Sommerbuchclub 2017: Eine Frage der Zeit (von Alex Capus)

Erscheinungsjahr: 2007
Land: Tansania / Deutschland

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Eine Frage der Zeit“ als Ausgangspunkt für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Es ist keine umfassende Rezension, sondern ich greife erstmal nur ein paar Punkte als Diskussionsstart heraus. Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

Alex Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm das Dampfschiff „Götzen“ in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden. Diese Perspektive auf den Krieg macht die ganze Absurdität von Geopolitik viel deutlicher, als es der Fokus auf Europa könnte: Weil weit entfernt der Krieg ausgebrochen ist und Ostafrika strategisch und wirtschaftlich wichtig ist, müssen sich plötzlich zwei Schiffe quer über den Tanganikasee jagen. Dass die Götzen dafür als ziviler Dampfer nicht gemacht und das gegnerische belgische Kriegsschiff altersschwach ist, spielt keine Rolle. Bei aller Absurdität verschweigt Capus aber nicht, dass diese strategischen Spielchen ganz real Menschenleben kosten. Die Panik und Traumatisierung der Werftarbeiter, die sich plötzlich als Soldaten in einer Seeschlacht finden, beschreibt Capus sehr bewegend.

Die drei Werftarbeiter kommen als Außenseiter und Neulinge in die Kolonie und der Leser sieht durch ihre Augen die neue Umgebung. Das ist anschaulich und lebhaft erzählt, aber gleichzeitig liegt in dieser Perspektive mein einziger Kritikpunkt an dem Buch: Die Männer sind so sympathisch, kritisch und analytisch, dass es mir unrealistisch vorkommt. Dass der überzeugte Sozialdemokrat Wendt auf Grundlage seiner marxistischen Schulungen im Arbeiterbildungsverein seiner in der Kolonie plötzlich viel höheren gesellschaftlichen Stellung misstraut, würde ich Capus abnehmen– zumal Wendt seine anfängliche Absicht, keine Dienstboten einzustellen, nicht lange durchhält. Aber in diesem Roman scheinen fast alle Figuren zu begreifen, dass der Kolonialismus Unrecht ist. Und da fragt man sich als Leser doch, ob hier nicht eher der Autor mit der Perspektive des 21. Jahrhunderts spricht. Der Gouverneur Deutsch-Ostafrikas beispielsweise sagt einmal  „Das ist das Einzige, was ich den Schwarzen wirklich übel nehme, dass sie mich zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte, und dass ich als Mensch nicht die Wahl hab zwischen dem Guten und dem Bösen.“ Die Überzeugung, dass die Opfer ja selbst schuld seien, war sicher typisch für die Kolonialpolitik und auch die Kindererziehung des Kaiserreichs. Aber würde der Gouverneur wirklich so eindeutig die Prügel- und Kettenstrafen, die er einsetzt, als böse definieren? Ich bin mir nicht sicher. Die einzige Person im ganzen Buch, die den Kolonialismus uneingeschränkt prima findet und zudem auch auf den Ausbruch eines möglichst großen Krieges hofft, ist Oberleutnant Göring. Und damit der Leser auch ja versteht, dass hier ein Schurke sitzt, weist Capus in einem Nebensatz darauf hin, dass der Oberleutnant mit einem gewissen Hermann verwandt ist…

Die freundliche Ironie, mit der Capus seine Hauptfiguren am liebsten betrachtet, macht also in meinen Augen die deutschen Charaktere etwas unglaubwürdig. Weit besser funktioniert sie bei der vierten Hauptfigur des Buches, dem britischen Marine-Oberleutnant Spicer-Simson, der davon träumt, ein großer Held zu werden, und dabei immer wieder daran scheitert, dass er ein trotteliger Angeber ist. Die Kapitel mit Spicer-Simson sind witzig und bieten in meinen Augen etwas Entspannung von den großen moralischen Fragen der Geschichte um die Werftarbeiter. Gleichzeitig laäft natürlich auch dieser Handlungsstrang auf eine Seeschlacht zu…

Soviel erst einmal von mir. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!

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Anne Enright: Rosaleens Fest

(Originaltitel: The Green Road)
Erscheinungsjahr: 2015
Land: Irland

Ich habe „Rosaleens Fest“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde vom Verlag nicht beeinflusst.

„Rosaleens Fest“ ist die Geschichte der Familie Madigan, genauer der Mutter Rosaleen und ihrer vier Kinder Dan, Emmet, Constance und Hanna (der Vater taucht nur im ersten Kapitel als schweigsamer Beobachter im Hintergrund auf und stirbt früh und ohne große Erwähnung im Roman). Das titelgebende Familienfest ist ein Weihnachtstag, den zum ersten Mal seit Jahren alle erwachsenen Kinder zu Hause mit ihrer Mutter feiern. Da Rosaleen ihr Haus im Zuge des irischen Immobilienbooms verkaufen möchte, ist es vermutlich das letzte gemeinsame Treffen dort. Nur Constance lebt noch mit ihrer Familie im gleichen Ort. Hannah ist in Dublin, Dan lebt in Kanada und Emmett ist als Entwicklungshelfer ständig auf dem Sprung von einem Land zum nächsten.

Die einzelnen Kapitel, die zum Fest hinführen, sind abwechselnd aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder geschrieben und stehen unverbunden und mit großen zeitlichen Abständen nebeneinander. Da die Familienmitglieder wenig Kontakt zueinander haben, liest sich das Buch eher wie eine Kurzgeschichtensammlung. Das war für mich eine der Schwächen des Romans, denn eigentlich ist das zentrale Thema die Dysfunktionalität der Familie Madigan, vor allem die manipulative und tyrannische Art von Rosaleen. Leider behauptet der Roman diese Dysfunktionalität eher, als dass er sie zeigt. Rosaleen scheint in den Szenen im Buch durchaus unsympathisch, aber nicht so tyrannisch, dass sich daraus zwangsläufig vier verkorkste Kinder ergeben müssen. Zudem wirken die Kinder mit einer Ausnahme gar nicht so verkorkst, wie das Buch behauptet – die beschriebenen Probleme mit Beziehungskisten, Krankheiten und Langeweile kamen mir größtenteils recht alltäglich vor. Die zweite Schwäche des Romans ist in meinen Augen, dass Enright gewissermaßen eine Bingokarte der Standardmotive für einen irischen Familienroman abarbeitet: eine große Familie, sexuelle Verklemmtheit, Alkoholismus, die irische Landschaft, eine Matriarchin, ein angehender Priester (der in Wahrheit schwul ist), Emigration, ein Hinweis auf den Bürgerkrieg… viele Themen des Romans waren vorhersehbar. Obwohl ich Anne Enrights eleganten Stil bewundere, hat der Roman mich nicht überzeugt. Einige der Kapitel hätte ich als Kurzgeschichten durchaus interessant gefunden, aber in ihrer Gesamtheit hat mich  die Geschichte der Familie Madigan nicht gepackt.

Allerdings ist das eine Mindermeinung: „Rosaleens Fest“ war für zahlreiche Preise, unter anderem den Man Booker Preis, nominiert. Und viele Kritiker lobten gerade den Aufbau, der vieles nur andeutet, und die „typisch irische Atmosphäre“.  Wer also Familiengeschichten mag oder von Irland nicht genug bekommen kann, sollte sich nicht von „Rosaleens Fest“ abhalten lassen.

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Sommerbuchclub 2017: Das Buch

Das Ergebnis der Abstimmung ist da: Dieses Jahr begibt sich der Sommer-Buchclub mit „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus gedanklich nach Tansania. Alle, die mitlesen wollen, haben jetzt fünf Wochen Zeit. Am 6. August werde ich als Startsignal für unsere Diskussion meine Besprechung online stellen. Wie in den letzten Jahren könnt ihr dann eure Eindrücke entweder in der Kommentarfunktion mitteilen oder auf eurem eigenen Blog einen Beitrag schreiben, den ihr hierher verlinkt.Ich freue mich schon!

Und zur Einstimmung hier noch einmal unsere Buchclubdiskussionen 2015 und 2016.

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Sommer-Buchclub 2017: Die Bücher-Auswahl

Auch dieses Jahr veranstalte ich wieder den Sommer-Buchclub, in dem wir alle parallel ein Buch lesen und dann hier auf der Seite darüber diskutieren. Ich stelle dafür 2 Bücher zur Auswahl, und alle, die mitmachen wollen, können bis zum 1. Juli in der Kommentarfunktion für ihren Favoriten abstimmen. Das Buch mit den meisten Stimmen werden wir im Lauf des Julis lesen. Anfang August beginnen wir dann mit der Diskussion.

Hier kommt die Auswahl:

  1. Tansania / Deutschland: „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus , 304 Seiten, 9,90€

Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm ein Dampfschiff in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden.

Bevor wir nächstes Jahr 100 Jahre Ende des 1. Weltkriegs feiern, können wir mit diesem Buch einen Blick auf den „Großen Krieg“ in einer Weltregion werfen, die sonst nicht im Fokus des Geschichtsunterrichts steht.

  1. USA: „ Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng (Orig.: Everything I never told you), 288 Seiten, 19,99€

Die 16jährige Lydia ist tot, nachts im See ertrunken. War es Mord oder Selbstmord? Aus den wechselnden Perspektiven ihrer Eltern und Geschwister entrollt sich langsam die Vorgeschichte des Todesfalls. Parallel zum Kriminalfall schildert der Roman das Leben von chinesischen Migranten in einer amerikanischen Collegestadt der 1970er Jahre.

Celeste Ngs Roman ist eine Mischung aus Krimi und Familiengeschichte und damit hervorragend geeignet als Sommerlektüre – allerdings bisher auf Deutsch nur gebunden erhältlich.

 

Was spricht euch am meisten an? Ich bin gespannt auf eure Präferenzen! Und zur Erinnerung hier noch einmal unsere Buchclubdiskussionen 2015 und 2016.

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Yaa Gyasi: Homegoing

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2016
Land: Ghana, USA

Yaa Gyasi ist die Tochter ghanaischer Einwanderer in den USA. Die Idee für „Homegoing“ kam ihr, als sie als Studienanfängerin erstmals Ghana besuchte und in Cape Coast das Cape Coast Castle besuchte. Das Cape Coast Castle war ein britischer Stützpunkt, von dem aus seit dem späten 17. Jahrhundert Ghanaer als Sklaven nach Amerika verschifft wurden.

„Homegoing“ nähert sich dem Thema Sklaverei aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Am Anfang der Geschichte stehen zwei Halbschwestern. Effia wird an den britischen Kommandanten von Cape Coast Castle verheiratet, ihre Nachkommen sind einflussreiche Fante-Krieger und Sklavenhändler. Esi wird von Cape Coast Castle aus als Sklavin auf die Baumwollplantagen Nordamerikas verkauft. Jeweils im Wechsel erzählen die Kapitel des Romans von den Nachkommen der beiden über acht Generationen. In gewisser Hinsicht erinnert „Homegoing“ an eine Kurzgeschichtensammlung, da jedes Kapitel um einen neuen Protagonisten kreist und oft lange Lücken zwischen den Ereignissen bleiben. Diese Lücken machen auf beklemmende Weise anschaulich, wie sehr die Sklaverei auch Familienbeziehungen und Erinnerungen an die eigene Herkunft unmöglich gemacht hat. Gleichzeitig werden bestimmte Traumata über Generationen weitergegeben, ohne dass die Figuren begreifen können, woher sie stammen – nur der Leser kann davon eine Ahnung bekommen.

„Homegoing“ hat zwar – wie beschrieben – eine komplexe Struktur. Dennoch erscheint der Roman nicht als übermäßig durchgeplant oder abstrakt. Tatsächlich vergisst man während des Lesens die Struktur, denn die einzelnen Charaktere sind alle vielschichtig und lebendig gezeichnet. Gyasis Sprache ist gleichzeitig lyrisch und sehr präzise, und ich habe das Buch trotz seines oft brutalen Inhalts regelrecht verschlungen. Lediglich das Schlusskapitel wirkt etwas sehr konstruiert, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Die Kapitel über den  amerikanischen Zweig der Familie zeigen herzzerreißend die Bedingungen der Sklaverei im amerikanischen Süden, der Jim-Crow-Ära und der „Great Migration“ nach Norden. Während ich hier die Geschichten zeitlich jeweils ungefähr einordnen konnte, habe ich von ghanaischer Geschichte beschämenderweise so gut wie keine Ahnung. Die Erlebnisse der Figuren im Ghana des 18. und 19. Jahrhunderts haben zumindest für mich einen „blinden Fleck“ ausgefüllt. Eine Besonderheit des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Einfluss die Beteiligung am Sklavenhandel für den Teil der ghanaischen Bevölkerung hatte, der nicht versklavt wurde. „Homegoing“ macht einen Aspekt der Geschichte lebendig, der zumindest außerhalb Afrikas weitgehend unbekannt ist. Wie eine der Figuren, ein Geschichtslehrer im Ghana der 1960er-Jahre sagt:

„We believe the one who has the power. He is the one who gets to write the story. So, when you study history, you must always ask yourself, whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story, too. From there, you begin to get a clearer, yet still imperfect, picture.“

Besonders überraschend fand ich, dass es sich bei “Homegoing“ um den Erstling einer nur 27-jährigen Autorin handelt. Was immer Yaa Gyasi zukünftig schreiben wird: Ich bin sehr gespannt darauf!

 

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Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

Originaltitel: My Name is Lucy Barton
Erscheinungsjahr: 2016
Land: USA

Ich habe „Die Unvollkommenheit der Liebe“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde von Verlag nicht beeinflusst.

„Bei unserem kleinen Hochzeitsempfang sagte sie zu einer Freundin: „Das ist Lucy.“ Und sie fügte, fast ein bisschen neckisch, hinzu: „Lucy war früher gar niemand.“ Es kränkte mich nicht, und eigentlich kränkt es mich auch jetzt nicht. Aber ich denke bei mir: Kein Mensch auf der ganzen Welt ist gar niemand.“

Lucy Barton ist eine Schriftstellerin in New York, stammt aber aus ärmlichen Verhältnissen im Mittleren Westen. Ihr Vater ist Weltkriegsveteran und durch seine Kriegserfahrungen traumatisiert. Ihre Mutter ist verbittert von ihrem schweren Leben. Lucy und ihre Geschwister erleiden körperliche Misshandlungen und emotionale Vernachlässigung. Genauso leiden sie unter der großen Armut der Familie, die sie selbst in ihrer strukturschwachen Umgebung zu Außenseitern macht. Lucy entkommt erst aufs College und dann nach New York. Als sie sich verlobt, bricht die Familie aus diffusen Gründen den Kontakt zu ihr weitgehend ab. All dies ist aber nicht das Zentrum des Buches, sondern wird genau wie Lucys Entwicklung zur Schriftstellerin nur in Rückblenden erzählt und oft nur angedeutet. Die Haupthandlung spielt während drei Wochen in den 1980ern, als Lucy nach einer Blinddarmoperation wegen Komplikationen im Krankenhaus liegt. Plötzlich taucht ihre Mutter auf und wacht bis zu ihrer Genesung an ihrem Bett. Lucy versucht dies zu nutzen, um mit der Mutter über die Verletzungen ihrer Kindheit zu sprechen, doch die Mutter gibt vor, sich an nichts zu erinnern – oder sie erinnert sich tatsächlich nicht, das kann Lucy nie ganz ergründen. Dennoch ist bei allen Konflikten ihr Ausharren am Krankenbett der Beweis, dass die Mutter Lucy liebt, selbst wenn es darauf sonst wenig Hinweise gibt und sie das niemals aussprechen würde. Hierauf bezieht sich der deutsche Titel, denn die Unvollkommenheit der Liebe zwischen Mutter und Tochter ist das Rätsel, das Lucy zu ergründen versucht. Der Originaltitel „I am Lucy Barton“ passt aber besser als der deutsche Titel. Denn auch wenn die mangelnde Liebesfähigkeit bzw. unterschiedliche Formen, Liebe auszudrücken, Thema ihrer Reflexionen sind, geht es doch letztlich darum, wie ihre Herkunft Lucy geprägt hat.
Neben der Mutter-Tochter-Beziehung behandelt der Roman zwei weitere Themen: Zum einen das Schreiben, zum anderen die Frage, wie große Armut einen Menschen sein Leben lang beeinflusst. Das Milieu, dem Lucy entstammt, ist in den letzten Monaten viel in der Diskussion und der Roman damit unbeabsichtigt tagesaktuell: Lucys Familie gehört zu den Abgehängten, den kleinen Leuten, die benachteiligt sind und wütend, aber deren Wut sich gegen Wehrlose richtet und nicht gegen die Ursachen ihrer benachteiligung. Strout betrachtet sie gleichzeitig schonungslos und mit einer großen Menschenfreundlichkeit. Man kann ihr Verhalten vielleicht verstehen, aber deshalb darf man sie nicht in Schutz nehmen. Wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Olive Kitteridge“ gelingt es ihr, Verständnis für unsympatische Figuren zu wecken, ohnen deren Verhalten zu beschönigen.

Wer viel Handlung mag, ist bei Elisabeth Strout falsch. Stattdessen ist „Die Vollkommenheit der Liebe“ ein kurzer, stiller Roman, optimal für ein ruhiges Winterwochenende.

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Weihnachtswunschtipps 2016

In vier Wochen ist schon Weihnachten! Für alle, die gerne Bücher verschenken oder Bücher bekommen, folgen hier meine Geschenktipps aus verschiedenen Genres.

  1. Ein Familienroman: „Der leuchtend blaue Faden“ (Orig.: A spool of blue threads) von Anne Tyler

Abby und Red werden immer älter, und langsam wird ihr Haus zu groß für sie. Ihre vier Kinder, die alle längst eigene Leben führen, werden mit der Frage konfrontiert, wer für die Eltern sorgen soll, wenn sie einmal nicht mehr selbstständig sind. Anne Tyler erzählt in ihrer gewohnt ruhigen und genauen Beobachtungsweise von der Dynamik zwischen den sehr unterschiedlichen Geschwistern. Dazwischen fügt sie in Rückblenden die Lebensgeschichten von Abby und Red ein.
Ein tragikomisches und letztlich versöhnliches Buch über das Altern und die komplizierten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern.

  1. Ein Roman über die Swinging Sixties: „Miss Blackpool“ (Orig.: Funny Girl) von Nick Hornby

Anfang der 60er: Barbara zieht aus der Provinz nach London, um Komikerin zu werden. Zuerst scheint ihr Plan aussichtslos – hübsche Mädchen werden höchstens Schönheitskönigin, aber niemand traut ihnen komisches Talent zu. Aber dann erkennen zwei junge Drehbuchschreiber, Tony und Bill, und ein Produzent ihre Begabung. Barbara wird Hauptdarstellerin einer Sitcom, die jung und subversiv ist und zum Überraschungshit wird. Aber wird der Erfolg anhalten und wie verändert er Barbara und ihre Kollegen?
Wie alle Bücher von Nick Hornby befasst sich auch „Miss Blackpool“ mit der Frage, welche Kompromisse man im Leben eingehen muss. Aber es ist versöhnlicher als seine Vorgänger und erlaubt seinen Figuren mehr Glück inmitten der Kompromisse. Fans von „High Fidelity“ sind vielleicht vom veränderten Tonfall enttäuscht, aber für mich ist es Hornbys bisher bestes Buch.

  1. Ein Thriller: Aurora (Originaltitel: Archangel) von Robert Harris

Moskau, Ende der Jelzin-Jahre: Am Rande einer internationalen Konferenz des russischen Staatsarchivs lernt der britische Historiker Fluke Kelso einen betrunkenen alten Mann kennen, der ihm eine unglaubliche Geschichte erzählt: Er will als junger Soldat die letzten Lebenstage Stalins aus nächster Nähe miterlebt haben und bietet Kelso ein verschollenes Tagebuch des Diktators an. Während Kelso noch zögert, ob er die Geschichte glauben soll, wird der alte Mann brutal ermordet. Kelso findet sich, verfolgt von alten und neuen Geheimdienstseilschaften, auf einer Spurensuche in den hohen Norden und in die sowjetische Vergangenheit wieder.
Ausgehend von der in Russland immer noch weit verbreiteten Begeisterung für Stalin zeichnet Robert Harris in diesem Krimi ein bedrückendes Bild davon, wie die Geister einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit wiederkehren. Wem der Plot bekannt vorkommt: Der Roman wurde vor einigen Jahren mit Daniel Craig in der Hauptrolle verfilmt.

 

  1. Ein Zeitreisen-Roman: „Verbunden“ (Orig.: Kindred) von Octavia E. Butler

Die junge Afroamerikanerin Dana wird plötzlich aus dem Kalifornien der 1970er Jahre in die Südstaaten des frühen 19. Jahrhunderts transportiert, gerade rechtzeitig, um einen kleinen Jungen vor dem Ertrinken zu retten. Dieser Junge, so wird Dana nach mehreren Zeitreisen klar, ist ihr Ur-Urgroßvater, aber er ist auch ein Sklavenhalter. Wird es ihr gelingen, den Jungen lange genug zu schützen, dass er ihr Stammvater werden kann? Und kann es jemals legitim sein, einem Sklavenhalter zu helfen, wenn auch nur um des eigenen Überlebens willen?
Dieser Roman enthält viele typische Bestandteile anderer Zeitreisen-Geschichten, wie z.B. eine Liebesgeschichte und die Frage, ob der Zeitreisende die Vergangenheit verändern kann und soll. Aber im Gegensatz zu den populären Zeitreisenden-Romanen von Niffenegger oder Sparks geht es Octavia Butler in ihrem Buch nicht um Romantik, und die Konsequenzen der Zeitreisen sind dramatischer als in vergleichbaren Romanen. Denn bei jeder Zeitreise ins Antebellum ist Dana als Schwarze mit dem Tod bedroht. Eine mitreißende Fantasy-Geschichte, die die Frage erforscht, wie ein menschenverachtendes System für die Menschen in ihm zur Normalität werden kann – selbst für die Opfer.

  1. Ein Sachbuch: “SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms“ von Mary Beard

„SPQR“ bietet einen packend geschriebenen Überblick über die römische Geschichte, der sowohl Leser anspricht, die nur wenig über das antike Rom wissen, als auch solche, die ihr Wissen aus dem Lateinunterricht auffrischen wollen. Jede Generation betrachtet die Römer vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebensrealität aus einer anderen Perspektive, so Mary Beard in ihrem Vorwort.  Ihre Leitfrage, unter die sie ihre Ausführungen ordnet, lautet: Wer ist ein Bürger Roms? Das Ringen um diese Frage begleitet den Aufstieg wie auch den Fall Roms und straft jeden Lügen, der Migration und Debatten um Zugehörigkeit und Fremdheit für spezifisch modern hält.

  1. Ein Buch für Eltern und Feminist*innen: „Girls & Sex – Navigating the Complicated New Landscape” von Peggy Orenstein

(auf Deutsch noch nicht erschienen)

Für dieses Buch interviewte Peggy Orenstein zahlreiche amerikanische Oberstufenschülerinnen und Studentinnen zu den Themen Sexualität und Beziehungen. Im Gegensatz zu den üblichen skandalhungrigen Artikeln über die Generation Porno neigt Orenstein nicht zu Hysterie und blickt nicht auf die Jugendlichen herab. Aber ihre Funde zeigen, dass für viele Mädchen und junge Frauen Sexualität mehr mit Performance und Zwang zu tun hat als mit Selbstbestimmung und eigenem Lustempfinden. Dieses Buch erklärt, warum wir in Deutschland noch immer #aufschrei-Debatten führen und in den USA ein Grabscher Präsident werden kann. Orenstein macht außerdem Vorschläge, wie Mädchen und Jungen besser vermittelt werden kann, was Konsens in sexuellen Beziehungen bedeutet und warum er wichtig ist.

  1. Ein Buch zum Lachen: „Mission London“ von Alek Popov

London, Ende der 90er Jahre: Als neuer bulgarischer Botschafter hat Varadin Dimitrov nur ein Ziel: Niemandem negativ auffallen, um so lange wie möglich den Posten in Großbritannien zu behalten. Als die verwöhnte Ehefrau eines bulgarischen Ministers sich in den Kopf setzt, dass zu ihrer Charity-Veranstaltung in der Botschaft die Queen kommen soll, heuert er deshalb eine zwielichtige PR-Firma mit Kontakten zu den Royals an – aber Varadin hat ein wichtiges Detail übersehen… Auch für den Botschaftskoch läuft einiges schief, als er in den Raub mehrerer Gänse aus einem Londoner Park verwickelt wird. Und Putzfrau Katya ergattert einen Wochenendjob, der ihr Leben für immer verändern wird.
Alek Popovs Debutroman von 2010 karikiert die bulgarische Diplomatencommunity am Vorabend des EU-Beitritts. Aber auch der Westen bekommt sein Fett weg, etwa in Gestalt eines ehemaligen Generals, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Entwicklungshilfe für Bulgarien zu organisieren. Die mildtätige Gabe, die er dem Botschafter aufdrängen will: 10.000 ausrangierte Bettpfannen aus dem 2.Weltkrieg…

 

  1. Ein Jugendbuch, auch für Erwachsene: „ Listen, Slowly“ von Thanhha Lai

(auf Deutsch noch nicht erschienen)

Ich-Erzählerin Mia ist die 13jährige Tochter vietnamesischer Einwanderer in Kalifornien, aber sie sieht sich als rein kalifornischen Teenager und interessiert sich nicht für Vietnam. Umso größer ist ihre Empörung, als die Eltern ihr eröffnen, dass sie die gesamten Sommerferien im Heimatdorf ihrer Familie verbringen soll. Ihre Oma will nach all den Jahren nach dem Verbleib ihres im Vietnamkriegs verschollenen Mannes forschen und niemand sonst hat Zeit, sie zu begleiten. Anfangs widerwillig, aber zunehmend fasziniert taucht Mia in den Alltag des vietnamesischen Dorfes ein.
Eine detailgenaue Schilderung des Lebens in Vietnam jenseits der großen Städte und des Aufwachsens mit zwei Kulturen mit einer sympathischen, wenn auch etwas sehr altklugen jungen Heldin.

  1. Ein Buch über Bücher:Weird Things Customers Say in Bookshops” von Jen Campbell

(auf Deutsch noch nicht erschienen)

Jen Campbell ist Buchhändlerin und Youtube-Buch-Vloggerin. „Weird Things Customers say in Bookshops“ entstand aus einem Blog, auf dem sie ihre lustigen und haarsträubenden Erfahrungen mit Kunden sammelte. Ob ein Kunde den Agatha Christie Roman „Death in Denial“ sucht oder eine Dame fragt, „ I read a book in the sixties. I don‘t remember the author or title, but it was green and made me laugh. Do you know which one I mean?” – dieses Büchlein ist ein ideales Geschenk für Buchhändler, Bibliothekarinnen und jeden Bücherwurm, der gerne lacht.

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