Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten (Dr. Siri ermittelt 1)

(Originaltitel: The Coroner’s Lunch )
Erscheinungsjahr: 2004
Land: Laos

Laos, 1976: Dr. Siri Paiboun wird nach der kommunistischen Revolution mit 72 Jahren zum einzigen Leichenbeschauer von ganz Laos ernannt. Zwar hat er keine entsprechende Ausbildung, geschweige denn die passende Ausrüstung. Aber das Politbüro lässt ihm keine Wahl, und so stürzt sich Dr. Siri mit einem alten französischen Fachbuch, dem Chemielabor des örtlichen Gymnasiums und seinen Assistenten Herr Geung und Frau Dtui in die ungewohnte Arbeit. Schon bald hat er es mit mehreren mysteriösen Fällen zu tun: Die Frau eines Parteibonzen stirbt bei einem Festessen, und drei tote Vietnamesen werden in einem See gefunden. Dr. Siri ermittelt plötzlich nicht nur gegen einen hochrangigen Parteikader, sondern muss außerdem einen internationalen Konflikt zwischen den sozialistischen Brüdervölkern Laos und Vietnam verhindern.

Sehr humorvoll schildert Colin Cotterill den Alltag seines Helden in der Mangelwirtschaft. Dr. Siri ist nicht nur durch die Vorgaben des Politbüros in seiner Arbeit eingeschränkt, sondern noch viel mehr durch das Fehlen wichtiger Materialien. Möglicherweise kommt das kommunistische Regime etwas zu gut weg, aber andererseits flicht der Autor verschiedene kritische Themen, etwa das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu den Indigenen, in die Handlung ein. Ebenso exotisch wie der Schauplatz sind auch die Charaktere, die das Buch bevölkern und vom Autor liebevoll gezeichnet werden. Dazu gehört zum Beispiel der Assistent Herr Geung, der Trisomie 21 hat, was aber keineswegs sein Hauptmerkmal ist. Oder auch das siebzigjährige „Love Interest“ von Dr. Siri, eine Straßenverkäuferin, deren Sandwiches ich auch gerne einmal probieren würde. Schon allein für diese liebenswürdigen Nebenfiguren lohnt sich die Lektüre des Krimis.

Das einzige, womit ich mich wegen meiner Abneigung gegen Geistergeschichten etwas schwergetan habe, war Dr. Siris übersinnliche Seite. Ihm erscheinen sowohl Tote, also auch Dämonen. Vermutlich ist dies eine Verneigung Cotterills vor den traditionellen animistischen Religionen in Laos. Letztlich haben diese Geistererscheinungen für die Handlung ungefähr die gleiche Funktion, wie die Intuition für Hercule Poirot oder die Kenntnis der menschlichen Natur für Miss Marple. Sie erklären Dr. Siris Geistesblitze, die ihm helfen, auf die richtige Spur zu gelangen.

Die Dr. Siri – Krimis hatte mir eine Freundin empfohlen, und ganz besonders „Briefe an einen Blinden“ ans Herz gelegt. Ich habe mit dem ersten Band der Reihe angefangen, werde aber sicher noch mehr Krimis aus der Reihe lesen.

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Sommerbuchclub 2017: Eine Frage der Zeit (von Alex Capus)

Erscheinungsjahr: 2007
Land: Tansania / Deutschland

Hier kommt meine Buchbesprechung für „Eine Frage der Zeit“ als Ausgangspunkt für unseren diesjährigen Sommer-Buchclub. Es ist keine umfassende Rezension, sondern ich greife erstmal nur ein paar Punkte als Diskussionsstart heraus. Eine Warnung gleich am Anfang: Normalerweise versuche ich, nicht zu viel über die Handlung eines Buches zu verraten. Aber in diesem Fall gehe ich davon aus, dass alle, die mitdiskutieren, die Handlung sowieso schon kennen. In der Diskussion sind „Spoiler“ also erlaubt.

Alex Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm das Dampfschiff „Götzen“ in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden. Diese Perspektive auf den Krieg macht die ganze Absurdität von Geopolitik viel deutlicher, als es der Fokus auf Europa könnte: Weil weit entfernt der Krieg ausgebrochen ist und Ostafrika strategisch und wirtschaftlich wichtig ist, müssen sich plötzlich zwei Schiffe quer über den Tanganikasee jagen. Dass die Götzen dafür als ziviler Dampfer nicht gemacht und das gegnerische belgische Kriegsschiff altersschwach ist, spielt keine Rolle. Bei aller Absurdität verschweigt Capus aber nicht, dass diese strategischen Spielchen ganz real Menschenleben kosten. Die Panik und Traumatisierung der Werftarbeiter, die sich plötzlich als Soldaten in einer Seeschlacht finden, beschreibt Capus sehr bewegend.

Die drei Werftarbeiter kommen als Außenseiter und Neulinge in die Kolonie und der Leser sieht durch ihre Augen die neue Umgebung. Das ist anschaulich und lebhaft erzählt, aber gleichzeitig liegt in dieser Perspektive mein einziger Kritikpunkt an dem Buch: Die Männer sind so sympathisch, kritisch und analytisch, dass es mir unrealistisch vorkommt. Dass der überzeugte Sozialdemokrat Wendt auf Grundlage seiner marxistischen Schulungen im Arbeiterbildungsverein seiner in der Kolonie plötzlich viel höheren gesellschaftlichen Stellung misstraut, würde ich Capus abnehmen– zumal Wendt seine anfängliche Absicht, keine Dienstboten einzustellen, nicht lange durchhält. Aber in diesem Roman scheinen fast alle Figuren zu begreifen, dass der Kolonialismus Unrecht ist. Und da fragt man sich als Leser doch, ob hier nicht eher der Autor mit der Perspektive des 21. Jahrhunderts spricht. Der Gouverneur Deutsch-Ostafrikas beispielsweise sagt einmal  „Das ist das Einzige, was ich den Schwarzen wirklich übel nehme, dass sie mich zwingen, Dinge zu tun, die ich selbst für böse halte, und dass ich als Mensch nicht die Wahl hab zwischen dem Guten und dem Bösen.“ Die Überzeugung, dass die Opfer ja selbst schuld seien, war sicher typisch für die Kolonialpolitik und auch die Kindererziehung des Kaiserreichs. Aber würde der Gouverneur wirklich so eindeutig die Prügel- und Kettenstrafen, die er einsetzt, als böse definieren? Ich bin mir nicht sicher. Die einzige Person im ganzen Buch, die den Kolonialismus uneingeschränkt prima findet und zudem auch auf den Ausbruch eines möglichst großen Krieges hofft, ist Oberleutnant Göring. Und damit der Leser auch ja versteht, dass hier ein Schurke sitzt, weist Capus in einem Nebensatz darauf hin, dass der Oberleutnant mit einem gewissen Hermann verwandt ist…

Die freundliche Ironie, mit der Capus seine Hauptfiguren am liebsten betrachtet, macht also in meinen Augen die deutschen Charaktere etwas unglaubwürdig. Weit besser funktioniert sie bei der vierten Hauptfigur des Buches, dem britischen Marine-Oberleutnant Spicer-Simson, der davon träumt, ein großer Held zu werden, und dabei immer wieder daran scheitert, dass er ein trotteliger Angeber ist. Die Kapitel mit Spicer-Simson sind witzig und bieten in meinen Augen etwas Entspannung von den großen moralischen Fragen der Geschichte um die Werftarbeiter. Gleichzeitig laäft natürlich auch dieser Handlungsstrang auf eine Seeschlacht zu…

Soviel erst einmal von mir. Ich bin gespannt auf eure Eindrücke!

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Anne Enright: Rosaleens Fest

(Originaltitel: The Green Road)
Erscheinungsjahr: 2015
Land: Irland

Ich habe „Rosaleens Fest“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde vom Verlag nicht beeinflusst.

„Rosaleens Fest“ ist die Geschichte der Familie Madigan, genauer der Mutter Rosaleen und ihrer vier Kinder Dan, Emmet, Constance und Hanna (der Vater taucht nur im ersten Kapitel als schweigsamer Beobachter im Hintergrund auf und stirbt früh und ohne große Erwähnung im Roman). Das titelgebende Familienfest ist ein Weihnachtstag, den zum ersten Mal seit Jahren alle erwachsenen Kinder zu Hause mit ihrer Mutter feiern. Da Rosaleen ihr Haus im Zuge des irischen Immobilienbooms verkaufen möchte, ist es vermutlich das letzte gemeinsame Treffen dort. Nur Constance lebt noch mit ihrer Familie im gleichen Ort. Hannah ist in Dublin, Dan lebt in Kanada und Emmett ist als Entwicklungshelfer ständig auf dem Sprung von einem Land zum nächsten.

Die einzelnen Kapitel, die zum Fest hinführen, sind abwechselnd aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder geschrieben und stehen unverbunden und mit großen zeitlichen Abständen nebeneinander. Da die Familienmitglieder wenig Kontakt zueinander haben, liest sich das Buch eher wie eine Kurzgeschichtensammlung. Das war für mich eine der Schwächen des Romans, denn eigentlich ist das zentrale Thema die Dysfunktionalität der Familie Madigan, vor allem die manipulative und tyrannische Art von Rosaleen. Leider behauptet der Roman diese Dysfunktionalität eher, als dass er sie zeigt. Rosaleen scheint in den Szenen im Buch durchaus unsympathisch, aber nicht so tyrannisch, dass sich daraus zwangsläufig vier verkorkste Kinder ergeben müssen. Zudem wirken die Kinder mit einer Ausnahme gar nicht so verkorkst, wie das Buch behauptet – die beschriebenen Probleme mit Beziehungskisten, Krankheiten und Langeweile kamen mir größtenteils recht alltäglich vor. Die zweite Schwäche des Romans ist in meinen Augen, dass Enright gewissermaßen eine Bingokarte der Standardmotive für einen irischen Familienroman abarbeitet: eine große Familie, sexuelle Verklemmtheit, Alkoholismus, die irische Landschaft, eine Matriarchin, ein angehender Priester (der in Wahrheit schwul ist), Emigration, ein Hinweis auf den Bürgerkrieg… viele Themen des Romans waren vorhersehbar. Obwohl ich Anne Enrights eleganten Stil bewundere, hat der Roman mich nicht überzeugt. Einige der Kapitel hätte ich als Kurzgeschichten durchaus interessant gefunden, aber in ihrer Gesamtheit hat mich  die Geschichte der Familie Madigan nicht gepackt.

Allerdings ist das eine Mindermeinung: „Rosaleens Fest“ war für zahlreiche Preise, unter anderem den Man Booker Preis, nominiert. Und viele Kritiker lobten gerade den Aufbau, der vieles nur andeutet, und die „typisch irische Atmosphäre“.  Wer also Familiengeschichten mag oder von Irland nicht genug bekommen kann, sollte sich nicht von „Rosaleens Fest“ abhalten lassen.

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Sommerbuchclub 2017: Das Buch

Das Ergebnis der Abstimmung ist da: Dieses Jahr begibt sich der Sommer-Buchclub mit „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus gedanklich nach Tansania. Alle, die mitlesen wollen, haben jetzt fünf Wochen Zeit. Am 6. August werde ich als Startsignal für unsere Diskussion meine Besprechung online stellen. Wie in den letzten Jahren könnt ihr dann eure Eindrücke entweder in der Kommentarfunktion mitteilen oder auf eurem eigenen Blog einen Beitrag schreiben, den ihr hierher verlinkt.Ich freue mich schon!

Und zur Einstimmung hier noch einmal unsere Buchclubdiskussionen 2015 und 2016.

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Sommer-Buchclub 2017: Die Bücher-Auswahl

Auch dieses Jahr veranstalte ich wieder den Sommer-Buchclub, in dem wir alle parallel ein Buch lesen und dann hier auf der Seite darüber diskutieren. Ich stelle dafür 2 Bücher zur Auswahl, und alle, die mitmachen wollen, können bis zum 1. Juli in der Kommentarfunktion für ihren Favoriten abstimmen. Das Buch mit den meisten Stimmen werden wir im Lauf des Julis lesen. Anfang August beginnen wir dann mit der Diskussion.

Hier kommt die Auswahl:

  1. Tansania / Deutschland: „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus , 304 Seiten, 9,90€

Capus erzählt auf Grundlage wahrer Begebenheiten von drei norddeutschen Werftarbeitern, die für Kaiser Wilhelm ein Dampfschiff in Einzelteilen nach Afrika an den Tanganikasee überführen. Zuerst genießen die drei das Leben im kolonialen Deutsch-Ostafrika, aber dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich werden weit weg von Europa die Europäer rund um den See  zu Feinden.

Bevor wir nächstes Jahr 100 Jahre Ende des 1. Weltkriegs feiern, können wir mit diesem Buch einen Blick auf den „Großen Krieg“ in einer Weltregion werfen, die sonst nicht im Fokus des Geschichtsunterrichts steht.

  1. USA: „ Was ich euch nicht erzählte“ von Celeste Ng (Orig.: Everything I never told you), 288 Seiten, 19,99€

Die 16jährige Lydia ist tot, nachts im See ertrunken. War es Mord oder Selbstmord? Aus den wechselnden Perspektiven ihrer Eltern und Geschwister entrollt sich langsam die Vorgeschichte des Todesfalls. Parallel zum Kriminalfall schildert der Roman das Leben von chinesischen Migranten in einer amerikanischen Collegestadt der 1970er Jahre.

Celeste Ngs Roman ist eine Mischung aus Krimi und Familiengeschichte und damit hervorragend geeignet als Sommerlektüre – allerdings bisher auf Deutsch nur gebunden erhältlich.

 

Was spricht euch am meisten an? Ich bin gespannt auf eure Präferenzen! Und zur Erinnerung hier noch einmal unsere Buchclubdiskussionen 2015 und 2016.

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Yaa Gyasi: Homegoing

(auf Deutsch noch nicht erschienen)
Erscheinungsjahr: 2016
Land: Ghana, USA

Yaa Gyasi ist die Tochter ghanaischer Einwanderer in den USA. Die Idee für „Homegoing“ kam ihr, als sie als Studienanfängerin erstmals Ghana besuchte und in Cape Coast das Cape Coast Castle besuchte. Das Cape Coast Castle war ein britischer Stützpunkt, von dem aus seit dem späten 17. Jahrhundert Ghanaer als Sklaven nach Amerika verschifft wurden.

„Homegoing“ nähert sich dem Thema Sklaverei aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Am Anfang der Geschichte stehen zwei Halbschwestern. Effia wird an den britischen Kommandanten von Cape Coast Castle verheiratet, ihre Nachkommen sind einflussreiche Fante-Krieger und Sklavenhändler. Esi wird von Cape Coast Castle aus als Sklavin auf die Baumwollplantagen Nordamerikas verkauft. Jeweils im Wechsel erzählen die Kapitel des Romans von den Nachkommen der beiden über acht Generationen. In gewisser Hinsicht erinnert „Homegoing“ an eine Kurzgeschichtensammlung, da jedes Kapitel um einen neuen Protagonisten kreist und oft lange Lücken zwischen den Ereignissen bleiben. Diese Lücken machen auf beklemmende Weise anschaulich, wie sehr die Sklaverei auch Familienbeziehungen und Erinnerungen an die eigene Herkunft unmöglich gemacht hat. Gleichzeitig werden bestimmte Traumata über Generationen weitergegeben, ohne dass die Figuren begreifen können, woher sie stammen – nur der Leser kann davon eine Ahnung bekommen.

„Homegoing“ hat zwar – wie beschrieben – eine komplexe Struktur. Dennoch erscheint der Roman nicht als übermäßig durchgeplant oder abstrakt. Tatsächlich vergisst man während des Lesens die Struktur, denn die einzelnen Charaktere sind alle vielschichtig und lebendig gezeichnet. Gyasis Sprache ist gleichzeitig lyrisch und sehr präzise, und ich habe das Buch trotz seines oft brutalen Inhalts regelrecht verschlungen. Lediglich das Schlusskapitel wirkt etwas sehr konstruiert, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Die Kapitel über den  amerikanischen Zweig der Familie zeigen herzzerreißend die Bedingungen der Sklaverei im amerikanischen Süden, der Jim-Crow-Ära und der „Great Migration“ nach Norden. Während ich hier die Geschichten zeitlich jeweils ungefähr einordnen konnte, habe ich von ghanaischer Geschichte beschämenderweise so gut wie keine Ahnung. Die Erlebnisse der Figuren im Ghana des 18. und 19. Jahrhunderts haben zumindest für mich einen „blinden Fleck“ ausgefüllt. Eine Besonderheit des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Einfluss die Beteiligung am Sklavenhandel für den Teil der ghanaischen Bevölkerung hatte, der nicht versklavt wurde. „Homegoing“ macht einen Aspekt der Geschichte lebendig, der zumindest außerhalb Afrikas weitgehend unbekannt ist. Wie eine der Figuren, ein Geschichtslehrer im Ghana der 1960er-Jahre sagt:

„We believe the one who has the power. He is the one who gets to write the story. So, when you study history, you must always ask yourself, whose story am I missing? Whose voice was suppressed so that this voice could come forth? Once you have figured that out, you must find that story, too. From there, you begin to get a clearer, yet still imperfect, picture.“

Besonders überraschend fand ich, dass es sich bei “Homegoing“ um den Erstling einer nur 27-jährigen Autorin handelt. Was immer Yaa Gyasi zukünftig schreiben wird: Ich bin sehr gespannt darauf!

 

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Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

Originaltitel: My Name is Lucy Barton
Erscheinungsjahr: 2016
Land: USA

Ich habe „Die Unvollkommenheit der Liebe“ von Random House als Rezensionsexemplar erhalten. Die folgende Bewertung ist meine eigene und wurde von Verlag nicht beeinflusst.

„Bei unserem kleinen Hochzeitsempfang sagte sie zu einer Freundin: „Das ist Lucy.“ Und sie fügte, fast ein bisschen neckisch, hinzu: „Lucy war früher gar niemand.“ Es kränkte mich nicht, und eigentlich kränkt es mich auch jetzt nicht. Aber ich denke bei mir: Kein Mensch auf der ganzen Welt ist gar niemand.“

Lucy Barton ist eine Schriftstellerin in New York, stammt aber aus ärmlichen Verhältnissen im Mittleren Westen. Ihr Vater ist Weltkriegsveteran und durch seine Kriegserfahrungen traumatisiert. Ihre Mutter ist verbittert von ihrem schweren Leben. Lucy und ihre Geschwister erleiden körperliche Misshandlungen und emotionale Vernachlässigung. Genauso leiden sie unter der großen Armut der Familie, die sie selbst in ihrer strukturschwachen Umgebung zu Außenseitern macht. Lucy entkommt erst aufs College und dann nach New York. Als sie sich verlobt, bricht die Familie aus diffusen Gründen den Kontakt zu ihr weitgehend ab. All dies ist aber nicht das Zentrum des Buches, sondern wird genau wie Lucys Entwicklung zur Schriftstellerin nur in Rückblenden erzählt und oft nur angedeutet. Die Haupthandlung spielt während drei Wochen in den 1980ern, als Lucy nach einer Blinddarmoperation wegen Komplikationen im Krankenhaus liegt. Plötzlich taucht ihre Mutter auf und wacht bis zu ihrer Genesung an ihrem Bett. Lucy versucht dies zu nutzen, um mit der Mutter über die Verletzungen ihrer Kindheit zu sprechen, doch die Mutter gibt vor, sich an nichts zu erinnern – oder sie erinnert sich tatsächlich nicht, das kann Lucy nie ganz ergründen. Dennoch ist bei allen Konflikten ihr Ausharren am Krankenbett der Beweis, dass die Mutter Lucy liebt, selbst wenn es darauf sonst wenig Hinweise gibt und sie das niemals aussprechen würde. Hierauf bezieht sich der deutsche Titel, denn die Unvollkommenheit der Liebe zwischen Mutter und Tochter ist das Rätsel, das Lucy zu ergründen versucht. Der Originaltitel „I am Lucy Barton“ passt aber besser als der deutsche Titel. Denn auch wenn die mangelnde Liebesfähigkeit bzw. unterschiedliche Formen, Liebe auszudrücken, Thema ihrer Reflexionen sind, geht es doch letztlich darum, wie ihre Herkunft Lucy geprägt hat.
Neben der Mutter-Tochter-Beziehung behandelt der Roman zwei weitere Themen: Zum einen das Schreiben, zum anderen die Frage, wie große Armut einen Menschen sein Leben lang beeinflusst. Das Milieu, dem Lucy entstammt, ist in den letzten Monaten viel in der Diskussion und der Roman damit unbeabsichtigt tagesaktuell: Lucys Familie gehört zu den Abgehängten, den kleinen Leuten, die benachteiligt sind und wütend, aber deren Wut sich gegen Wehrlose richtet und nicht gegen die Ursachen ihrer benachteiligung. Strout betrachtet sie gleichzeitig schonungslos und mit einer großen Menschenfreundlichkeit. Man kann ihr Verhalten vielleicht verstehen, aber deshalb darf man sie nicht in Schutz nehmen. Wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Olive Kitteridge“ gelingt es ihr, Verständnis für unsympatische Figuren zu wecken, ohnen deren Verhalten zu beschönigen.

Wer viel Handlung mag, ist bei Elisabeth Strout falsch. Stattdessen ist „Die Vollkommenheit der Liebe“ ein kurzer, stiller Roman, optimal für ein ruhiges Winterwochenende.

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