Ulla Hahn: Spiel der Zeit

Erscheinungsjahr: 2014
Land: Deutschland

Diesen Roman habe ich von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene.

Die ersten beiden Teile von Ulla Hahns autobiographisch inspiriertem Bildungsroman, „Das verborgene Wort“ und „Aufbruch“, habe ich mit Begeisterung gelesen. Sie erzählen die Geschichte von Hilla, die in den 1950ern und 60ern in einem Dorf in der Nähe von Köln aufwächst. Hilla ist hochbegabt und bildungshungrig, aber sie ist auch eine  „katho-lische Arbeitertochter vom Lande“, wie Rolf Dahrendorf in einer Studie in den 1960ern die soziale Gruppe definiert hat, die damals die größte Bildungsbenachteiligung ausgesetzt war. Im dritten Band, „Spiel der Zeit“, hat Hilla sich gegen ihre Familie durchgesetzt und entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch einen Studienplatz ergattert. Der Roman begleitet sie, wie sie in der Großstadt, im Studium und der Achtundsechziger-Bewegung abkommt.

Diesmal habe ich etwa 50 Seiten gebraucht, bis mich der Roman gefesselt hat. Zum einen lag das daran, dass seit der Lektüre des zweiten Bandes mehrere Jahre vergangen sind und ich mich an manche Details und Nebenfiguren nicht mehr genau erinnert habe. (Insofern empfiehlt sich der Roman auch nur eingeschränkt für diejenigen, die die beiden ersten Teile nicht kennen.) Zum anderen hat Ulla Hahn stärker als in den vorherigen Bänden eine zweite Erzählebene eingeführt, auf der sie die Handlung kommentiert und einordnet. So erklärt sie gleich zu Beginn den Ausgangspunkt der Handlung und ihre Motivation als Autorin:

„Hilla Palm ist aus Dondorf weg, nach Köln, studiert dort Germanistik und Geschichte, wohnt in einem Haus für katholische Studentinnen, dem Hildegard-Kolleg. Und nur wegen ihr mache ich mich jetzt an den dritten Band, denn wie gesagt, ich kann sie doch nicht hängen lassen, verkommen lassen nach dieser Nacht auf der Lichtung im Krawatter Busch.“

 Es hat sich aber gelohnt, trotz des etwas sperrigen Einstiegs weiterzulesen, denn Ulla Hahn beschreibt die Achtundsechziger aus einer Perspektive, die selten ist: Als Teilnehmerin, aber eben als Katholikin, Frau und Arbeiterkind mit einem anderen Blickwinkel als der Großteil der Achtundsechziger. Einerseits sympathisieren sowohl Hilla als auch die Autorin Ulla Hahn mit den Studierenden, die eine gerechtere Gesellschaftsordnung fordern. Andererseits werden die blinden Flecken der Bewegung deutlich. Auf einer Party erzählt ein Student aus gutem Hause empört, wie er die Arbeiter einer nahen Fabrik vergeblich zum Klassenkampf aufgerufen habe und dafür nur ausgelacht worden sei. In der darauf folgenden Diskussion mehrerer junger, gutsituierter Männer bleibt Hilla stumm. Dabei ist sie die einzige, die aus einer Arbeiterfamilie stammt, selbst als Jugendliche am Band gearbeitet hat und dabei sogar einmal erfolgreich einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen organisiert hat. Aber so weit reicht der Gleichheits-anspruch dann doch nicht, dass nun sogar Mädchen aus der Unterschicht nach ihrer Meinung gefragt würden… Insofern bleibt Hilla eher am Rand der Bewegung. Dazu trägt auch bei, dass sie als Germanistik-Studentin mit einer Vorliebe für Sprachspiele die Rhetorik von Dutschke & Co nie richtig ernst nehmen kann. Einige der amüsantesten Szenen des Buches beschreiben, wie sie mit ihrem Freund Hugo Zitate aus der Mao-Bibel auf Alltagssituationen wie das schlechte Mensa-Essen anwendet.

Das zweite große Thema von „Spiel der Zeit“ ist die Frage, wie man trotz schlimmer Erfahrungen und schlechter Startbedingungen ein glückliches Leben führen kann. Ulla gelingt es mit Hugos Unterstützung, sich mit dem traumatischen Erlebnis, das ihr zwei Jahre vorher zugestoßen ist, soweit zu arrangieren, dass es nicht mehr ihr Leben dominiert. Und sie söhnt sich mit ihrer Familie aus. Für mich als Leserin unerwartet gelingt es ihr nun, da sie nicht mehr daheim wohnt, eine positive Beziehung zu ihren Eltern aufzubauen und selbst ihrem Vater sein früheres Verhalten zu verzeihen. Und den Eltern gelingt es ihrerseits, endlich einmal stolz auf Hilla zu sein und sie – wenn auch widerwillig – sogar zu unterstützen. Somit endet „Spiel der Zeit“ versöhnlicher als die beiden Vorgänger-Romane.  Wie es mit Hilla weitergeht, wird schließlich der vierte Band der Reihe zeigen, der letzten Herbst auch schon erschienen ist.

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Buchempfehlungen zum Jahresbeginn

Eigentlich sollte es auch dieses Jahr wieder Weihnachtsbuchtipps geben. Aber dann kam der 24.Dezember so überraschend… Deshalb hier nun 7 Bücher, die zu lesen sich auch 2018 lohnt – der Winter hat schließlich gerade erst so richtig angefangen!

  1. Ein Familienroman: „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ von Madeleine Thien (Orig. Do not say we have nothing)

Marie lebt mit ihrer Mutter, einer chinesischen Immigrantin, in Toronto. Ihr Vater ist vor einigen Jahren aus ungeklärten Gründen alleine nach Hongkong gereist und dort verstorben. Als die Studentin  Ai-Ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus China geflohen ist, bei ihnen Unterschlupf findet, erfährt Marie Stück für Stück die Geschichte ihrer Familie: Drei Generationen von Musikern, deren einziger Wunsch es ist, zu musizieren, und die doch seit den 1940er Jahren immer wieder zu Opfern der politischen Umstürze werden. Ein poetischer Roman über China im 20. Jahrhundert, über das Fortwirken politischer Gewalt durch die Generationen und die Frage, ob Künstlertum unter totalitären Bedingungen möglich ist.

 

  1. Ein Krimi: „Das Vermächtnis der Spione“ (Orig.: A Legacy of Spies) von John Le Carré

50 Jahre nach dem Erscheinen von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ kehrt John Le Carré noch einmal zu seiner bekanntesten Geschichte zurück: Peter Guillam, ehemaliger Mitarbeiter des MI6, wird von seinem Alterssitz in Frankreich nach London gerufen. Die Nachkommen von Alec Leamas und Liz Gold, die bei der Operation Windfall an der Berliner Mauer starben, verklagen den MI6 und es droht zudem ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss. Peter als damals Beteiligter soll nun vor den jungen Geheimdienstkollegen alle Details der Geheimoperation offenlegen. Widerstrebend rollt Peter den Fall wieder auf und wird dabei mit der Frage seiner eigenen Verantwortung konfrontiert. Er ist Spion geworden in der Überzeugung, dass der Zweck die Mittel heiligt. Aber rückblickend zweifelt er: „How much of our human feeling can we dispense with in the name of freedom, before we cease to feel either human or free? “

„Das Vermächtnis der Spione“ ist ein spannender und aktueller Thriller auch für diejenigen, die “Der Spion, der aus der Kälte kam“ noch nicht kennen.

 

  1. Ein Klassiker: „A Tale of Two Cities“ von Charles Dickens (Dt.: „Eine Geschichte aus zwei Städten“)

Dickens‘ „Geschichte aus zwei Städten“ spielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in London und Paris. Ein französischer Arzt kann nach langer politischer Haft im Ancien Regime nach London fliehen und lebt dort zufrieden und zurückgezogen mit seiner Tochter. Doch als diese ausgerechnet einen französischen Adeligen heiratet, wird die ganze Familie in eine Affäre verwickelt, die sie zurück ins Paris der Jakobiner und in gefährliche Nähe zur Guillotine bringt… Bemerkenswert angesichts des Publikationsdatums 1856 ist, wie ausgewogen Dickens die Französische Revolution bewertet. Seine Beschreibung der psychischen Folgen von Isolationshaft wirken im Vergleich zum „Graf von Monte Christo“ oder anderen zeitgenössischen Romanen außerordentlich realistisch und seine sarkastischen Bemerkungen zur Todesstrafe könnte Amnesty International heute genauso auf eine Broschüre drucken. Gleichzeitig ist  „Eine Geschichte aus zwei Städten“ ein klassischer Dickens, wenn auch erfreulich kurz: voller melodramatischer Wendungen und mit einem Doppelgänger, finsteren Herzögen, verschollenen Kindern, treuen Gouvernanten und nicht zuletzt einer dauerstrickenden Revolutionärin, die einen zukünftig ganz anders auf Handarbeitszirkel blicken lässt.

 

 4. Ein historischer Roman: „Die Essex-Schlange“ (Orig. The Essex Serpent) von Sarah Perry

England, Ende des 19. Jahrhunderts: Finstere und rätselhafte Ereignisse versetzen das Dorf Aldwinter in Aufruhr. Es gibt Gerüchte, dass ein Meerungeheuer, die Schlange von Essex, vor der Küste lauert und ihr Unwesen treibt. Die frisch verwitwete Cora, eine begeisterte Hobby-Archäologin, reist nach Aldwinter, denn sie ist fest überzeugt, dass es sich bei der Schlange um einen lebendigen Dinosaurier handelt. Der örtliche Pfarrer hingegen ist überzeugt, dass die Ereignisse mit gesundem Menschenverstand und Gottvertrauen aufzuklären sein müssen. Zeitgleich trainiert Coras Freund Luke für das ultimative Meisterstück der Chirurgie: die Operation an einem Organ. Und Coras Gouvernante lobbyiert für bessere Wohnbedingungen in den Londoner Slums. Sarah Perry malt rund um die geheimnisvolle Schlange von Essex ein Porträt der viktorianischen Gesellschaft, die hin und hergerissen ist zwischen Wunderglauben und Anbetung der Wissenschaft, Tradition und Fortschrittsoptimismus.

 

  1. Ein Sachbuch: „Der Mann ohne Gesicht. Wladimir Putin – Eine Enthüllung“ von Masha Gessen (Orig. The Man without a Face: The unlikely Rise of Vladimir Putin)

Masha Gessens Porträt von Vladimir Putin und der Gesellschaft, die er geschaffen hat, ist zwar schon 2011 erschienen. Aber da er gerade angekündigt hat, 2018 wieder als Präsident zu kandidieren und uns allen so noch eine Weile erhalten bleibt, lohnt sich die Lektüre immer noch. Gessen zeichnet Putins Weg zur Macht und seinen zielstrebigen Umbau des russischen Staates präzise nach. Dabei geht sie kritisch mit offiziellen Berichten wie Putins berühmtem Times-Interviewband um und macht immer transparent, auf welche Quellen sie ihre Thesen stützt. Das Gesamtbild ist ebenso erhellend wie bestürzend.

 

  1. Ein Liebesroman: Ausgerechnet du und ich (Orig.: Sofia Khan is not obliged) von Ayisha Malik

Der Klappentext beschreibt die Heldin dieses Buchs als „muslimische Bridget Jones“: Sofia arbeitet in einem Londoner Verlag, hat sich vor kurzem von ihrem Freund getrennt und trägt einen Hijab –  zum Entsetzen ihrer pakistanisch-stämmigen Eltern, die fürchten, dass sie so nie einen Mann findet. Ihre Chefin überredet Sofia, einen Dating-Ratgeber für Muslime zu schreiben, und so macht sich Sofia, streng für Recherchezwecke, auf die Suche nach dem perfekten Mann… „Ausgerechnet du und ich“ ist eine unkonventionelle Variante eines bewährten Stoffes, eine lustige und leichte Lektüre. Ayisha Malik spielt gekonnt mit Klischees und zeigt beiläufig, dass ein Kopftuch nicht immer ein Problemthema sein muss, sondern manchmal auch nur Teil eines ganz normalen Alltags ist.

 

  1. Ein Buch für Feminist*innen: „Women & Power“ von Mary Beard

Was hat die Wahlniederlage Hillary Clintons mit dem Haupt der Medusa zu tun? In ihrem schmalen Essayband zeigt die Altertumswissenschaftlerin Mary Beard auf anschauliche Weise, wie stark die Frauenfeindlichkeit der Antike noch heute in unseren westlichen Gesellschaften nachwirkt. In einer Zeit, in der im politischen Diskurs gerne auf unsere „abendländischen Wurzeln“ verwiesen wird, macht sie deutlich, dass zu diesen Wurzeln auch ein durch und durch männlich konnotiertes Konzept vom öffentlichen Sprechen gehört. Mary Beard argumentiert überzeugend, ohne Monokausalität zu behaupten, und demonstriert damit wieder einmal, dass die antiken Klassiker (leider?) auch heute noch relevant sind.

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Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten (Dr. Siri ermittelt 1)

(Originaltitel: The Coroner’s Lunch )
Erscheinungsjahr: 2004
Land: Laos

Laos, 1976: Dr. Siri Paiboun wird nach der kommunistischen Revolution mit 72 Jahren zum einzigen Leichenbeschauer von ganz Laos ernannt. Zwar hat er keine entsprechende Ausbildung, geschweige denn die passende Ausrüstung. Aber das Politbüro lässt ihm keine Wahl, und so stürzt sich Dr. Siri mit einem alten französischen Fachbuch, dem Chemielabor des örtlichen Gymnasiums und seinen Assistenten Herr Geung und Frau Dtui in die ungewohnte Arbeit. Schon bald hat er es mit mehreren mysteriösen Fällen zu tun: Die Frau eines Parteibonzen stirbt bei einem Festessen, und drei tote Vietnamesen werden in einem See gefunden. Dr. Siri ermittelt plötzlich nicht nur gegen einen hochrangigen Parteikader, sondern muss außerdem einen internationalen Konflikt zwischen den sozialistischen Brüdervölkern Laos und Vietnam verhindern.

Sehr humorvoll schildert Colin Cotterill den Alltag seines Helden in der Mangelwirtschaft. Dr. Siri ist nicht nur durch die Vorgaben des Politbüros in seiner Arbeit eingeschränkt, sondern noch viel mehr durch das Fehlen wichtiger Materialien. Möglicherweise kommt das kommunistische Regime etwas zu gut weg, aber andererseits flicht der Autor verschiedene kritische Themen, etwa das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu den Indigenen, in die Handlung ein. Ebenso exotisch wie der Schauplatz sind auch die Charaktere, die das Buch bevölkern und vom Autor liebevoll gezeichnet werden. Dazu gehört zum Beispiel der Assistent Herr Geung, der Trisomie 21 hat, was aber keineswegs sein Hauptmerkmal ist. Oder auch das siebzigjährige „Love Interest“ von Dr. Siri, eine Straßenverkäuferin, deren Sandwiches ich auch gerne einmal probieren würde. Schon allein für diese liebenswürdigen Nebenfiguren lohnt sich die Lektüre des Krimis.

Das einzige, womit ich mich wegen meiner Abneigung gegen Geistergeschichten etwas schwergetan habe, war Dr. Siris übersinnliche Seite. Ihm erscheinen sowohl Tote, also auch Dämonen. Vermutlich ist dies eine Verneigung Cotterills vor den traditionellen animistischen Religionen in Laos. Letztlich haben diese Geistererscheinungen für die Handlung ungefähr die gleiche Funktion, wie die Intuition für Hercule Poirot oder die Kenntnis der menschlichen Natur für Miss Marple. Sie erklären Dr. Siris Geistesblitze, die ihm helfen, auf die richtige Spur zu gelangen.

Die Dr. Siri – Krimis hatte mir eine Freundin empfohlen, und ganz besonders „Briefe an einen Blinden“ ans Herz gelegt. Ich habe mit dem ersten Band der Reihe angefangen, werde aber sicher noch mehr Krimis aus der Reihe lesen.

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Sommerbuchclub 2017: Eine Frage der Zeit (von Alex Capus)

Erscheinungsjahr: 2007
Land: Tansania / Deutschland

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Eine Frage der Zeit“ als Ausgangspunkt für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Es ist keine umfassende Rezension, sondern ich greife erstmal nur ein paar Punkte als Diskussionsstart heraus. Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

Alex Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm das Dampfschiff „Götzen“ in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden. Diese Perspektive auf den Krieg macht die ganze Absurdität von Geopolitik viel deutlicher, als es der Fokus auf Europa könnte: Weil weit entfernt der Krieg ausgebrochen ist und Ostafrika strategisch und wirtschaftlich wichtig ist, müssen sich plötzlich zwei Schiffe quer über den Tanganikasee jagen. Dass die Götzen dafür als ziviler Dampfer nicht gemacht und das gegnerische belgische Kriegsschiff altersschwach ist, spielt keine Rolle. Bei aller Absurdität verschweigt Capus aber nicht, dass diese strategischen Spielchen ganz real Menschenleben kosten. Die Panik und Traumatisierung der Werftarbeiter, die sich plötzlich als Soldaten in einer Seeschlacht finden, beschreibt Capus sehr bewegend.

Die drei Werftarbeiter kommen als Außenseiter und Neulinge in die Kolonie und der Leser sieht durch ihre Augen die neue Umgebung. Das ist anschaulich und lebhaft erzählt, aber gleichzeitig liegt in dieser Perspektive mein einziger Kritikpunkt an dem Buch: Die Männer sind so sympathisch, kritisch und analytisch, dass es mir unrealistisch vorkommt. Dass der überzeugte Sozialdemokrat Wendt auf Grundlage seiner marxistischen Schulungen im Arbeiterbildungsverein seiner in der Kolonie plötzlich viel höheren gesellschaftlichen Stellung misstraut, würde ich Capus abnehmen– zumal Wendt seine anfängliche Absicht, keine Dienstboten einzustellen, nicht lange durchhält. Aber in diesem Roman scheinen fast alle Figuren zu begreifen, dass der Kolonialismus Unrecht ist. Und da fragt man sich als Leser doch, ob hier nicht eher der Autor mit der Perspektive des 21. Jahrhunderts spricht. Der Gouverneur Deutsch-Ostafrikas beispielsweise sagt einmal  „Das ist das Einzige, was ich den Schwarzen wirklich übel nehme, dass sie mich zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte, und dass ich als Mensch nicht die Wahl hab zwischen dem Guten und dem Bösen.“ Die Überzeugung, dass die Opfer ja selbst schuld seien, war sicher typisch für die Kolonialpolitik und auch die Kindererziehung des Kaiserreichs. Aber würde der Gouverneur wirklich so eindeutig die Prügel- und Kettenstrafen, die er einsetzt, als böse definieren? Ich bin mir nicht sicher. Die einzige Person im ganzen Buch, die den Kolonialismus uneingeschränkt prima findet und zudem auch auf den Ausbruch eines möglichst großen Krieges hofft, ist Oberleutnant Göring. Und damit der Leser auch ja versteht, dass hier ein Schurke sitzt, weist Capus in einem Nebensatz darauf hin, dass der Oberleutnant mit einem gewissen Hermann verwandt ist…

Die freundliche Ironie, mit der Capus seine Hauptfiguren am liebsten betrachtet, macht also in meinen Augen die deutschen Charaktere etwas unglaubwürdig. Weit besser funktioniert sie bei der vierten Hauptfigur des Buches, dem britischen Marine-Oberleutnant Spicer-Simson, der davon träumt, ein großer Held zu werden, und dabei immer wieder daran scheitert, dass er ein trotteliger Angeber ist. Die Kapitel mit Spicer-Simson sind witzig und bieten in meinen Augen etwas Entspannung von den großen moralischen Fragen der Geschichte um die Werftarbeiter. Gleichzeitig laäft natürlich auch dieser Handlungsstrang auf eine Seeschlacht zu…

Soviel erst einmal von mir. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!

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Anne Enright: Rosaleens Fest

(Originaltitel: The Green Road)
Erscheinungsjahr: 2015
Land: Irland

Ich habe „Rosaleens Fest“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde vom Verlag nicht beeinflusst.

„Rosaleens Fest“ ist die Geschichte der Familie Madigan, genauer der Mutter Rosaleen und ihrer vier Kinder Dan, Emmet, Constance und Hanna (der Vater taucht nur im ersten Kapitel als schweigsamer Beobachter im Hintergrund auf und stirbt früh und ohne große Erwähnung im Roman). Das titelgebende Familienfest ist ein Weihnachtstag, den zum ersten Mal seit Jahren alle erwachsenen Kinder zu Hause mit ihrer Mutter feiern. Da Rosaleen ihr Haus im Zuge des irischen Immobilienbooms verkaufen möchte, ist es vermutlich das letzte gemeinsame Treffen dort. Nur Constance lebt noch mit ihrer Familie im gleichen Ort. Hannah ist in Dublin, Dan lebt in Kanada und Emmett ist als Entwicklungshelfer ständig auf dem Sprung von einem Land zum nächsten.

Die einzelnen Kapitel, die zum Fest hinführen, sind abwechselnd aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder geschrieben und stehen unverbunden und mit großen zeitlichen Abständen nebeneinander. Da die Familienmitglieder wenig Kontakt zueinander haben, liest sich das Buch eher wie eine Kurzgeschichtensammlung. Das war für mich eine der Schwächen des Romans, denn eigentlich ist das zentrale Thema die Dysfunktionalität der Familie Madigan, vor allem die manipulative und tyrannische Art von Rosaleen. Leider behauptet der Roman diese Dysfunktionalität eher, als dass er sie zeigt. Rosaleen scheint in den Szenen im Buch durchaus unsympathisch, aber nicht so tyrannisch, dass sich daraus zwangsläufig vier verkorkste Kinder ergeben müssen. Zudem wirken die Kinder mit einer Ausnahme gar nicht so verkorkst, wie das Buch behauptet – die beschriebenen Probleme mit Beziehungskisten, Krankheiten und Langeweile kamen mir größtenteils recht alltäglich vor. Die zweite Schwäche des Romans ist in meinen Augen, dass Enright gewissermaßen eine Bingokarte der Standardmotive für einen irischen Familienroman abarbeitet: eine große Familie, sexuelle Verklemmtheit, Alkoholismus, die irische Landschaft, eine Matriarchin, ein angehender Priester (der in Wahrheit schwul ist), Emigration, ein Hinweis auf den Bürgerkrieg… viele Themen des Romans waren vorhersehbar. Obwohl ich Anne Enrights eleganten Stil bewundere, hat der Roman mich nicht überzeugt. Einige der Kapitel hätte ich als Kurzgeschichten durchaus interessant gefunden, aber in ihrer Gesamtheit hat mich  die Geschichte der Familie Madigan nicht gepackt.

Allerdings ist das eine Mindermeinung: „Rosaleens Fest“ war für zahlreiche Preise, unter anderem den Man Booker Preis, nominiert. Und viele Kritiker lobten gerade den Aufbau, der vieles nur andeutet, und die „typisch irische Atmosphäre“.  Wer also Familiengeschichten mag oder von Irland nicht genug bekommen kann, sollte sich nicht von „Rosaleens Fest“ abhalten lassen.

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Sommerbuchclub 2017: Das Buch

Das Ergebnis der Abstimmung ist da: Dieses Jahr begibt sich der Sommer-Buchclub mit „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus gedanklich nach Tansania. Alle, die mitlesen wollen, haben jetzt fünf Wochen Zeit. Am 6. August werde ich als Startsignal für unsere Diskussion meine Besprechung online stellen. Wie in den letzten Jahren könnt ihr dann eure Eindrücke entweder in der Kommentarfunktion mitteilen oder auf eurem eigenen Blog einen Beitrag schreiben, den ihr hierher verlinkt.Ich freue mich schon!

Und zur Einstimmung hier noch einmal unsere Buchclubdiskussionen 2015 und 2016.

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Sommer-Buchclub 2017: Die Bücher-Auswahl

Auch dieses Jahr veranstalte ich wieder den Sommer-Buchclub, in dem wir alle parallel ein Buch lesen und dann hier auf der Seite darüber diskutieren. Ich stelle dafür 2 Bücher zur Auswahl, und alle, die mitmachen wollen, können bis zum 1. Juli in der Kommentarfunktion für ihren Favoriten abstimmen. Das Buch mit den meisten Stimmen werden wir im Lauf des Julis lesen. Anfang August beginnen wir dann mit der Diskussion.

Hier kommt die Auswahl:

  1. Tansania / Deutschland: „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus , 304 Seiten, 9,90€

Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm ein Dampfschiff in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden.

Bevor wir nächstes Jahr 100 Jahre Ende des 1. Weltkriegs feiern, können wir mit diesem Buch einen Blick auf den „Großen Krieg“ in einer Weltregion werfen, die sonst nicht im Fokus des Geschichtsunterrichts steht.

  1. USA: „ Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng (Orig.: Everything I never told you), 288 Seiten, 19,99€

Die 16jährige Lydia ist tot, nachts im See ertrunken. War es Mord oder Selbstmord? Aus den wechselnden Perspektiven ihrer Eltern und Geschwister entrollt sich langsam die Vorgeschichte des Todesfalls. Parallel zum Kriminalfall schildert der Roman das Leben von chinesischen Migranten in einer amerikanischen Collegestadt der 1970er Jahre.

Celeste Ngs Roman ist eine Mischung aus Krimi und Familiengeschichte und damit hervorragend geeignet als Sommerlektüre – allerdings bisher auf Deutsch nur gebunden erhältlich.

 

Was spricht euch am meisten an? Ich bin gespannt auf eure Präferenzen! Und zur Erinnerung hier noch einmal unsere Buchclubdiskussionen 2015 und 2016.

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