Sommer-Buchclub 2016: Chimamanda Ngozi Adichie – Blauer Hibiskus

(Originaltitel: Purple Hibiscus)
Erscheinungsjahr: 2003
Land: Nigeria

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Purple Hibiscus“ als Diskussionsstart für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!
Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

In „Purple Hibiscus“ erzählt die sechszehnjährige Kambili vom Auseinanderbrechen ihrer dysfunktionalen Familie und nebenbei auch von der Militärdiktatur unter Sani Abacha im Nigeria der 1990er Jahre. Kambilis reiche Oberschichtfamilie scheint von außen perfekt: Sie wohnt in einer luxuriösen Villa, der Vater ist angesehen als Geschäftsmann, Kirchengemeinderat und international bekannter Zeitungsverleger, Kambili und ihr Bruder Jaja erhalten nur die besten Noten an den besten Privatschulen. Niemand ahnt, dass Kambilis Vater Eugene daheim als religiöser Fanatiker und Kontrollfreak seine Frau und Kinder schikaniert und verprügelt.

Das große Rätsel des Buches ist die Figur Eugenes. Dass er betont, seine Familie nur deshalb zu schlagen, weil er sie zu guten Christen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft machen will, ist natürlich nur eine Variante des Standardarguments aller gewalttätigen Eltern, „ Wenn du perfekt wärst, müsste ich dich nicht misshandeln.“ Kambili hat die Argumentation, dass Liebe durch Gewalt ausgedrückt wird, zumindest anfangs fest verinnerlicht, wie die Episode des Sonntagstees zu Beginn des Buches zeigt. Jeden Sonntag lässt Eugene seine Kinder als Zeichen seiner Zuneigung die ersten Schlucke seines Nachmittagstees trinken und jeden Sonntag verbrennen sie sich dabei die Zunge. Aber Kambili würde niemals darauf hinweisen, dass der Tee zu heiß ist:
“It didn’t matter, because I knew that when the tea burned my tongue, it burned Papa’s love into me.”
Der Tee ist ein Symbol für Eugenes vergiftete Liebe zu seiner Familie, und insofern ist es nur treffend, dass Kambilis Mutter Beatrice ihn am Ende mithilfe des Sonntagstees vergiftet.

Was den Vater zu einer ambivalenten Figur macht, ist sein Verhalten außerhalb der Familie. Er spendet große Summen für wohltätige Zwecke,  vor allem aber ist er als Zeitungsverleger ein mutiger und international respektierter Kämpfer für Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechte. Viele der Torturen, denen er seine Familie daheim regelmäßig unterzieht, würde er zu Recht als Folter bezeichnen, wenn ihnen politische Gefangene ausgesetzt wären. Wie bewertet man einen solchen Menschen? Verdienen Menschenrechtsverteidiger Nachsicht für häusliche Gewalt, wie einige der Romanfiguren glauben? Und warum erkennt Eugene selbst nicht, wie sehr sein politisches und sein pädagogisches Wertesystem in Widerspruch zueinander stehen?

Zudem wird nicht klar, wie Eugene so gewalttätig werden konnte. Er selbst berichtet an einer Stelle von Misshandlungen, die er selbst als Schüler in einem britischen Internat erlebt hat und nun offensichtlich an den eigenen Kindern wiederholt. Aber warum vergöttert er alles Britische, inklusive des berüchtigt kaltherzigen Internatssystems, während sein Vater und seine Schwester Ifeoma sich kritisch mit den Folgen des Kolonialismus auseinandersetzen? [Matthias hat hierzu einige Ideen, die er hoffentlich in die Diskussion einbringt!]

Tante Ifeoma ist es schließlich, die durch ihre liebevolle und liberale Art Kambili und Jaja zum Aufbegehren gegen den Vater bewegt. Ich fand es beim Lesen beeindruckend, wie Adichie  die Stimmung Kambilis einfängt, sodass auch die Leserin so wie Kambili selbst in vermeintlich harmonischen Situationen konstant angespannt ist, sobald der Vater auftaucht. Umgekehrt entsteht sofort ein Gefühl der Sicherheit, sobald Tante Ifeoma auftritt. Den großen Unterschied im Erziehungsstil ihrer Tante und ihres Vaters beschreibt Kambili mit einem Bild aus dem Hürdenlauf:

„It was what Aunty Ifeoma did to my cousins, I realized then, setting higher and higher jumps for them in the way she talked to them. She did it all the time believing they would scale the rod. And they did. It was different for Jaja and me. We did not scale the rod because we believed we could, we scaled it because we were terrified that we couldn’t.”

Nach einem Besuch der Kinder bei Tante Ifeomas Familie kommt es zur Eskalation mit dem Vater. Zwar bleibt dies im Buch unklar, aber ich glaube, dass Kambili ganz bewusst diese Eskalation herbeiführt. Sich mit dem Bild ihres Großvaters erwischen zu lassen ist der verzweifelte Versuch, ihrem Vater zu entkommen, auch wenn sie sich dafür krankenhausreif schlagen lassen muss. Denn erst das Ausmaß ihrer Verletzungen zwingt die Erwachsenen um sie herum, endlich zu handeln. Kurz darauf beschließt dann auch die Mutter Beatrice, mit verzweifelten Mitteln ihre Lebenssituation zu ändern. Das Ende, das Adichie uns zumutet, ist ebenso verstörend wie der Rest des Buches. Aber wahrscheinlich ist kein anderes Ende vorstellbar in einer Gesellschaft, in der die „strongmen“ immer Recht bekommen.

Nun bin ich gespannt auf eure Eindrücke. Ist Eugene einfach nur ein schlechter Mensch, oder hat er auch positive Seiten? Was haltet ihr von der Art, wie Adichie ihre Geschichte und den politischen Hintergrund verknüpft? Was sind eure Gedanken zu all den Aspekten und Figuren des Buches, die ich hier noch gar nicht erwähnt habe – z.B. das Thema Postkolonialismus, die Rolle von Religion, der Konflikt zwischen Kambilis Vater und Opa oder ihre Verliebtheit in Pater Amadi?

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Sommer-Buchclub 2016: Das Buch

Liebe Freunde,

das Ergebnis der Abstimmung ist da: Als Buch für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub habt ihr „Blauer Hibiskus“ von Chimamanda Ngozi Adichie (bzw. auf Englisch: Purple Hibiscus) ausgewählt. Alle, die mitlesen wollen, haben jetzt sechs Wochen Zeit. Am 15. August werde ich als Startsignal für unsere Diskussion meine Besprechung online stellen. Wie letztes Jahr könnt ihr dann eure Eindrücke entweder in der Kommentarfunktion mitteilen, oder auf eurem eigenen Blog einen Beitrag schreiben, den ihr hierher verlinkt.Ich freue mich schon!

 

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Georges Simenon: Tropenkoller

(Originaltitel: Le coup de lune)
Erscheinungsjahr: 1933
Land: Gabun

Tropenkoller spielt um 1930 in Gabun, aber es ist eigentlich ein Buch über die Kolonialmacht Frankreich. Der junge Franzose Joseph Timar kommt nach Libreville, wo er durch Beziehungen eine Stelle bei einer Tropenholzfirma ergattert hat. Aber noch bevor er sie antreten kann, wird im Hotel, in dem er untergekommen ist, der schwarze Angestellte Thomas erschossen. Tatverdächtig ist die ebenso laszive wie undurchsichtige Wirtin Adèle. Timars Zeugenaussage könnte sie belasten, doch er schweigt und beginnt mit Adèle eine Affaire. Gemeinsam pachten die beiden eine Farm im Landesinneren. Geschüttelt von Malariaschüben und zunehmend paranoid versucht Timar herauszufinden, ob Adèle wirklich eine Mörderin ist.

Tropenkoller wird oft als französische Variante von Conrads „Heart of Darkness“ beschrieben und die Bücher teilen einige Gemeinsamkeiten, z.B. die zentrale Rolle einer Flussreise durch den Dschungel, Erkrankung und Wahnvorstellungen der Hauptfiguren und die Verrohung der weißen Kolonialherren. Bei der Ankunft in Libreville fühlt sich Timar als heroische Gestalt und Botschafter der Zivilisation, der Dank und Bewunderung verdient:

„Alles in allem gab es in Libreville fünfhundert Weiße. Alles Leute, die ein hartes, manchmal gefährliches Leben auf sich nahmen für ein Unterfangen, das man in Frankreich recht gestelzt die Erschließung der Kolonien nannte! Und dann wurde man von einem Polizeikommissar vorgeladen und grob behandelt, als wäre man unerwünscht!“

In Wahrheit ist er vor allem deshalb in Gabun, weil er in Frankreich auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnte. Und die vermeintlich edle Gemeinschaft der Franzosen in Libreville unterteilt sich in zwei Gruppen. Die größere Gruppe sind die Waldarbeiter und Glücksritter, die in Gabun gestrandet sind, trinken, Karten spielen, die gabunischen Frauen belästigen und auf alle Afrikaner herabblicken, um sich selbst besser zu fühlen. Die zweite, kleinere Gruppe sind die Kolonialbeamten wie der Gouverneur, der Staatsanwalt und der Polizeichef. Sie verachten sowohl die Gabuner als auch die weißen Holzfäller und fühlen sich als Vertreter der feinen französischen Zivilisation. Aber sie haben in Wahrheit keine Prinzipien. Den Mord an Thomas wollen sie nur deshalb aufklären, weil kurz vorher ein Lynchmord in der Kolonie die Aufmerksamkeit des Völkerbundes erregt hat und sie weitere negative Publicity vermeiden wollen. Deshalb brauchen sie irgendeinen Tatverdächtigen, möglichst einen Gabuner – die Wahrheit spielt keine Rolle.
Einerseits zeigt Simenon so den Rassismus und die Verlogenheit des Kolonialismus auf und ist damit für seine Zeit progressiv. Andererseits ist auch seine Beschreibung der Gabuner in vielem rassistisch, nicht nur durch die systematische Verwendung des N-Wortes, die zwar der Zeit geschuldet ist, das Buch aber heute dennoch zu einer eher unbehaglichen U-Bahn-Lektüre macht.

Überhaupt ist Tropenkoller sehr düster und es gibt im ganzen Buch keine positiven Figuren, nicht einmal Joseph Timar. Damit fehlt dem Buch die Menschenfreundlichkeit, die ich an den Maigret-Romanen so mag. Aber wenn man sich bewusst ist, dass einen hier ein Vorläufer des „roman noir“ erwartet und kein Maigret-Roman vor afrikanischer Kulisse, dann bietet Tropenkoller ein paar interessante Lesestunden und die Perspektive eines skeptischen Zeitgenossen auf den französischen Kolonialismus der 1930er Jahre.

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Sommer-Buchclub 2016: Die Bücher-Auswahl

Auch dieses Jahr veranstalte ich wieder den Sommer-Buchclub, in dem wir alle parallel ein Buch lesen und dann hier auf der Seite darüber diskutieren. Ich stelle dafür 3 Bücher zur Auswahl, und alle, die mitmachen wollen, können in der Kommentarfunktion für ihren Favoriten abstimmen. Das Buch mit den meisten Stimmen gebe ich Ende Juni bekannt, sodass jeder – je nach seinen Urlaubszeiten – zwischen Mitte Juli und Mitte August das Buch lesen kann. Mitte August beginnen wir dann mit der Diskussion.
Nachdem das Buchclub-Buch im letzten Jahr uns nach Asien geführt hat, stelle ich diesmal 3 Bücher aus anderen Kontinenten zur Auswahl: Zwei aus Afrika und eines aus Südamerika. Voilà:

1. Nigeria: „Blauer Hibiskus“ von Chimamanda Ngozi Adichie (Orig.: Purple Hibiscus), 336 Seiten, 10,99€
Der Verlag beschreibt den Inhalt so: „Das Haus von Kambilis Familie liegt inmitten von Hibiskus, Tempelbäumen und hohen Mauern, die Welt dahinter ist das von politischen Unruhen geprägte Nigeria. Mit sanfter, eindringlicher Stimme erzählt die 15jährige Kambili von dem Jahr, in dem ihr Land im Terror versank, ihre Familie auseinanderfiel und ihre Kindheit zuende ging.“
Einige von euch haben sicher Adichies bekanntesten Roman „Americanah“ gelesen und ich war auch von „Half of a Yellow Sun“ begeistert. „Blauer Hibiskus“ ist ihr Erstling, der vor kurzem auch auf Deutsch veröffentlich wurde.

2. Simbabwe: „Wir brauchen neue Namen“ von NoViolet Bulawayo (Orig.: We need new names), 261 Seiten, 9,99€
Die zehnjährige Darling lebt in einem simbabwischen Slum mit dem zynischen Namen „Paradise“. Die ersten Kapitel schildern ihre Kindheit zwischen Armut und Mangel auf der einen und Freundschaft und Kinderabenteuern auf der anderen Seite. Dann ergibt sich die Möglichkeit für sie, zu Verwandten in die USA auszuwandern. Nun wird sich zeigen, ob Amerika so wundervoll ist, wie sie und ihre Freunde es sich vorgestellt haben.
Auswanderergeschichten von afrikanischen Autoren waren ja in den letzten Jahren recht erfolgreich auf dem Buchmarkt. „Wir brauchen neue Namen“ sticht durch die Kinderperspektive heraus und enthält auch einige Beobachtungen zum Thema Entwicklungshilfe.

3. Kolumbien: “Die Informanten” von Juan Gabriel Vásquez (Orig.: Los Informantes), 384 Seiten, 9,99€
Ein junger kolumbianischer Journalist veröffentlicht ein Buch über eine deutsch-jüdische Flüchtlingsfamilie, die seit den 1930er Jahren in Bogotá lebt. Dabei wird er unversehens mit einem dunklen Geheimnis in seiner eigenen Familie konfrontiert.
„Die Informanten“ beschreibt eine Phase der kolumbianischen Geschichte, in der Flüchtlinge und Anhänger des NS-Regimes in Südamerika aufeinandertrafen und die kolumbianische Regierung die sogenannten Bürger der Achsenmächte aus Sicherheitserwägungen registrierte und internierte. Ein Roman über die Ursachen und Folgen von Denunziation und die Frage, wie eine Gesellschaft in politischen Krisen mit Minderheiten in ihrer Mitte umgehen soll – also sehr aktuell.

Was spricht euch am meisten an? Ich bin gespannt auf eure Präferenzen!

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Krimi-Mix 1

Im Krimi-Mix stelle ich jeweils drei spannende Krimis / Thriller aus aller Welt mit Kurzempfehlungen vor – diesmal aus Großbritannien, Kanada und Schweden.

William Boyd: Restless  (Dt. Titel: Ruhelos)

Erscheinungsjahr: 2006
Land: Großbritannien

Oxford im Sommer 1976: Ruth Gilmartin denkt, ihr einziges Problem sei, dass sie mit ihrer Dissertation nicht vorankommt. Da verrät ihre verwitwete Mutter Sally  ihr ein Geheimnis: Sally war im 2. Weltkrieg eine wichtige Agentin des britischen Geheimdienstes, bis sie untertauchte.  Nun ist sie überzeugt, dass jemand aus ihrer Vergangenheit sie gefunden hat und nun bedroht. Während Ruth Stück für Stück erfährt, wie Sally zur Spionin wurde, taucht vor ihrer Haustür plötzlich ein alter Bekannter aus der Hamburger linken Szene auf. Ruth muss herausfinden, ob ihre Mutter tatsächlich verfolgt wird oder nur verrückt geworden ist. Und sie fragt sich zunehmend, ob das Motto ihrer Mutter „Traue niemandem!“ auch für ihr eigenes Leben gilt…

William Boyds „Restless“ trifft genau die Mitte zwischen den präzise beobachteten, deprimierenden Romanen John Le Carrés und dem durchschnittlichen oberflächlich- unterhaltsamen Spionageroman von der Spiegel-Bestsellerliste. Die Geschichte ist nicht nur humor- und schwungvoll erzählt, sondern auch gut recherchiert und plausibel. Dass Sallys Einheit, die „British Security Co-ordination“, damit beschäftigt ist, Fehlinformationen in Zeitungen weltweit zu lancieren, um so den amerikanischen Kongress zum Kriegseintritt zu bewegen, macht den Thriller in Zeiten, in denen hybride Kriegsführung zum Schlagwort wird, überraschend aktuell.

Ausma Zehanat Khan: The Unquiet Dead (auf Deutsch noch nicht erschienen)

Erscheinungsjahr: 2015
Land: Kanada, Bosnien

Esa Khattak und Rachel Getty sind Sonderermittler einer kanadischen Polizeieinheit, die auf Mordfälle innerhalb von Minderheitengemeinden spezialisiert ist. Der tödliche Klippensturz eines erfolgreichen Geschäftsmannes und Mäzens scheint zunächst nicht in ihr Aufgabengebiet zu fallen. Doch dann tauchen Hinweise auf, dass der Tote ein untergetauchter Kriegsverbrecher aus dem Jugoslawienkrieg war. Hat eines seiner Opfer späte Rache genommen?

Mordfälle vor dem Hintergrund des Jugoslawienkrieges sind auch bei deutschen Krimiautoren wie Ulrich Ritzel und Oliver Bottini gerade in Mode. Was „The Unquiet Dead“ besonders macht, ist der Fokus auf bosnische Zivilisten. Ausma Zehanat Khan lässt sich ganz auf die Perspektive der Opfer ein und schafft Figuren mit weitaus mehr Persönlichkeit und Hintergrund, als für ihren Kriminalfall nötig wäre. Damit ist ihr Buch nicht nur ein spannender Krimi, sondern auch ein guter Einstieg in die Thematik des Jugoslawienkriegs.

Esa Khattak und Rachel Getty entsprechen als Ermittlerteam auf den ersten Blick dem Krimiklischee vom attraktiven, verschlossenen Kommissar mit der geheimnisumwölkten Vergangenheit und seiner klugen, aber hässlichen Mitarbeiterin aus einfachen Verhältnissen, das ich persönlich etwa bei Inspektor Lynley sehr ermüdend finde. Aber dank ein paar Abweichungen von der Standardformel (Rachel ist nicht hübsch, aber trotzdem zufrieden mit sich und  – Schock! – sie hat sogar ein Liebesleben…) wirken diese typischen Krimifiguren hier frisch und originell.

Bo Balderson: Der Mord in Harpsund (Originaltitel: „Harpsundsmordet“)

Erscheinungsjahr:  1969
Land: Schweden

Wem das alles bisher zu dramatisch war, der ist beim „Mord in Harpsund“ richtig. Der Krimi ist Band 2 einer Reihe um einen schwedischen Staatsminister, der mit seinem Schwager, einem pensionierten Lehrer, Verbrechen aufklärt. Der Staatsminister ist ein reicher Erbe mit 11 lärmenden Kindern, der von Politik keine Ahnung hat. Niemand unter seinen Kollegen in der Regierung kann sich erklären, warum er im Amt ist, und niemand ist sich sicher, welcher Partei der Staatsminister eigentlich nahesteht. Aber da er im Volk beliebt ist und keine politischen Feinde hat, bleibt er auf seinem Posten und die anderen Minister versuchen einfach, ihn vom Tagesgeschäft fern zu halten – so hat er Zeit, um Kriminalfälle aufzuklären.

Im vorliegenden Fall besucht der Staatsminister seine alte Kinderfrau, just als deren unsympathischer Bruder am Vorabend seines Geburtstags vergiftet wird. Das Haus ist bereits voller Besucher, die natürlich alle ein Motiv haben. So beschließt der Staatsminister mit der widerwilligen Unterstützung seines Schwagers, den Mord aufzuklären und nebenbei einen außenpolitischen Skandal zu verhindern.

Im Gegensatz zu den heutigen Schwedenkrimis bekommt von Bo Baldersons Büchern sicher niemand Angst im Dunkeln. Im Zentrum steht hier weniger der Kriminalfall als die Vielzahl skurriler Gestalten. Für Fans von Inspektor Barnaby sind die Mordfälle des Staatsministers eine gute Wahl.

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Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945

Erscheinungsjahr: 2015
Land: Schweden

Astrid Lindgren hat während des 2. Weltkriegs sehr intensiv Tagebuch geführt. Ihre Aufzeichnungen wurden jetzt von ihrer Tochter veröffentlicht. Sie geben einen Einblick in den schwedischen Alltag von 1939 bis 1945 und bieten einen faszinierenden Zeitzeugenblick auf die Kriegsjahre, der sich von unserer üblichen deutschen Wahrnehmung durchaus unterscheidet.

Was mich angesichts des schwedischen Neutralitätsstatus überrascht hat, war die unmittelbare Mobilmachung und Kriegsvorbereitung der Schweden im September 1939: Von Kriegsbeginn an wurden Reservisten wie Lindgrens Ehemann regelmäßig zu Übungen eingezogen und einzelne Lebensmittel wie Butter und Fleisch rationiert. Die Lindgrens wurden von der Verwandtschaft in  Småland versorgt, aber die Durchschnittsschweden hatten wahrscheinlich zu Kriegsbeginn deutlich weniger zu Verfügung als die Deutschen. Schon Wochen vor Familienfesten und Feiertagen entwickelt Astrid Lindgren in ihrem Tagebuch ausgefeilte Pläne, welche Lebensmittel gehortet oder zusätzlich ergattert werden könnten, und keine Feier wird beschrieben ohne eine ausführliche Liste der angebotenen Köstlichkeiten.

Der Fokus der Tagebücher ist allerdings nicht Astrid Lindgrens Alltag, sondern die Weltpolitik. Astrid Lindgren liest intensiv Zeitung und arbeitet zudem ab Kriegsausbruch in der Briefzensurstelle des schwedischen Geheimdienstes. Wie die meisten Skandinavier hat sie lange Zeit vor Stalin mehr Angst als vor Hitler. Das ist vor dem Hintergrund der Eroberung des Baltikums und vor allem des sowjetischen Überfalls auf Finnland im Winterkrieg 1939/40 verständlich, aber aus heutiger Sicht doch irritierend. Allerdings ist Astrid Lindgren im Gegensatz zu vielen ihrer Mitbürger zu keinem Zeitpunkt eine Nazi-Sympathisantin. Spätestens als sie zu Weihnachten 1943 ein Buch über das Massaker von Lidice liest, distanziert sie sich endgültig von der Vorstellung, dass Nazi-Deutschland das kleinere Übel sein könnte. Problematisch bleibt allerdings ihre Haltung, einerseits die schwedische Neutralität zu unterstützen, und andererseits wiederholt die Alliierten, vor allem die Amerikaner, für ihr aus Lindgrens Sicht zu geringes Engagement im Kampf gegen Deutschland zu kritisieren. Genauso schämt sie sich zwar für die deutschen Transporte über schwedisches Territorium, hält sie aber für notwendig zum Schutz Schwedens. In beiden Punkten ist sie eine typische Vertreterin ihrer Zeit, und neben den im Tagebuch schon 1942 enthaltenen Zeitungsartikeln über den Holocaust sind es genau diese Passagen, die das Buch für heutige schwedische Leser so unangenehm machen und in Schweden zu einer Kontroverse geführt haben. (Gleichzeitig ist diese Haltung, sich über das Elend der Welt zu entsetzen und gleichzeitig zu wünschen, es möge sich doch bitte jemand anderes um Lösungen kümmern, natürlich zeitlos – siehe Flüchtlingskrise…)

Neben den politischen Betrachtungen spielen in der Endphase des Tagebuches auch Lindgrens erste schriftstellerische Versuche eine Rolle. So heißt es im März 1944: „An der Heimatfront hat Karin die Masern gehabt, und zwar mit allem Drum und Dran, und darf noch nicht aufstehen. – Ich amüsiere mich gegenwärtig mächtig mit Pippi Langstrumpf.“ In rascher Folge tauchen in den letzten Kriegsmonaten Berichte über ihre Arbeiten an Pippi Langstrumpf sowie den Manuskripten zu „Britt-Marie erleichtert ihr Herz“ sowie „Kerstin und ich“ auf. Trotzdem liegt der Fokus der Kriegstagebücher eindeutig nicht auf Astrid Lindgrens Privatleben. Wer etwas über Astrid Lindgren als Schriftstellerin oder Privatperson erfahren möchte, sollte lieber zu einer der zahlreichen Biografien greifen. Wer sich aber für schwedische Geschichte oder den 2. Weltkrieg aus skandinavischer Perspektive interessiert und nebenbei eine neue Seite an Astrid Lindgren entdecken will, für den ist dieses Buch genau richtig.

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Kevin Kwan: Crazy Rich Asians

(noch nicht auf Deutsch erschienen)
Erscheinungsjahr: 2013
Land: Singapur

Kevin Kwans „Crazy Rich Asians“ ist eine Mischung aus „Aschenputtel“ und „Mean Girls“  vor der Kulisse Singapurs – nicht besonders tiefschürfend, aber unterhaltsam.

Die chinesisch-stämmige Amerikanerin Rachel Chu wird von ihrem Freund Nicolas Young eingeladen, eine Reise nach Singapur zu machen, um seine Familie kennenzulernen. Rachel und Nick sind beide Junior-Professoren an derselben Uni und vermeintlich beide aus der Mittelschicht. Deshalb erlebt Rachel einen Schock, als sie bei der Ankunft in Singapur entdeckt, dass Nick aus einer der einflussreichsten und reichsten Familien Asiens stammt. Hinzu kommt, dass weder Nicks Mutter noch die High Society Singapurs damit einverstanden sind, dass sich eine dahergelaufene amerikanisierte Festlandchinesin Singapurs attraktivsten Junggesellen schnappt. Es folgen jede Menge Drama, Intrigen und eine düstere Enthüllung über Rachels eigene Familiengeschichte. Wird Rachels und Nicks Liebe alle Anfeindungen überstehen? (Klar wird sie – das hier ist schließlich Chick Lit…)

„Crazy Rich Asians“ verrät recht wenig über den Alltag in Singapur, abgesehen von zahlreichen, appetitanregenden Beschreibungen der lokalen Küche. Trotzdem verleiht die Kulisse Singapurs der ziemlich konventionellen Geschichte ein paar ungewöhnliche Facetten. Ein interessanter Aspekt ist, dass sich die Figuren durch wilden Konsumismus und Markenfixiertheit letztlich Respekt verschaffen wollen in einer rassistischen Welt – mehrere Rückblenden beschreiben Jugenderlebnisse von Nick und seiner Cousine Astrid in Europa, bei denen sie in Geschäften abfällig behandelt wurden, weil die Verkäufer sich nicht vorstellen konnten, dass es reiche Asiaten gibt.

Eine Schwäche des Romans ist, dass sich Kevin Kwan nicht entscheiden kann, ob er die Welt seiner Helden bewundert oder ablehnt. So bewertet er identisches Verhalten bei unterschiedlichen Romanfiguren sehr unterschiedlich. Die heiratswütigen singapurischen Mitzwanzigerinnen, die Rachel das Leben schwer machen, sollen wir wegen ihrer Shoppingsucht als oberflächlich und lächerlich wahrnehmen. Bei Nicks Cousine Astrid, die das Liebespaar unterstützt, ist es hingegen bewundernswert, dass sie bedenkenlos zehntausende Dollar in Mode investiert, weil sie schließlich so einen guten Geschmack hat. Die Vorurteile der Singapurer gegenüber allen Festlandchinesen werden kritisiert, insofern sie Rachel treffen. Aber die einzige andere Festlandchinesin im Buch ist dann tatsächlich eine ordinäre und dumme Karikatur einer „Goldgräberin“, die sich wahllos reichen Singapurern an den Hals wirft.

Diese Unschlüssigkeit bei der Bewertung betrifft sogar die Kernaussage des Romans. Denn natürlich ist die Moral der Geschichte, dass wahre Liebe nicht materialistisch ist und Nicks Familie falsch liegt, wenn sie Wohlstand höher wertet als Seelenverwandtschaft.  Aber gleichzeitig sind alle großen „romantischen“ Gesten der positiven Figuren, die uns als Symbol wahrer Liebe präsentiert werden, immer vor allem eines: sehr teuer. (Diese Vorstellung, dass Reisen im Privatflugzeug und ähnliches gute Liebesbeweise sind, ist allerdings nicht spezifisch für Singapur. Die berüchtigte amerikanische Romantrilogie über Cinderella in Handschellen baut ja auf den genau gleichen Klischees auf.)

Meine bisherige Kritik ist vielleicht übertrieben streng, schließlich soll diese Art Roman ja vor allem unterhalten, und das gelingt ihm. Einen letzten Kritikpunkt gibt es jedoch, der für eine Aschenputtel-Geschichte ein echtes Manko ist: Der Traumprinz ist bei genauerem Hinsehen nicht besonders  attraktiv. Zwar ist er schön und reich. Aber er lässt seine Freundin trotz wiederholter Warnungen seiner Cousine und seines besten Freundes ins offene Messer laufen, weil er als einziger Mensch in ganz Singapur nicht weiß, dass die Oberschicht inklusive seiner engsten Familienmitglieder alle Normalsterblichen ablehnt. Über lange Strecken des Buches bemerkt er dann noch nicht einmal, dass seine Freundin unglücklich ist, weil sie gemobbt wird. Das lässt daran zweifeln, ob er wirklich so schlau und empathisch ist, wie das Buch behauptet.

Fazit: Wer gerne leichte Liebesromane liest oder Cinderella-Geschichten aus aller Welt sammelt, kann mit „Crazy Rich Asians“ nichts falschmachen. Ich habe mich besser amüsiert, als es hier den Anschein hat, und letztlich war ich für das Buch einfach nicht die richtige Zielgruppe. Wer aber hauptsächlich gerne einmal ein Buch von einem Singapurer Autor lesen möchte, der findet bestimmt noch eine bessere Option.

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