified that we couldn’t.”

Nach einem Besuch der Kinder bei Tante Ifeomas Familie kommt es zur Eskalation mit dem Vater. Zwar bleibt dies im Buch unklar, aber ich glaube, dass Kambili ganz bewusst diese Eskalation herbeiführt. Sich mit dem Bild ihres Großvaters erwischen zu lassen ist der verzweifelte Versuch, ihrem Vater zu entkommen, auch wenn sie sich dafür krankenhausreif schlagen lassen muss. Denn erst das Ausmaß ihrer Verletzungen zwingt die Erwachsenen um sie herum, endlich zu handeln. Kurz darauf beschließt dann auch die Mutter Beatrice, mit verzweifelten Mitteln ihre Lebenssituation zu ändern. Das Ende, das Adichie uns zumutet, ist ebenso verstörend wie der Rest des Buches. Aber wahrscheinlich ist kein anderes Ende vorstellbar in einer Gesellschaft, in der die „strongmen“ immer Recht bekommen.

Nun bin ich gespannt auf eure Eindrücke. Ist Eugene einfach nur ein schlechter Mensch, oder hat er auch positive Seiten? Was haltet ihr von der Art, wie Adichie ihre Geschichte und den politischen Hintergrund verknüpft? Was sind eure Gedanken zu all den Aspekten und Figuren des Buches, die ich hier noch gar nicht erwähnt habe – z.B. das Thema Postkolonialismus, die Rolle von Religion, der Konflikt zwischen Kambilis Vater und Opa oder ihre Verliebtheit in Pater Amadi?

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Sommer-Buchclub 2016: Das Buch

Liebe Freunde,

das Ergebnis der Abstimmung ist da: Als Buch für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub habt ihr „Blauer Hibiskus“ von Chimamanda Ngozi Adichie (bzw. auf Englisch: Purple Hibiscus) ausgewählt. Alle, die mitlesen wollen, haben jetzt sechs Wochen Zeit. Am 15. August werde ich als Startsignal für unsere Diskussion meine Besprechung online stellen. Wie letztes Jahr könnt ihr dann eure Eindrücke entweder in der Kommentarfunktion mitteilen, oder auf eurem eigenen Blog einen Beitrag schreiben, den ihr hierher verlinkt.Ich freue mich schon!

 

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